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Promotionsfachtagung an einem besonderen Ort deutscher (Kultur)Geschichte
„Ein Sehnsuchtsort der Geistesfreiheit – oder wie die erste deutsche Republik nach Weimar kam“

Autorin/Autor: Dr. Andreas Burtscheidt

"Die Verbindung einer Reisegesellschaft ist eine Art von Ehe, und man findet sich bei ihr auch leider wie bei dieser, oft mehr aus Konvenienz als aus Harmonie zusammen, und die Folgen eines leichtsinnig eingegangenen Bundes sind hier und dorten gleich", sagt Goethe. Nicht bei uns! Unsere Promotionsfachtagung führte heuer harmonisch und ganz bewusst nach Weimar, einem "Sehnsuchtsort der Geistesfreiheit".

Eine Gruppe von Menschen steht vor einem Reiterdenkmal in Weimar

Stipendiaten vor Denkmal in Weimar

Anna Axtner-Borsutzky; ©Anna Axtner-Borsutzky

Mythos Weimar

In seinem Gedicht „Auf Miedings Tod“ dichtete einst Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832): „O Weimar! dir fiel ein besonder Los: Wie Bethlehem in Juda, klein und groß!“. Was auf den ersten Blick wie ein Gelegenheitsgedicht anlässlich des Todes des Weimarer Hoftischlers und Bühnenbildners Johann Martin Mieding (1725-1782) erscheint, birgt jene überschwänglichen Worte Goethes über die kleine thüringische Provinzstadt in sich, in die er erst wenige Jahre vorher übergesiedelt und die Ende des 18. Jahrhunderts noch weit davon entfernt war, gar mit dem Geburtsort Christi verglichen zu werden. Mag dieser prophetische Vergleich des noch jüngeren Dichters auch etwas zu hoch gegriffen sein, so gingen von dem späteren Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach (seit 1815), welches schon ein wichtiger Ort der Reformation im 16. Jahrhundert war, im 19. und 20. Jahrhundert immer wieder wichtige Impulse für die deutsche Kultur- und Geistesgeschichte aus, die Weimar 1918/19 gar zum Zentrum des politischen Neuanfangs für das gesamte, nunmehr republikanisierte Deutsche Reich werden ließen.

Dem „Mythos Weimar“ in dem Jahr einmal genauer auf den Grund zu gehen, in dem sich die Proklamierung der (erst nachträglich so titulierten) „Weimarer Republik“ zum 100. Male jährt, war das Ziel einer viertägigen Promotionsfachtagung im Juni 2018, die unter der Leitung von Dr. Andreas Burtscheidt 24 Promotionsstipendiaten im Rahmen der ideellen Förderung der Hanns-Seidel-Stiftung nach Thüringen führte.

Dabei sollten die verschiedenen Etappen der Weimarer (Kultur)Geschichte in der Zusammenschau der großen Epochen dieses Sehnsuchtsortes der Geistesfreiheit mit den politischen Abgründen und Perversionen während des Dritten Reiches genügend Mosaiksteine liefern, um ein Kaleidoskop wichtiger deutscher (Zeit)Geschichte aufleuchten zu lassen.

Eine Menschengruppe in einem Raum mit vielen antiken Büchern, die bis zur Decke reichen

Promotionsstipendiatinnen und -stipendiaten in der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek

Anna Axtner-Borsutzky; ©Anna Axtner-Borsutzky

Goldenes Zeitalter und politischer Neuanfang

Das „goldene Zeitalter“ unter Herzogin Anna Amalia (1739-1807) und ihres Sohnes Großherzog Carl August (1757-1828) mit den vier Klassikern Goethe, Schiller (1759-1805), Herder (1744-1803) und Wieland (1733-1813), die alle nach Weimar übergesiedelt waren sowie das „silberne Zeitalter“ unter den folgenden Großherzögen Carl Friedrich (1783-1853) und Carl Alexander (1818-1901), das mit weiteren Geistesgrößen wie Friedrich Nietzsche (1844-1900) oder Franz Liszt (1811-1886) verbunden ist, bis hin zu dem Aufbruch in die Moderne unter dem letzten Großherzog Wilhelm Ernst (1876-1923), der „das neue Weimar“ schuf, das schließlich in die Gründung des Bauhauses 1919 mündete, lieferten hinreichende Indizien, die schließlich mit der Verlegung der Nationalversammlung 1919 dazu führten, den politischen Neuanfang des Reiches in der kleinen, zentral gelegenen Provinzstadt in Thüringen zu wagen.

