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Interview mit Shaul Ladany
Gehen, um zu erinnern

Zwei antisemitische Verbrechen hat der Sportler überlebt, den Holocaust und das Attentat auf das israelische Sportteam bei den Olympischen Spielen 1972. Nicht trotz, sondern deshalb ist er Botschafter für Toleranz und Menschlichkeit geworden.

Herr Ladany, heute ist der 9. November und der Jahrestag der Reichspogromnacht. Es ist ein Tag des Todes, an dem zahllose Jüdinnen und Juden starben oder deportiert wurden. Für uns von der Hanns-Seidel-Stiftung ist es eine besondere Ehre, Sie zu treffen, einen Überlebenden, der sich ein Leben lang für Versöhnung eingesetzt hat.

Shaul Ladany beim Besuch der Gedenkstätte an das Attentat während der Olympischen Spiele 1972.

Shaul Ladany beim Besuch der Gedenkstätte an das Attentat während der Olympischen Spiele 1972.

Isabel Pantke; HSS

Wie haben Sie nach dem Grauen in Bergen-Belsen wieder zurück ins Leben gefunden?

Keiner wollte sterben, jeder wollte weiterleben. Ich war damals achteinhalb Jahre jung, ein Kind, und keiner hat mich gefragt. Es war der Instinkt. Ich glaube, dass in jedem von uns ein Instinkt für ein besseres Leben steckt.

Aber es gab eine plötzliche Wende. Als wir damals von Bergen-Belsen in der Schweiz ankamen, stiegen wir am Bahnhof in Waggons um. Dort begleiteten uns wieder Uniformierte, das war noch nichts Neues, aber sie schrien uns auf einmal nicht mehr an. Und dann kamen zwei Angestellte des Roten Kreuzes. Sie gaben jedem von uns eine Tasse heiße Schokolade und ich bekam dazu noch ein kleine Tafel Schokolade. Das war ein Gefühl, als seien wir im Paradies angekommen, das Gefühl eines Kindes.

Langfristig gesehen waren es viele Dinge im Leben, die mich zum Weitermachen motivierten.

Mir ist es wichtig zu sagen: Mein Charakter wurde durch die Erlebnisse während des Holocausts gestärkt, ja gestählt, Bergen-Belsen war nur eine Station in dieser Zeit. Mit gestähltem Charakter meine ich, langfristig immer durchzuhalten, obwohl es kein schönes Gefühl ist, diese enorme Anstrengung über Jahre hinweg aufzubringen. Denn man leidet dabei auch, wobei ich ungern das Wort Leiden dafür verwende. Aber du machst es für ein Ziel, für ein besseres Leben. Jahrelang habe ich unter furchtbaren Lebensumständen im Holocaust gelebt, ich wurde quasi darin konditioniert, immer mein Ziel vor Augen zu haben und weiter zu machen.

Hubertus Klingsbögl; HSS

 

Sie haben das Attentat während der Olympischen Spiele 1972 erlebt - ein böses Dejavu! Wie haben Sie es geschafft, trotzdem positiv in die Zukunft zu sehen? Was war Ihre Motivation?

 

In vielen Quellen heißt es, dies sei das zweite Mal gewesen, dass ich überlebt habe. Aber es war nicht das zweite Mal. Viele Male stand ich dem Tod gegenüber und viele Male habe ich überlebt. Als ich zu Beispiel fünf Jahre alt war, wurde unser Haus direkt von einer Bombe der Luftwaffe getroffen. Solche Erlebnisse gehörten zu meinem Leben während des Holocausts. Später habe ich für Israel im Krieg gekämpft, auch dort habe ich Schreckliches erlebt.

Ich wollte damals unbedingt zu den Olympischen Spielen nach München. Bei der Olympiade davor in Mexiko ließen sie bei der Schlusszeremonie Servietten in unterschiedlichen Sprachen fliegen, mit der Botschaft: See you in Munich! Das hat mich motiviert, obwohl die Vorbereitung harte Arbeit war.

Auf der einen Seite: Schon damals wurden israelische Flugzeuge und Reisende angegriffen, besonders offizielle Repräsentanten des Staates Israels standen unter erhöhten Schutz. Ich war mir also der Gefahr bewusst, ich wusste, ich könnte ein Ziel sein. Das Team der israelischen Sportler erhielt vor der Abreise nach München sogar Sicherheitsanweisung.

