Lebensmittelverschwendung
Für die Tonne
Das Nahrungsmittelangebot auf den Märkten und im Einzelhandel wird immer reichhaltiger und vielfältiger. Gerade in der winterlichen Weihnachtszeit wird der kulinarische Genuss zelebriert und die Auswahl ist besonders groß. Überall locken verführerische Angebote und verleiten dazu, sich etwas Außergewöhnliches zu gönnen. Doch sollte nicht ausgeblendet werden, dass wir – und das nicht nur in diesen Zeiten zu viele Lebensmittel wegwerfen - pro Kopf und Jahr in der Regel ca. 78 kg, wie auf der Internetseite des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft zu lesen ist.
Wo gibt es Lebensmittelabfälle?
Wie viele Lebensmittelabfälle fallen in Deutschland auf dem Weg von der Landwirtschaft bis zum Teller an? Diese Frage muss u. a. im Rahmen einer regelmäßigen Berichterstattung an die EU-Kommission beantwortet werden. Für das Jahr 2020 meldete das Statistische Bundesamt Lebensmittelabfälle in Höhe von 10,9 Mio. Tonnen. Davon entfallen:
- 60 Prozent auf private Haushalte
- 17 Prozent auf „außer-Haus-Verpflegung“ (Restaurants, Gemeinschaftsverpflegungen, Catering)
- 15 Prozent bei der Verarbeitung
- 7 Prozent im Handel
- 2 Prozent in der Landwirtschaft
Hinzu kommen weitere Lebensmittelverluste entlang der Produktions- und Lebensmittelkette.
Gekauft, gelagert, vergessen. Beste Absichten - landen im Müll
Warum ist das so? Eine 2023 erschienen Studie zur Verhaltensökonomik ist dem genauer nachgegangen. Durchgeführt wurde die Untersuchung von Helen Zeidler, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre/Mikroökonomik der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Für die repräsentative Erhebung wurden mehr als 1.200 Teilnehmer zu ihrem Lebensmittelkonsum in zwei zeitlich gestaffelten Runden befragt. Ziel war es, Einblicke in die Entscheidungen zu erhalten, die von der Planung der Einkaufliste, dem Verzehr bis hin zur Entsorgung jeweils getroffen werden.
Es gab Fragen wie: „Welche Produkte wurden in den vergangenen sieben Tagen weggeworfen und warum? Sind auch zubereitete Speisen im Müll gelandet?“ Die Antworten (die an dieser Stelle jeder gerne auch für sich selbst geben darf) lieferten den Forscher interessante Erkenntnisse, zumal auch generelle Einstellungen und Haltungen erfasst wurden. So zeigte es sich, dass Menschen oft zwar beste Absichten haben, wenn es aber soweit ist, davon abweichen. An diesem Beispiel ist das plakativ dargestellt: Sie wollen sich gesünder ernähren und kaufen entsprechende Produkte ein. Doch die Zubereitung ist aufwendiger als z.B. Fertigprodukte aufzuwärmen, daher weichen Sie vom ursprünglichen Plan ab. Gerade Produkte wie frisches Obst und Gemüse sind leichter verderblich. Ohne, dass es beabsichtigt war, landen sie letztendlich im Müll. Und so sind es ausgerechnet ernährungsbewusst eingekaufte, gesunde Lebensmittel, die in größeren Mengen entsorgt werden.
Geschlecht und Bildungsgrad machen dabei keinen Unterschied. Den Forschern ist aufgefallen, dass ältere Menschen und solche, die mehr Erfahrung in der Zubereitung von Speisen haben, tendenziell weniger Lebensmittel entsorgen. Personen die öfter einkaufen, werfen hingegen mehr weg.
Viele Lebensmittel werden in privaten Haushalten weggeworfen, weil sie verdorben sind oder das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist.
Pixel Shot; HSS; Adobe Stock
Viele Lebensmittelabfälle sind vermeidbar
Ähnliche Ergebnisse liefert auch eine Tagebuchstudie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, mit der Lebensmittelabfälle im Jahr 2020 von fast 6.000 Haushalten systematisch erfasst wurden: 40 Prozent der Lebensmittelabfälle wurden von den Teilnehmern als „vermeidbar“ eingestuft - sie wären bei rechtzeitigem Verzehr genießbar gewesen. Im Durchschnitt, so die Forscher, wirft jeder Haushalt Lebensmittel im Einkaufswert von 137 Euro weg.
Von den frischen Lebensmitteln, die weggeworfen, entfallen
- 35 Prozent auf Obst und Gemüse
- 13 Prozent auf Brot und Backwaren,
- 9 Prozent auf Milchprodukte und
- 4 Prozent auf Fleisch, Wurst und Fisch.
Aber auch bereits zubereitete Mahlzeiten werden entsorgt:
- 15 Prozent Speisen und
- 12 Prozent Getränke
Etwa 36 Prozent dieser Lebensmittel wurden weggeworfen, weil sie verdorben waren oder alt und unappetitlich aussahen. Knapp 34 Prozent wurden aber auch entsorgt, weil Mengen falsch eingeschätzt wurden: mehr gekauft als benötigt (13 Prozent), zu viel gekocht (17 Prozent) oder zu viel auf den Teller genommen (4 Prozent). Fünf Prozent der vermeidbaren Lebensmittelabfälle gehen auf Zubereitung und Geschmack und drei auf die Lagerung zurück.
