Im Gespräch
Wenn Worte Waffen werden
Junge Menschen demonstrieren in Essen gegen Rechtsextremismus.
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HSS: Herr Professor Pfahl-Traughber, Sie ordnen Schnellroda der intellektuellen Neuen Rechten zu. Worin unterscheiden sich deren Ideologien vom klassischen Rechtsextremismus – und wo gibt es Gemeinsamkeiten?
Prof. Dr. Pfahl-Traughber: Gemeinsam ist beiden Strömungen, dass sie die Grundwerte der modernen Demokratie ablehnen – darin liegt ihr extremistischer Charakter. Die Neue Rechte ist jedoch in erster Linie eine lose Gruppe von Intellektuellen, die sich stark auf die Ideen der sogenannten Konservativen Revolution der Weimarer Republik bezieht. Vordenker wie Edgar Julius Jung, Arthur Moeller van den Bruck, Carl Schmitt oder Oswald Spengler propagierten eine autoritäre Herrschaft, die lediglich pseudodemokratisch legitimiert sein sollte.
Zwar äußerten sie sich kritisch zum Nationalsozialismus, dies geschah jedoch nicht aus demokratischer Überzeugung, sondern aus einer elitären, autoritären Haltung. Antisemitische und rassistische Positionen waren ebenfalls vorhanden, wenn auch weniger stark ausgeprägt als im Nationalsozialismus.
Die heutige Neue Rechte unterscheidet sich somit vom traditionellen Rechtsextremismus in Deutschland, der ideologisch sehr stark auf die NS-Zeit und deren totalitäre Herrschaft fixiert bleibt.
HSS: Die Neue Rechte setzt stark auf das Konzept der „Metapolitik“. Was bedeutet das und warum ist es gefährlich für die Demokratie?
Metapolitik“ wird auch als „Gramscismus von rechts“, „Kampf um die Köpfe“ oder „Kulturrevolution von rechts“ bezeichnet. Dahinter steckt die Überzeugung, dass einer politischen Revolution zunächst eine geistige vorausgehen müsse.
Das heißt: Zuerst soll der gesellschaftliche Diskurs verändert werden – durch die Besetzung von Begriffen und Themen. Ziel ist es, eine kulturelle Vorherrschaft zu erlangen. Dafür greift man auf Ideen des marxistischen Theoretikers Antonio Gramsci zurück, allerdings ohne dessen sozialistische Inhalte zu übernehmen.
Besonders bedeutsam ist die Umdeutung von Begriffen: „Demokratie“ wird antipluralistisch interpretiert, der Begriff „Remigration“ – ursprünglich ein neutraler Fachbegriff – wurde zu einem politischen Kampfbegriff aufgeladen.
Gefährlich ist diese Strategie, weil sie antidemokratische Positionen in der Öffentlichkeit salonfähig macht und damit die geistige Grundlage für einen „Umsturz“ oder eine „Umwälzung“ schafft.
HSS: Kritiker sagen, Schnellroda sei längst die „Kaderschmiede“ der AfD. Trifft das zu?
Diese Bezeichnung ist etwas zugespitzt, enthält aber einen wahren Kern. Führende AfD-Vertreter besuchen regelmäßig Seminare und Veranstaltungen in Schnellroda, und Referenten des Instituts treten auf Parteiveranstaltungen auf.
Eine breite Verankerung in der Parteibasis gibt es bislang nicht, doch genau das ist das erklärte Ziel der Neuen Rechten. Selbst AfD-Co-Vorsitzende Alice Weidel hat diesen Einfluss inzwischen gutgeheißen. AfD-Mitgründer Bernd Lucke sprach sogar von einer „Steuerung“ der Partei durch Schnellroda – das halte ich für übertrieben, aber der Einfluss ist unbestreitbar.
HSS: Wenn in Schnellroda rechtsextreme Ideen geschult und vernetzt werden – warum schreitet der Staat nicht stärker ein? Wird die Gefahr unterschätzt?
Ein demokratischer Rechtsstaat kann nur dann mit einem Verbot einschreiten, wenn strafrechtlich relevante Handlungen vorliegen. Ansonsten sind politische Bildung, wissenschaftliche Kritik und journalistische Aufklärung gefragt.
Besonders wichtig ist, dass sich demokratische Konservative klar von der Neuen Rechten abgrenzen. Deren Ziel ist es gerade, konservatives Denken als Brücke in die breite Öffentlichkeit zu nutzen.
Das bedeutet nicht, dass man kontroverse Themen wie Migration ausblenden sollte. Aber die Debatte muss differenziert, menschenrechtsbasiert und konstruktiv geführt werden – sonst überlässt man das Feld den Rechtsextremisten.
Prof. Dr. phil. Armin Pfahl-Traughber, Politikwissenschaftlicher und Soziologe, lehrt an der Hochschule des Bundes in Brühl und an der Universität Bonn. Er gibt zusammen mit Hendrik Hansen das „Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung“ heraus. Seit den 1990er Jahren veröffentlicht Pfahl-Traughber regelmäßig zum Thema politischer Extremismus. Aktuelle Analysen und Kommentare finden sich unter www.endstation-rechts. Zuletzt erschienen die Bücher „Intellektuelle Rechtsextremisten. Das Gefahrenpotential der Neuen Rechten“, Bonn 2022 sowie Politische „Klassiker“ der Neuen Rechten. Antidemokratische Denker aus der Weimarer Republik, Bonn 2025.
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