Bernrieder Kreis
Energiesicherheit braucht resiliente Infrastrukturen
Hormus zeigt die Verwundbarkeit globaler Energieflüsse
Im Sommer 2026 ist die Straße von Hormus zu einem Synonym für die Verwundbarkeit globaler Energieversorgung geworden. Die Meerenge zwischen Iran und Oman ist weitgehend blockiert, der Schiffsverkehr stark eingebrochen. Dabei verläuft hier eine der wichtigsten Adern der Weltwirtschaft: In normalen Zeiten passieren hier rund 20 Millionen Barrel Rohöl und Ölprodukte pro Tag die Meerenge, etwa ein Viertel des weltweiten seegestützten Ölhandels, außerdem rund ein Fünftel des globalen Handels mit Flüssigerdgas (LNG).
Diese Rohstoffe werden auf den Weltmärkten gehandelt. Fallen große Mengen aus oder wird ihr Transport erheblich erschwert, reagieren die Preise, Fracht- und Versicherungskosten. Hormus ist deshalb keine ferne Krise, sondern führt uns vor Augen, wie eng Energieversorgung, Infrastrukturen und geopolitische Sicherheit verbunden sind.
Physische und digitale Angriffe auf die Energieversorgung
Versorgungssicherheit hängt nicht nur von verfügbaren Energieträgern und Erzeugungskapazitäten ab, sondern ebenso von funktionierenden Transport-, Netz- und Steuerungsinfrastrukturen. Diese Erkenntnis gilt ebenso im Inland. Deutschlands Energiesystem ist ein Geflecht aus Kraftwerken, Speichern, Kabeln, Leitungen, Umspannwerken und digitalen Steuerungen. Fallen mehrere kritische Elemente gleichzeitig aus, können Kaskadeneffekte entstehen.
In der Ukraine ist diese Logik längst Teil des russischen Angriffskriegs: Energieinfrastrukturen werden gezielt angegriffen. Denn dies beeinträchtigt nicht nur die Versorgung mit Strom und Wärme; die Folgen greifen auch auf andere Bereiche über, etwa Wasserversorgung, Kommunikation und Verkehr - letztlich soll so die gesellschaftliche Durchhaltefähigkeit strapaziert werden.
Wie real das Risiko physischer Angriffe auch bei uns ist, zeigen Vorfälle, wie die Sprengungen der Nord-Stream-Pipelines im September 2022 oder der Brandanschlag auf Stromkabel in Berlin Anfang Januar 2026. Hinzu kommt die digitale Angriffsfläche. Mit der Energiewende geht auch eine Dezentralisierung, Elektrifizierung und Digitalisierung des Systems einher. Erzeuger, Speicher, Netzkomponenten und Verbraucher müssen digital koordiniert und gesteuert werden. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik stuft die Cyberbedrohung für Kritische Infrastrukturen, zu denen die Energieinfrastrukturen zählen, als hoch ein. Die Gefahren reichen hier von Spionage bis zu staatlich unterstützten Operationen gegen die Steuerungs- und Kommunikationssysteme.
Störungen und Krisen besser verkraften: Resilienz
Deutschland braucht ein Energiesystem, das Angriffe, technische Fehler und Extremwetter verkraftet. Denn auch der Klimawandel ist ein Risiko: Hitze kann Anlagen belasten. Niedrigwasser kann Transportwege einschränken und Kühlsysteme an die Grenzen bringen. Stürme, Schnee- und Eislasten können Freileitungen treffen.
Je weniger eine blockierte Meerenge, ein einzelner Angriff oder ein Cybervorfall das Gesamtsystem in die Knie zwingen kann, desto größer bleibt die politische und wirtschaftliche Handlungsfähigkeit. Die entscheidende Antwort heißt Resilienz. Ein resilientes Energiesystem soll Störungen möglichst vermeiden, wenigstens aber begrenzen, aushalten und rasch überwinden können. Dazu gehören robuste Anlagen, geschützte Leitstellen, redundante Kommunikationswege, sichere Software und voneinander getrennte Systeme („zelluläre Systeme“ – siehe Eckpunktepapier). Ein Energiesystem sollte so gebaut sein, dass der Ausfall eines einzelnen Elements das Gesamtsystem möglichst wenig beeinträchtigt.
Um im Störungs- oder Krisenfall möglichst rasch reagieren zu können, sollten ausreichend Reserven, Lagerbestände und Ersatzteile vorgehalten und Alternativen vorbereitet werden - etwa verschiedene Lieferländer, Ausweichrouten oder der Rückgriff auf andere technische Systeme oder Rohstoffquellen.
Entscheidend ist zudem das Wissen, wie Anlagen repariert werden können und wie das Netz nach einem großen Blackout wiederaufgebaut wird. Das heißt vor allem: Notfallpläne, klare Zuständigkeiten und Koordination der Aufgaben, Schulungen und regelmäßige Übungen.
Sicherheit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe
Energiesicherheit ist nicht nur Aufgabe von Netzbetreibern, Ministerien und Sicherheitsbehörden. Unternehmen, Kommunen und Privathaushalte sind ebenso Teil der Vorsorge. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt, sich auf Stromausfälle vorzubereiten – etwa mit haltbaren Lebensmitteln, Trinkwasser und geladenen Akkus.
Investitionen in Resilienz sind Teil moderner Standort-, Sicherheits- und Außenpolitik – und eine Voraussetzung dafür, dass eine hochentwickelte, elektrifizierte Volkswirtschaft auch unter schwierigeren geopolitischen Bedingungen funktioniert. Resilienz macht ein System nicht unangreifbar. Aber es verhindert, dass aus einer Störung eine Katastrophe wird.
Teilnehmer der Runde im Sommer 2026 in Bernried (Foto: HSS)
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