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Zündeln im politischen Schmelztiegel
Die Waldbrände in Lateinamerika

Autorin/Autor: Dr. Holger Michael

Die verheerenden Waldbrände in Bolivien und Brasilien mit ihren apokalyptischen Bildern lösen vielfach emotionale Reaktionen sowie Hilflosigkeit beim deutschen Betrachter aus. Die Schuld nur bei der Politik des rechtspopulistischen Präsidenten Brasiliens Bolsonaro oder seinem sozialistischen Pendant Evo Morales aus Bolivien zu suchen, wird der Vielschichtigkeit der Tragödie aber nicht gerecht.

Brennende Bäume, teilweise verkohlt

Brandrodung in Bolivien

HSS Bollivien

Insbesondere in tropischen Breitengraden nutzen Bauern seit Jahrhunderten das Feuer, um landwirtschaftliche Flächen zu gewinnen, zu erneuern und wieder fruchtbar zu machen. Diese Praktik ist einfach erlernbar, bedarf keiner Technik oder kostenintensiven Inputs und wird seit jeher über viele Generationen hinweg angewandt. Die bewusst gelegten Feuer können ungewünschte Vegetation vernichten und die Asche erhöht die Fruchtbarkeit des Bodens. Das Land kann bebaut werden und der Boden ist frisch gedüngt. So gesehen ist das Feuerlegen ein einfach zugängliches Werkzeug für die Bauern, die abseits der großen Argarindustriebetriebe auf Manpower und einfache Hilfsmittel angewiesen sind.

Die Brandrodungen werden vor allem in den trockenen Monaten angewandt. Im südlichen Amazonasbecken sind das vor allem die Zeiträume zwischen Juli und August. Wie sich die globalen Brandmuster im Jahresverlauf normalerweise verändern, zeigt eine Grafik der Nasa.

Diese Vorgehensweise setzt aber große Verantwortung von Seiten der Bauern bei der Überwachung der Brandrodung voraus. Manchmal verlassen die Landwirte die angezündeten Felder ohne sich zu vergewissern, ob diese auch von selbst wieder erlöschen. So kommt es vor, dass die Flammen auf die Nachbarfelder oder auch auf anliegende Wälder übergreifen. Zum Ende der Regenperiode haben diese Verfehlungen meist keine odernur geringe Auswirkungen, da der Regenwald noch genug Feuchtigkeit gespeichert hat und so ein weiteres Ausbreiten der Brände verhindert wird.

In Zeiten des Klimawandels kommt es, ähnlich wie in den vergangenen Jahren in Deutschland, auch im bolivianischen Tiefland immer häufiger zu unberechenbaren Wetterschwankungen und ausgedehnten Trockenzeiten. In diesem Jahr gab es im Amazonasgebiet extrem wenig Regen. Ungünstige starke Winde beschleunigten die Ausbreitung der Feuer ungewohnt schnell. Auf diese Weise gerieten die Brände vielerorts innerhalb kurzer Zeit außer Kontrolle.

Während Brasiliens Präsident Bolsonaro ausdrücklich für eine verstärkte Nutzung der brasilianischen Regenwälder steht und damit im Westen reichlich Unverständnis und Besorgnis erregt hat, ist der bolivianische Präsident Evo Morales – zumindest im Ausland – für eine umweltfreundliche und Minderheiten schützende Rhetorik bekannt. In der politischen Realität wird der Idealismus der ihrem Selbstverständnis nach indigenen Regierung aber hinter Partikularinteressen gestellt. So werden beispielsweise Großprojekte wie Staudämme oder Erdölbohrungen in Schutzgebieten genehmigt oder gezielt Migration betrieben und Land an politisch wichtige Verbündete oder Günstlinge vergeben. Auch diese Praktik ist nicht neu. Schon seit der bolivianischen Revolution von 1952 ist die Migration von den kargen Hochlandregionen im Westen in das östliche Tiefland eine nationale Entwicklungsstrategie. Insbesondere die Region um die Großstadt Santa Cruz hat sich aufgrund günstiger Rahmenbedingungen und neuer landwirtschaftlicher Methoden in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Wachstumsregion entwickelt. Mit ihrem großen wirtschaftlichen Potenzial ist sie ein Magnet für Binnenmigranten. Entsprechend dem demographischen und ökonomischen Wachstum hat sich die Landnahme zu einer prosperierenden Agrarindustrie entwickelt, die natürliche Landschaften mit einzigartiger Artenvielfalt immer stärker verdrängt.