Außenansicht des Hotels Elephant in Weimar

Anna Axtner-Borsutzky; ©Anna Axtner-Borsutzky

Weimar und die NS-Bewegung

Dass dieser erste Versuch einer demokratischen Republik auf deutschem Boden nur sehr kurzlebig war, ist dem Aufkommen der NS-Bewegung geschuldet, die in Weimar sehr bald einen Ansatzpunkt sah, das aus ihrer Sicht verhasste „Weimarer System“ zu vernichten. Bereits 1926 hielt die nach ihrem Verbot 1925 wiederbegründete NSDAP ihren ersten Parteitag in Weimar ab und gründete dort die Hitlerjugend. Während Thomas Mann (1875-1955) im amerikanischen Exil seine Sehnsucht nach dem klassischen, humanistischen Weimar mit seinem Goetheroman „Lotte in Weimar“ stillte, war der Schauplatz des Romans längst zu einem neuen Pilgerort der NSDAP geworden – das berühmte Hotel Elephant, in dessen Mauern sich die gesamte Kulturgeschichte des Ortes exemplarisch widerspiegelt.

Der Gipfel der Perversion des einstigen Sehnsuchtsortes der Geistesfreiheit so vieler Geistesgrößen war schließlich die Errichtung des Konzentrationslagers Buchenwald wenige Kilometer entfernt, in dem bis 1945 ca. 56.000 vom NS-Regime verfolgte Opfer den Tod fanden.

Menschengrupppe in moderner Bibliothek

Die Promotionsstipendiaten in der modernen Bibliothek mit dem Präsidenten der Stiftung Weimarer Klassik, Hellmuth Seemann (rechts)

Anna Axtner-Borsutzky; ©Anna Axtner-Borsutzky

Ideelle Förderung der Promotionsstipendiaten

In den Tagen der Fachtagung standen der Gruppe von Doktoranden aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen und Universitäten aus ganz Deutschland namhafte Gesprächspartner gegenüber, die alle mit dazu beitrugen, die komplexe Thematik fachgerecht zu vertiefen. Mit dem Kulturhistoriker Dr. Paul Kahl erkundete man u.a. den Goethekomplex u.a. im Goethe-Nationalmuseum, das wiederum in der NS-Zeit 1935 erweitert wurde. Dr. Bernhard Fischer, Direktor des Goethe- und Schiller-Archivs in der Klassik Stiftung Weimar, erläuterte die "Geschichte und Arbeitsweise des Goethe- und Schiller-Archivs". Die Dauerausstellung im Bertuch-Haus, dem heutigen Weimarer Stadtmuseum, unter dem Motto „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ stellte bei einem Rundgang mit Vortrag der Direktor des Museums, Dr. Alf Rösner, der Gruppe vor. Dies aber nicht, ohne vorher bei einem Besuch der Bauhaus-Universität auch die originalen Schauplätze der jungen Bauhaus-Pioniere wie Walter Gropius (1883-1969) und Henry van de Velde (1863-1957) ergründet zu haben. Für den gesamten Themenkomplex „Humanität und Barbarei – Weimar im Nationalsozialismus“ stand wiederum Dr. Kahl zur Verfügung. Ein Besuch der Gedenkstätte Buchenwald schloss diesen zentralen Themenkomplex ab. Ein besonderer Höhepunkt am letzten Tag der Tagung war der Besuch der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek und anschließend des Bücherkubus im neuen Studienzentrum, dem sich eine ausführliche Diskussion mit dem Präsidenten der Stiftung Weimarer Klassik, Hellmuth Seemann, über die Arbeit der Stiftung, die Zukunftspläne und die neuen Projekte für die Kulturstadt Weimar im 21. Jahrhundert anschloss.

Promotionsförderung und Rechtswissenschaften
Dr. Andreas Burtscheidt
Leiter