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HSS-Kurzinterview
„Deutschland braucht eine Generation, die wieder Freude am Arbeiten hat“

Autorin/Autor: Katja Zirkel

Heute stellen wir eine weitere Azubi-Stipendiatin der HSS vor: Die 22-jähirge Chiara Becker aus München. Sie macht eine Ausbildung zur Notarfachangestellten in der bayerischen Landeshauptstadt bei der Kanzlei „Franck Satzl“.

Seit Herbst 2024 vergibt die Hanns-Seidel-Stiftung auch Stipendien an Auszubildende. Das Förderprogramm richtet sich dabei an alle Berufsrichtungen mit der Schwerpunktregion Bayern.

Die 22-jährige Chiara Becker macht eine Ausbildung zur Notarfachangestellten in München und ist seit September 2025 Stipendiatin der „Hanns-Seidel-Stiftung".

©Thorsten Jochim

HSS: Was hat Dich dazu bewegt, Dich für das Stipendium bei der HSS zu bewerben? Gab es einen besonderen Moment oder eine Erfahrung, die Dich zu diesem Schritt inspiriert hat?

 

Chiara Becker: Als ich mit 16 Jahren von zuhause auszogen bin, wurde ich ein zunehmend selbstständiger und sozialer Mensch. Nichts war mir wichtiger, als das Streben nach Unabhängigkeit und einem sozialen Netzwerk. Nach der 10. Klasse zog ich nach Oslo und wechselte von der Mittelschule auf ein deutsches Auslandsgymnasium. Kurz vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie kehrte ich im Frühjahr 2019 wieder zurück nach München und besuchte die letzten zwei Jahre meiner Schullaufbahn das städtische naturwissenschaftlich-sprachliche Maria-Theresia-Gymnasium in München-Au. Dort habe ich das erste Mal gespürt, wie wichtig eine Gemeinschaft und ein Bildungsnetzwerkt ist. Endlich konnte ich meine Fragen diskutieren und Ideen anderer anhören. Außerdem bot mir die Schule Halt und Sicherheit, während der Zeit der Lockdowns und des ständigen digitalen Unterrichts. 
Mit Beginn meiner Ausbildung habe ich mich nach diesem Bildungsnetzwerk gesehnt. Nach langer intensiver Recherche bin ich auf die Möglichkeit einer Ausbildungsförderung gestoßen – ein HSS-Altstipendiat, den ich im beruflichen Kontext kennenlernte und mich durch Zufall auf die HSS ansprach, ermutigte mich, mich für ein Stipendium zu bewerben. Nach Abgabe meiner Bewerbung war ich glücklich und dankbar, diesen Schritt gemacht zu haben.

Würdigung des Ehrenamts: Chiara Becker (rechts) und Leopold Beer (links), beide im Vorstand der Münchner Sportjugend, beim Jugendempfang des Bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Markus Söder (Mitte) im November 2025 in der Münchner Residenz.

©Privat

HSS: Welche Chancen und Möglichkeiten eröffnet Dir das HSS-Stipendium persönlich? Gibt es etwas, auf das Du Dich dabei ganz besonders freust? 

 

Chiara Becker: Wie bereits erwähnt, ist mir ein Bildungsnetzwerk äußerst wichtig. Wenn ich eine neue Idee habe, muss ich sie mit anderen teilen können. In herausfordernden Zeiten finde ich Trost und Hoffnung, wenn ich an die Möglichkeiten und Menschen denke, denen ich im Rahmen der HSS bisher begegnet bin. Die Hanns-Seidel-Stiftung steht für mich deshalb an erster Stelle. 
Müsste ich die Stiftung einstufen, so kommt sie gleich nach Familie und Partner. Gerade weil ich so früh von zuhause auszog und auch jetzt meine Familie nicht in unmittelbarer Nähe habe, ist die HSS wie ein zweites Zuhause geworden. Hier werden meine Ideen, meine Gedanken gehört, hier habe ich sehr gute Freunde gefunden und hier habe ich die Möglichkeit, mich täglich weiterzuentwickeln.