Auf der anderen Seite glaubten wir alle an das uralte Tabu der Olympischen Spiele, so wie es vor 1972 immer gelebt wurde: Die Spiele sind allein dem Sport und der Begegnung gewidmet. Gewalt, Krieg und Konflikte haben dort keinen Platz. Niemand dachte, dass dieses uralte Gesetz gebrochen wird. Olympia in München sollte, und so war es am Anfang auch, ein Spiel der Freude und des Friedens werden. Jeder hatte Zutritt.

Heute wissen wir: Seit 1972 haben sich die Zeiten geändert. Bei den Olympischen Spielen in Atlanta explodierten zwei Bomben. Es gab ein versuchtes Attentat auf ein wichtiges Football-Event in Frankreich, 10.000 Menschen hätten sterben können. Deshalb sehen Olympische Spiele heute anders aus, Veranstalter und Regierungen müssen nun für die Sicherheit aller Teilnehmenden Sorge tragen.

Und weshalb sind Sie danach immer noch positiv geblieben?

Ich war schon 36 Jahre alt, ein gestandener Mann und mein Charakter war stark. Der Sport und der damit verbundene Geist lebt seitdem weltweit weiter, das hat mich motiviert. Ich überlebte, aber nicht nur das: Direkt im Oktober nach den Olympischen Spielen 1972 nahm ich an der Champions League in 100 km Gehen in Lugano in der Schweiz teil!

Die journalistische Berichterstattung 

Ein Jahr vor Olympia 1972 war ich in München bei den berühmten Brown-Spielen, ein Testlauf für die Olympischen Spiele. Da schrieb die lokale Presse einen Artikel mit dem Titel: „Shaul Ladany geht auf vertrautem Boden“. Sie meinten wahrscheinlich Bergen-Belsen.
Unmittelbar nach dem Attentat 1972 erschien ein Beitrag in einer bekannten Münchner Zeitung, diesmal mit der Überschrift: „Shaul Ladany hat ein zweites Mal kein Glück auf deutschem Boden gehabt.“

Woher nehmen Sie die Kraft zur Versöhnung? Wie schafften Sie es, die Deutschen nicht zu hassen?

Ich habe niemals Menschen gehasst, ich mag nur manche Leute nicht. Zwischen nicht mögen und hassen ist ein großer Unterschied. Ich nehme an, das ist Teil der Erziehung in meinem Elternhaus. Ich habe zwar eine große Wut denen gegenüber, die im Naziregime involviert waren und die Gräueltaten begangen haben, aber als ich hörte, dass einige davon die Todesstrafe erhielten, empfand ich keinerlei Glücksgefühl. Sachlich fand ich die Bestrafung korrekt.

Ich hatte nie ein schlechtes Gefühl gegenüber der jungen Generation. Wenn ich in Deutschland jemanden treffe, schätze ich immer das Alter, wenn ich denke er/sie könnte involviert gewesen sein, dann vermeide ich den Kontakt.

Immer, wenn ich persönlich mit Antisemitismus konfrontiert werde, reagiere ich sofort heftig und implusiv.

Eine Geschichte dazu: Ich spazierte während meines Aufenthalts dort bei den Olympischen Spielen mit meiner Frau durch Mexico City. Ich trug meine Trainingsjacke, auf der die Flagge Israels zu sehen war. Da hörte ich hinter mir einen Mann schreien: Du Schwein, ein Schimpfwort, das Nazis für Juden verwendeten. Ich drehte mich um, packte ihn, verdrehte ihm das Handgelenk und fragte ihn: „Was hast du gesagt?" Er antwortete verschreckt: „Nix, nix, nix!“

Oder auf einem berühmten Wettkampf: „1300-Kilometer-Gehen in einer Woche“. Die letzten drei Kilometer sollten sich die Teilnehmer in alphabetischer Reihenfolge nach ihrer Nation mit der Landesfahne in die Stadt einziehen. Ich war das erste Mal dabei und wusste nicht, dass wir uns alphabetisch sortieren sollten und stellte mich auf die falsche Position. Plötzlich schubste mich einer von hinten fast um und rief: „Du Jude, nicht vor Österreich!“ Ich habe mich umgedreht und geschrien: „Mach das nie wieder!“. Stur bin ich auf der falschen Position geblieben!

Shaul Ladany bei einer Gesprächsrunde der Hanns-Seidel-Stiftung und MAKKABI
Deutschland.

Shaul Ladany bei einer Gesprächsrunde der Hanns-Seidel-Stiftung und MAKKABI Deutschland.

Isabel Pantke; HSS

Es gibt immer noch Antisemitismus in Deutschland. Haben Sie einen Rat für uns, wie wir dagegen vorgehen können?