Bekannt ist: Die ständige Verfügbarkeit von einer Vielfalt an Lebensmitteln, große Verpackungen oder Preisvorteile bei Mehrfachpackungen beeinflussen das Einkaufsverhalten der Verbraucher, der regelrecht zu höherem Konsum verführt wird. Für Verwirrung sorgt immer noch auch das Mindesthaltbarkeitsdatum, das manche mit dem Verfallsdatum verwechseln und das Produkt entsorgen, obwohl es noch genießbar wäre.
Die Sache mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD)
Laut Lebensmittelkennzeichnungsverordnung müssen Lebensmittel in Fertigpackungen ein Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) oder ein Verbrauchsdatum tragen.
Auf leicht verderblichen, verpackten Lebensmitteln muss ein Verbrauchsdatum angegeben werden. Das gilt z.B. für Hackfleisch, Geflügelfleisch oder Räucherfisch. Das Verbrauchsdatum wird mit dem Hinweis „zu verbrauchen bis… “ deklariert und sollte strikt beachtet werden. Danach besteht eine Gesundheitsgefahr durch Keime. Dieses Lebensmittel gehört nach Ablauf des Verbrauchsdatums tatsächlich in den Müll.
Anders ist das bei dem Mindesthaltbarkeitsdatum. Der Hersteller garantiert mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum, dass das Produkt bei angemessener Lagerung bis dahin seine spezifischen Eigenschaften bewahrt, das heißt, dass es so riecht, aussieht und schmeckt wie versprochen und die beworbenen Nährstoffe noch drin sind. Die Produkte können auch nach Ablauf des MHD noch gegessen werden, der Konsument kann durch Riechen und Probieren selbst abwägen, ob er es noch essen möchte*. Auch der Händler kann Waren noch nach Ablauf des MHD verkaufen, haftet allerdings, sollte das Produkt tatsächlich ungenießbar sein.
Was tun?
Das Problem mit der Lebensmittelverschwendung ist bereits länger bekannt. 2012 startete daher die damalige Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner die Kampagne „zu gut für die Tonne“.
In den letzten Jahren entstanden zahlreiche Aktionen, Websites und Apps, die Verbraucher sensibilisieren und Tipps geben und auf den Handel zugehen, um gemeinsam Lösungen zu entwickeln.
Hier ein paar Denkanstöße:
- Aus dem Auge, aus dem Sinn? Die Vorräte im Blick behalten - v.a. angebrochene Lebensmittel. Diese im Kühlschrank ganz vorne platzieren.
- Apfel neben Banane? Gemüsefach im Kühlschrank oder Zimmertemperatur? Vorratsdose oder Alufolie? Wie man Lebensmittel richtig lagert, darüber informiert z.B. die Bundeszentrale für Ernährung oder die Verbraucherzentralen.
- Muss das wirklich weg? Erst anschauen, riechen und probieren, um abzuwägen, ob ein Lebensmittel wirklich entsorgt werden muss. Viele Produkte kann man auch Tage oder gar Wochen und Monate nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum noch essen. Im Internet gibt es Foren, auf denen Erfahrungen ausgetauscht werden, etwa Still Tasty . Tipps, was man aus Resten kochen kann, gibt es beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.
- Was brauche ich und wie viel? Erst die Vorräte checken und dann bedarfsgerecht die Einkaufsliste schreiben. Nur so viel kaufen, wie wirklich benötigt wird. Und nur so viel kochen, wie man auch essen kann. Studien haben belegt, dass man das leicht überschätzt.
- Wie kann ich überschüssige Lebensmittel teilen? Es gibt Apps und Portale, um übriggebliebene Lebensmittel vor der Entsorgung zu retten oder Produkte zu tauschen, wie „Too good to go“, „sirplus“, „leckerposten“, „foodsharing“. Essensspenden für Bedürftige werden über „Die Tafel“ organisiert.
Zu denken geben sollte auch: Etwa 700 bis 800 Millionen Menschen leiden unter Hunger. Lebensmittelverschwendung belastet auch die Umwelt, denn landwirtschaftliche Flächen wurden genutzt, Wasser verbraucht, Dünge- und Pflanzenschutzmittel eingesetzt, Energie aufgewendet, CO2 ausgestoßen und Arbeitskraft eingesetzt, ohne, dass dies eine Wertschätzung erfahren hätte.
Weiterführende Links
Studie der KU Eichstätt-Ingolstadt, 2023 „Einkauf und Lebensmittelkonsum in Deutschland“
Studie der Gesellschaft für Konsumforschung, 2021 „Lebensmittelabfälle in privaten Haushalten 2020“ (Kurzzusammenfassung) und Langfassung
Kampagnenseite mit zahlreichen Tipps, etwa einem Lebensmittellexikon, Tipps zur Lagerung oder Rezepten für die Verwertung von Resten https://www.zugutfuerdietonne.de/
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