Nach Sturz von Maduro
Diktatur im Schwebezustand
Venezolanische Demonstranten versammelten sich am Trafalgar Square in London, um die Verhaftung von Nicolas Maduro zu feiern und einen demokratischen Wandel in Venezuela zu fordern. Die Demonstranten forderten freie und faire Wahlen unter der Führung der Oppositionspolitiker Edmundo Gonzalez und Maria Corina Machado.
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Drei Wochen nach der Gefangennahme des Diktators Nicolás Maduros durch die USA befindet sich Venezuela zwischen Umbruch und Kontinuität. Zwar ist das sichtbarste Symbol des alten Systems verschwunden, doch seine institutionellen, personellen und strukturellen Träger bestehen fort. Der aktuelle Prozess ist weder Revolution noch demokratische Transition, sondern eine machtpolitische Neuordnung innerhalb bestehender Strukturen.
Kontrolle und Kooperation
Die neue Führung unter Delcy Rodríguez, Maduros Vizepräsidentin, hat binnen kurzer Zeit zentrale Ministerien neu besetzt und Schlüsselpositionen gezielt umstrukturiert. Besonders aufmerksam registriert wurde die Entlassung von Álex Saab als Minister für Industrie und Produktion, einer Schlüsselfigur der bisherigen ökonomischen Machtarchitektur. Diese Schritte markieren weniger einen Systemwechsel als vielmehr ein Signal der Kooperationsbereitschaft bei gleichzeitiger Wahrung der Kontrolle. Parallel kündigte die Interimsregierung Reformen im Energie- und Wirtschaftsrecht an, flankiert von regulatorischen Anpassungen, die ausländischen Investoren den Zugang erleichtern sollen. Washington reagierte prompt: Die US-Sanktionspolitik wurde nicht aufgehoben, sondern neu ausgerichtet. Anstelle pauschaler Blockaden treten gezielte, zeitlich befristete Lizenzen; ein Instrument politischer Steuerung statt ökonomischer Isolation.
Diese Entwicklung folgt einem klaren strategischen Muster. Die USA verfolgen einen pragmatischen Ansatz, der Stabilität priorisiert. Der von Außenminister Rubio formulierte Drei-Phasen-Plan – Stabilisierung, wirtschaftliche Funktionsfähigkeit, erst danach politische Öffnung – bedeutet in der Praxis Kooperation mit jenen Akteuren, die das System kontrollieren, solange sie Berechenbarkeit garantieren. Demokratie erscheint dabei nicht als Ausgangspunkt, sondern als mögliches Resultat langfristiger Steuerung. Für die venezolanische Opposition ist dies paradox: gesellschaftlich hoch legitimiert, ist sie in der aktuellen Situation politisch weitgehend marginalisiert.
Europäischer Einfluss begrenzt
Europa begegnet dieser Neuordnung mit struktureller Ambivalenz. Eine militärische Intervention ohne Mandat des UN-Sicherheitsrates ist nicht legitimierbar. Eine formale Anerkennung der Regierung Rodríguez würde zentrale Sanktions- und Wertepositionen der EU unterlaufen; eine vollständige Distanzierung jedoch würde den ohnehin begrenzten europäischen Einfluss weiter schwächen und das Feld faktisch den USA überlassen. Vor diesem Hintergrund zeichnet sich ein pragmatischer Kurs ab: keine diplomatische Anerkennung, aber konditionierte Kooperation, insbesondere in humanitären, wirtschaftlichen und technischen Fragen. Auch für Deutschland ist diese Entwicklung strategisch relevant, da Energiepreise, Lieferketten und regionale Stabilität mittelbar betroffen sind.
Umgeben von strengen Sicherheitsvorkehrungen treffen der gestürzte Präsident Venezuelas, Nicolas Maduro, und seine Frau Cilia Flores am Wall Street Heliport im New Yorker Stadtteil Manhattan ein, um am Montag, dem 5. Januar 2026, vor einem New Yorker Gericht zu erscheinen. Sie sollen im Rahmen einer Anklage wegen Drogenterrorismus gegen sie durch die Regierung der Vereinigten Staaten vor Gericht gestellt werden.
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Die Sicherheitslage in Venezuela bleibt ambivalent. Offene Gewalt ist bislang ausgeblieben, doch bewaffnete Strukturen und parallele Machtzentren bestehen fort. Militär, Geheimdienste und informelle Netzwerke agieren primär aus Eigeninteresse. Loyalität gilt weniger politischen Projekten als dem Schutz eigener Privilegien und dem Bedürfnis nach strafrechtlicher Immunität. Stabilität existiert, ist jedoch fragil und personell abhängig.
Vorsichtige Hoffnung
In der Bevölkerung ist eine echte Aufbruchsstimmung (wie sie bei den Exilvenezolanern herrscht) noch nicht erkennbar. Statt Euphorie dominieren Erschöpfung und Skepsis – aber auch vorsichtige Hoffnung. Inzwischen hat das Regime mehrere hundert politische Gefangene freigelassen, eine Generalamnestie blieb jedoch aus. Über 900 Personen befinden sich weiterhin in Haft, viele Verfahren wurden lediglich ausgesetzt. Repression ist abgeschwächt, aber nicht verschwunden; Eigenzensur und Misstrauen prägen den Alltag.
„Aber letztendlich geht es vor allem um das nationale Interesse der Vereinigten Staaten.“
Marco Rubio, US-Außenminister, über Venezuelas Zukunft
Dennoch entsteht erstmals seit Jahren ein begrenzter ökonomischer Möglichkeitsraum. Venezuela verfügt über die größten bestätigten Ölreserven der Welt, strategische Rohstoffe und einen immensen Investitionsbedarf in nahezu allen Sektoren: Energieinfrastruktur, Industrieanlagen, Stromnetze, Chemie, Logistik sowie Wasser- und Gesundheitsversorgung. Internationale Konzerne sondieren den Markt, erste Ölverkäufe wurden genehmigt, Gespräche über weitere Lizenzvergaben laufen. Für europäische und insbesondere deutsche Unternehmen eröffnen sich mittelfristig relevante Chancen. Deutsche Technologie ist in Venezuela historisch präsent, vor allem im Energiesektor, in der Industrieausrüstung und in der chemischen Industrie. Gleichzeitig bleiben europäische Akteure gegenüber US-Unternehmen strukturell benachteiligt, da Washington den Marktzugang nun politisch steuert und eigene Konzerne privilegiert.
Investitionen bleiben daher hochgradig politisiert. Rechtssicherheit ist weiterhin schwach, institutionelle Stabilität begrenzt. Venezuela zeigt sich als Land im Schwebezustand – nicht mehr in der Erstarrung des alten Systems, aber aktuell noch weit entfernt von demokratischer Erneuerung. Die zentrale Frage wird lauten, wer diese Veränderung kontrolliert, wessen Interessen sie dient und welche Rolle Europa und Deutschland in diesem neuen Machtgefüge einzunehmen bereit sind.
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