 

 

 

HSS: Was hat Dich motiviert, Deinen Ausbildungsweg einzuschlagen? Und was würdest Du jungen Menschen raten, die zwar Interesse an diesem Beruf haben, sich aber vielleicht noch nicht trauen, den ersten Schritt zu machen?

 

Chiara Becker: Ich wollte einen Beruf erlernen, der Verantwortungsbewusstsein und gesellschaftliches Engagement vereint sowie mich herausfordert. Mir war es wichtig, möglichst schnell unabhängig zu werden und gleichzeitig handfeste Kompetenz in unserer immer stärker digitalisierenden Welt zu erlangen. Die aktuelle geopolitische Lage, die Corona-Pandemie, der Krieg in Europa, der wachsende Antisemitismus in Deutschland sowie die Radikalisierung einzelner Gruppen hat uns junge Menschen verängstigt. Ich strebte deshalb nach einem traditionellen Beruf, der krisensicher und nah am Menschen ist.
Als Notarfachangestellte beschäftigt man sich täglich mit höchstpersönlichen Rechtsgeschäften sowie des Vollzuges, der daraus resultierenden Urkunden, die im Rechtsverkehr höchste Beweiskraft haben. Beispielsweise mit dem Kauf einer Immobilie, der Eheschließung oder Verfügungen von Todes wegen. Man lernt, wie komplex der deutsche Rechtsstaat aufgebaut ist und wie wichtig man als guter Mitarbeiter ist. Nicht, weil daraus ein guter Steuerzahler wird, sondern weil wir in Deutschland eine Generation brauchen, die wieder Freude am Arbeiten hat. Wer Freude dabei hat, Menschen in ihren Entscheidungen zu unterstützen, Genauigkeit schätzt und gern analog arbeitet, ist in meinem Beruf bestens aufgehoben. Er ist keineswegs trocken oder langweilig, sondern täglich herausfordernd und deshalb so vielseitig.
Zu guter Letzt rate ich jungen Menschen sich nicht mit der Frage auseinanderzusetzen, was sie studieren oder was sie für eine Ausbildung absolvieren wollen, sondern vielmehr, wo sie sich beruflich sehen und wie sie ihr Leben damit verknüpfen wollen. Das Studium oder die Ausbildung ist der Weg dahin. Es ist wichtig etwas zu wagen und nach vorne zu streben. Denn wenn man sich nicht bewegt und nicht ausprobiert, bleibt man stehen. Man soll mutig sein und darauf vertrauen, dass die einzigen Konstanten die Ungewissheit und die Veränderung sind, mit der wir täglich konfrontiert werden.

 

 

 

Zur Person

Chiara Becker ist 22 Jahre alt und gebürtiges Münchner Kindl. Sie macht zurzeit in der bayerischen Landeshauptstadt eine Ausbildung zur
Notarfachangestellten im Notariat Franck Satzl (Dr. Sebastian Franck und Dr. Florian Satzl).
Vom vierten bis zum siebten Lebensjahr hat sie mit ihrer Familie auf Long Island (New York) gelebt und spricht seither fließend Englisch.
Von 2019 bis 2020 hat sie ein Auslandsschuljahr in Norwegens Hauptstadt Oslo an einem deutschen Auslandsgymnasium gemacht. 
Seit Mai 2024 engagiert sie sich ehrenamtlich im Vorstand der Münchner Sportjugend als Jugendsprecherin. Sie leitet dort Projekte für mentale
Gesundheit („Safe Sport“) und sorgt dafür, dass mehr Mädchen und Frauen in den Sport kommen.
Acht Jahre lang war Chiara Leistungsturnerin; heute liebt sie jegliche Sportarten wie Rennradfahren und Ski-Langlauf.
Ein Leben ohne Kunst, Lyrik und Musik kann sie sich nicht vorstellen. Ganz wichtig sind für die junge Frau: „Unabhängigkeit und Gerechtigkeit“.

 

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