Auch aus diesen Gründen besitzt Bolivien seit Jahren eine der höchsten Abholzungsquoten weltweit. Immer mehr Wälder werden aus wirtschaftlichen Erwägungen erschlossen, gerodet und eben durch den Einsatz von Feuer nutzbar gemacht.

 

Der Rauch der brennenden Wälder in Bolivien verfinstert das Tageslicht

Der Rauch der brennenden Wälder in Bolivien verfinstert das Tageslicht

HSS Bolivien

Evo Morales in der Kritik

Konkret werden dem bolivianischen Präsidenten von der Öffentlichkeit momentan zwei Punkte vorgeworfen. Zum einen geht es um ein Dekret vom 10. Juli 2019, das ausdrücklich Brandrodungen in den Departamentos Beni und Santa Cruz erlaubt. Die Idee hinter der Norm ist wiederum die der Erschließung und Beschleunigung der wirtschaftlichen Entwicklung des ländlichen Raums.

Zum anderen wird Morales vorgehalten zu lange gewartet zu haben, bis er das Thema zur Priorität gemacht hatte und in Folge dessen internationale Hilfe zu spät und nur zögerlich angefordert wurde.

Als die Brände in Bolivien überall auf der Tagesordnung standen und die Regierung sich dem nationalen und v.a. auch internationalen Druck nicht mehr entziehen konnte, begann die Zentralregierung das Thema Feuer zu priorisieren und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Ein Löschflugzeug wurde angefordert und mittlerweile auch Hilfsangebote der Nachbarländer und anderer Staaten wie z.B. Russland akzeptiert. Zudem erhalten haupt- und ehrenamtliche Brandhelfer in den betroffenen Gebieten inzwischen verstärkt technische Unterstützung.

Öffentlichkeitswirksam wurden von staatlicher Seite Fotos publiziert, auf denen zu sehen ist, wie Evo Morales persönlich bei der Brandbekämpfung hilft. Nicht zuletzt aufgrund seiner Aufmachung und der vielen Kamerateams um ihn herum mündete diese Aktion in einer Serie von Fotomontagen und Memes in den sozialen Medien und somit zu einem PR-Desaster für die Regierung.

Ob das Thema „Waldbrand“ für die diesjährigen Präsidentschaftswahlen im Oktober noch eine Rolle spielen wird, kann noch nicht abschließend gesagt werden. Evo Morales wird für sein Verhalten im Umfeld der Brände von vielen schuldig gesprochen, hauptsächlich aber von seinen politischen Gegnern, die ihn ohnehin nicht wählen werden. Seine Unterstützer werden sich wegen der Feuer nicht im großen Stil von ihm abwenden, zumal er seine politische Basis vor allem im westlichen Hochland hat, das von den Bränden nicht betroffen ist. 

Die Politik einiger Regierungen in den betroffenen Gebieten stellt den Umweltschutz in der Praxis noch immer sehr weit hinten an. Die Schuld an den Bränden tragen sie nicht allein. Eingefahrene Anbaumethoden zu ändern, neues Wissen zu generieren und eine Anpassung an den Klimawandel vorzunehmen, sind Herausforderungen, die über die Landesgrenzen hinweg bewältigt werden müssen. Nur durch eine Zusammenarbeit aller Akteure können Umweltkatastrophen wie die verehrenden Feuer in Lateinamerika in Zukunft vermieden werden.

Das Klima-Projekt ArBolivia

Schon seit dem Jahr 2013 arbeitet die Hanns-Seidel Stiftung mit ihrem lokalen Kooperationspartner SICIREC (Sistemas de Circulación Ecológica) daran, die traditionellen Anbaumuster mit Brandrodung zu ersetzen durch moderne Landwirtschaft, die an den Klimawandel angepasst ist und diesen mindert.

 Im tropischen Tiefland Boliviens werden in dem Projekt ArBolivia mit innovativen agroforstwirtschaftlichen Methoden die wirtschaftliche Entwicklung, die ökologische Sensibilisierung der Bevölkerung sowie der Dialog zwischen Bevölkerung und staatlichen Institutionen gleichermaßen gefördert. Dabei werden neueste wissenschaftliche Standards berücksichtigt, um kleinbäuerliche Strukturen technisch, aber auch durch Beratungs- und Schulungsmaßnahmen bei der Produktion und Vermarktung ökologisch nachhaltiger Produkte zu unterstützen. Die Anpassung an und Minderung des Klimawandels ist Fokus des Projekts.

Bolivien
Dr. Holger Michael
Projektleitung