Das Wichtigste sind Erziehung und Bildung.

Ein Beispiel: Seit vielen Jahren gibt es am International Holocaust Day Stadtläufe. Es geht dabei nicht um sportliche Leistung, sondern vielmehr um Erinnerung und Austausch. Einmal fand auch auch ein Lauf in Bologna statt. Wir sollten alle vor dem lokalen Fußballstadion stehen bleiben. Dort hatte das Fußballteam von 1930 einen talentierten ungarischen Trainer, der die Mannschaft zu großem Erfolg führte. Er und seine Familie wurden in Ausschwitz vergast. Sein Freund suchte nach ihm und erfuhr von seinem Tod. In Gedenken an ihn wurde das lokale Fußballstadion nach ihm benannt. Wir gingen also bei diesem Stadtlauf in dieses Fußballstadion und ich sprach ein paar Worte. Das gesamte Fußballteam mit Trainer und Management waren da und schüttelten mir die Hände. Daraus entwickelte sich eine Ausstellung vor Ort und sie schenkten mir auch die Biografie des Trainers.

Jahre später wurde ein Fußballdenkmal für junge Spielerinnen und Spieler in Nürnberg errichtet mit dem Titel: Nie wieder! Ich stellte den Kontakt zum Fußballteam in Bologna her und sie schickten ihr Nachwuchsteam nach Nürnberg. Am Rande der Begegnung organisierten wir mit anderen Zeitzeugen Workshops und Gespräche. Auch junge Fußballerinnen und Fußballer aus Krakau stießen dazu.

Ich fragte sie, welche Juden sie kennen, ob sie wissen, wie viele Juden es weltweit gibt und wie viele davon Nobelpreisträger seien?

Am Ende fragte ich sie, ob sie eine Person kennen, die als Jude geboren und gestorben ist? Es folgte Stille.

Ich antwortete: Jesus Christus und stellte die Frage in die Runde Wie können Menschen Antisemiten sein, wenn Sie an Jesus Christus glauben?

Ja, Aufklärung, Bildung und Begegnung, das sind sehr wichtige Mittel, um gegen Antisemitismus vorzugehen.

Ich habe über den Sport sehr viele Freunde gefunden, auch viele Nichtjuden, und das macht bis heute keinen Unterschied. Regelmäßig besuchen sie mich in Israel. Auch im Beruf habe ich nie Antisemitismus gespürt, wie im Sport ging es immer nur um den Menschen.

Was bedeutet das Gehen für Sie?

Es gibt zwei Typen von Sportlern, die einen machen den Sport dauerhaft zum Bestandteil ihres Lebens, die anderen nur temporär, so lange sie wirklich Spitzenleistung erbringen. Bei den Gehern gibt es besonders viele, die diesen Sport nie aufgeben, auch wenn sie die Leistungsspitze bereits überschritten haben. Für sie ist das Gehen eine Art zu leben. Für mich auch.

Ich kenne auch ehemalige Fußballspieler, die immer noch am Wochenende mit Begeisterung ihren Sport ausüben.

Einen einzigen Schwimmer kenne ich, der immer noch trainiert. Die meisten hören auf, denn beim Schwimmen kann man ja nur den Poolboden anschauen.

Wenn Sie nur noch einen Satz in Ihrem Leben der Jugend von heute sagen könnten? Was würden Sie sagen?

Engagiert Euch im Sport, liebt es und bleibt dran!

 

Vielen Dank, Herr Ladany, für das Gespräch!

Das Interview führte und übersetzte aus dem Englischen Isabel Pantke.

 

Zur Person

Shaul Ladany wurde im Alter von nur acht Jahren im Jahr 1944 in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Er gehörte zu der Minderheit jener jüdischen Gefangenen, die aufgrund Verhandlungen schweizerischer und ungarischer jüdischer Organisationen gerettet wurden und in die Schweiz ausreisen durften. 

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs emigrierte Ladany nach Israel und wurde ein renommierter Wissenschaftler und herausragender Sportler. In der Disziplin „Gehen“ nahm an den Olympischen Spielen in München teil und überlebte den antisemitischen Anschlag der palästinensischen Terrorgruppe „Schwarzer September“ auf die israelische Mannschaft am 5. September 1972. Bis heute läuft er jeden Tag und legt Zeugnis ab über das, was geschehen ist, und über das, was durch sein Überleben zum Lebensthema geworden ist: Toleranz und Menschlichkeit.