Im Gespräch mit … Winfried Bürzle
„Die schwierigste Disziplin von allen: natürlich bleiben“
Winfried Bürzle ist Mediencoach, Sprecher und Lehrbeauftragter für den Öffentlichen Auftritt an Hochschulen und Akademien.
© Patrizia Doubek
HSS: Woran erkennt man einen richtig überzeugenden Auftritt?
Winfried Bürzle: Natürlich sollte ein öffentlicher Auftritt von allen drei Säulen der Rhetorik getragen sein: von Logos, Pathos und Ethos. Nur dann erfüllt er den Anspruch an einen gelungenen und vielleicht sogar vollkommenen Auftritt. Auf dem Weg dahin bedarf es allerdings ein paar schlichter handwerklicher Fähigkeiten. Zwei davon möchte ich herausstellen: Die rhetorische Kongruenz und die fürs Ohr formulierte Sprache.
Die rhetorische Kongruenz meint die Deckungsgleichheit zwischen Körper- und Verbal-sprache. Kaum etwas zerstört einen Auftritt mehr als ständige Bild- Textscheren. Dass der Körper (Bild) also etwas anderes sagt und ausdrückt als der Text (Verbalsprache). Leider wird die Macht der Körpersprache vor allem in intellektuellen Kreisen oft maßlos unterschätzt.
Mindestens ebenso hoch wie der Anspruch an die Kongruenz ist der an die Verbalsprache. Und auch hier erleben wir ein Meer von Missverständnissen. Schrift- und Sprechsprache verhalten sich zueinander wie Fremdsprachen! Leseverstehen ist etwas komplett anderes als Hörverstehen. Entsprechend muss die Maxime sein: Nicht ausufernd und abstrakt, sondern kurz und bildhaft. Das ist die Sprache des gesprochenen Wortes!
Bei allen handwerklichen Fähigkeiten noch mal zurück zu den drei Säulen: Hier nimmt für mich das Ethos eine herausragende Stellung ein. Erst die Glaubwürdigkeit der Rednerin oder des Redners vermag ein Publikum in den Bann zu ziehen und schafft Vertrauen, Nachvollziehbarkeit und Nachhaltigkeit.
Das Publikum sieht über so manche inhaltliche Schwäche hinweg. Es verzeiht auch, wenn jemand nicht die Gabe für das große Pathos hat. Aber es verzeiht nicht, wenn es am Ende das Gefühl hat: Das nehme ich ihr oder ihm nicht ab!
HSS: Haben auch Sie einen missglückten Auftritt hingelegt? Wenn ja, was genau ist passiert und was haben Sie daraus gelernt?
Winfried Bürzle: Der ganz große Absturz ist mir bislang - Gott sei Dank - erspart geblieben. Sowohl in meinen Seminaren, Coachings und Schulungen, als auch bei meinen öffentlichen Auftritten als Redner und Showmaster meiner Rhetorikshow SPRECHSCHADEN.
Aber der kleine Bruder des Absturzes, der Blackout, der hat mich in den Jahrzehnten meines Schaffens natürlich schon ein paar Mal erwischt. Es ist so eine Art Flash, der mich in solchen Situationen überkommt. Ein Schwall aus Hitze und Druckgefühl, das den Körper von unten nach oben durchfährt.
Es gibt nur ein einzig richtiges Verhalten in dieser Situation: Ruhe bewahren. Und der Trick, um aus dieser Situation herauszukommen, ist ein zweigeteilter. Das Schlimmste wäre, den Blackout siegen zu lassen. Das heißt, in Schockstarre zu fallen und damit in den Abgrund.
Zur Verdeutlichung von Teil zwei des Tricks bemühe ich ein Bild: Stellen Sie sich vor, Sie sind beim Wandern in den Bergen. Plötzlich tut sich eine breite Kluft vor Ihnen auf: zu breit, um sie mit einem Sprung zu überwinden. Sie müssen und wollen aber auf die andere Seite. Was tun Sie? In die Kluft zu springen wäre die schlechteste Lösung, vergleichbar mit dem Blackout, den sie zulassen.
Nein, Sie suchen einen Umweg. Dauert etwas länger, aber bringt Sie zurück in die Spur. Genauso ist es beim Blackout. Reden Sie weiter! Reden Sie meinetwegen teils Fragwürdiges oder gar teils Unsinniges. Aber reden Sie! Machen Sie weiter! Irgendwann sind Sie wieder in der Spur! Das Publikum wird vielleicht etwas irritiert sein. Aber es wird Sie nicht als gescheitertes Opfer Ihrer eigenen Unsicherheit wahrnehmen.
HSS: Was geben Sie bei dem Seminar „Ihr öffentlicher Auftritt“ weiter? Und welchen Tipp können Sie uns jetzt schon verraten?
Winfried Bürzle: Im Seminar geht es natürlich um alle Aspekte der Rhetorik: um Haltung, Stand, Gestik, Mimik, Sprache, Spreche, Argumentation usw. Da ich ein Mann der Praxis bin, gibt es dazu selbst-verständlich auch jede Menge Anschauungs- und Lehrmaterial. Viele Videos über misslungene Auftritte und was wir daraus lernen können. Und ebenso viele Handreichungen, wie wir es besser machen können.
Und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen machen und nicht übers Machen reden. Daher gehen sie mehrmals vor die Kamera und üben. Anschließend analysieren wir die Auftritte. Nicht um jemand vorzuführen, sondern um sie oder ihn zu stützen, ihr oder ihm Feedback zu geben, was schon super gut klappt und wo noch Spielraum für Verbesserung ist.
Und bei all dem Trainieren, Üben und Machen bleibt am Ende meist eine ganz große Erkenntnis: Wir können noch so perfekt umsetzen, gestisch ideal sein, sprachlich brillieren. Die höchste Kunst aber ist eine, die selbst Profis beim öffentlichen Auftritt oft nicht schaffen. Sie klingt so banal und doch ist es die schwierigste Disziplin von allen: natürlich bleiben! Egal, ob vor Publikum, Mikrofon oder Kamera. Kommen Sie. Lassen Sie uns daran arbeiten!
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Werkstudentin Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit