HSS-Stipendiatinnen und -Stipendiaten auf Geschichtstour in Berlin
Geschichte im Museum: Frage nach dem „WIE“, nicht nur nach dem „WAS“
Es gibt nur wenige Städte, in denen sich verschiedene Geschichtsebenen an einem Ort nachspüren lassen: Berlin als deutsche Hauptstadt und Ort deutscher Geschichte ist ein solcher Ort, bündeln sich doch gerade hier an verschiedenen Stellen wie einem Brennglas gleich historische Prozesse von Lokal-, National- und sogar Weltgeschichte, die die Vielschichtigkeit von Geschichte hervortreten lassen. Damit ist Berlin zugleich ein zentraler Ort der deutschen Erinnerungskultur und der Auseinandersetzung mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Auseinandersetzung mit den Diktaturen in Deutschland und ihren Spuren in Berlin
Vor allem die beiden Diktaturen von 1933 bis 1945 (NS-Zeit) und von 1945 bis 1989/90 (DDR) haben in der Stadt ihre Spuren hinterlassen. So verwundert es auch nicht, dass die Museums- und Gedenkstättenlandschaft Berlins durch viele Einrichtungen zu diesen beiden Themen seit den 1990er Jahren gut aufgestellt ist. Sie bilden wichtige Orte der historischen Bildung und Erinnerungskultur in Berlin.
Gerade weil die Auseinandersetzung mit diesen beiden Zeitepochen weiter wichtig ist, führt das Institut für Begabtenförderung ein Seminar zum Thema „Deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts in der Erinnerungskultur“ in Berlin durch. Bereits zum neunten Mal seit 2018 fand das mehrtägige Seminar nunmehr statt.
Grundlegend und zentral für das Seminar war dabei nicht nur die Frage, „was“ ausgestellt wird, sondern auch, „wie“ es ausgestellt wird. Nur so war gewährleistet, dass es zu einer Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Schwerpunkten und damit zu einem Perspektivwechsel kam, der ein besseres Verstehen historischer Prozesse ermöglicht.
Vorderansicht und Eingang zum „Haus der Wannseekonferenz“
Alexander Kropp; HSS
NS-Zeit in Berliner Museen und Gedenkstätten
Das Seminar stand unter der Leitung des Historikers und HSS-Altstipendiaten Alexander Kropp aus München, der viele Jahre in Berlin tätig war und mit der Museums- und Gedenkstättenlandschaft sehr vertraut ist. Den Anfang bildete ein themeneinführender Rundgang durch Berlin-Mitte, der unter anderem zum ehemaligen Mauerstreifen an der Bernauer Straße oder der Neuen Wache als „Zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ führte.
Die Gruppe besuchte zum Thema „NS-Zeit“ verschiedene Ausstellungen, die auf ganz unterschiedliche Weise einen Zugriff darauf boten: So stand am Anfang ein geführter Rundgang durch das „Haus der Wannsee-Konferenz“, der die Teilnehmenden an den „idyllischen“ Ort am Wannsee führte, an dem unter Federführung der SS am 20. Januar 1942 die bürokratische Organisation der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“ in ganz Europa diskutiert wurde. Besonders beeindruckt war die Gruppe von der Präsentation des in einer einzigen Version erhaltenen Protokolls der Sitzung. In der Abschlussbesprechung wurde gerade dieser Besuch als eines der Highlights des Seminars bezeichnet.
Gruppenfoto vor dem „Germania-Modell“
Alexander Kropp; HSS
Passend dazu war auch die Führung durch die Dauerausstellung „Topographie des Terrors“ am ehemaligen Sitz von SS, Gestapo und Reichssicherheitshauptamt, die eingehend veranschaulichte, wie Ideologie und Rassenwahn Terror und Mord in ganz Europa ermöglichten – durch Mitglieder der SS, die sich aus allen Schichten der deutschen Bevölkerung zusammensetzte.
Wie sich Hitler ein künftiges Berlin vorstellte, zeigte schließlich die Ausstellung „Mythos Germania“ des „Vereins Berliner Unterwelten“, an deren Erarbeitung Kropp selbst mitgewirkt hatte. Sie thematisiert die Neugestaltung Berlins zur „Welthauptstadt Germania“ nach den Plänen von Hitlers Architekten Albert Speer und damit die „schöne Seite des Nationalsozialismus“. Allerdings zeigte sich, dass der sogenannte „Endsieg“ die zentrale Voraussetzung für die Umsetzung dieser megalomanischen Pläne gewesen wäre. Anhand eines großen Modells, das für Filmproduktionen geschaffen wurde und das zentrale Stück der geplanten Nord-Süd-Achse mit der Großen Halle und dem Führerpalast im Spreebogen als Mittelpunkt zeigt, erläuterte Kropp die politischen Zusammenhänge der Planungen.
Stipendiaten betrachten in einem Schaukasten unter anderem ein Kalaschnikow-Sturmgewehr AK-47, das zur Standardausrüstung des militärischen Arms der Stasi (Wachregiment „Feliks Dzierzynski") gehörte.
Alexander Kropp; HSS
DDR-Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven
Dem Thema „DDR“ wurde aus zwei unterschiedlichen Perspektiven begegnet: Was es heißt, in einer Diktatur zu leben, die Bürger ausspioniert, bespitzelt oder jahrelang einsperrt, konnte die Gruppe im Stasi-Museum, dem ehemaligen Sitz der DDR-Staatssicherheit nacherleben. Anschaulich wurden durch einen ehemals verfolgten Zeitzeugen – „sehr authentisch“, wie eine Teilnehmerin später sagte – erläutert, mit welchen Methoden die Stasi zur Kontrolle der Bevölkerung arbeitete und wie perfide die Einheit von „Partei und Staat“ bis zur Wende im Herbst 1989 durch die Sozialistische Einheitspartei (SED) aufrechterhalten wurde. Der Besuch vermittelte damit einen unmittelbaren Einblick in Repression, Überwachung und Staatssicherheit in der DDR.
Eine ganz andere Perspektive auf die DDR öffnete sich im Museum in der Kulturbrauerei, wo das „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ den „Alltag in der DDR“ und damit das Leben in einer sozialistischen Gesellschaft thematisiert: Das Leben als „Werktätiger“ im Betrieb wird hier ebenso dargestellt wie die Auswirkungen der Mangelwirtschaft und das ständige Improvisieren als Reaktion darauf. Es wurde deutlich, wie man sich in einer Diktatur, ohne anzuecken, einrichten konnte.
Historische Bildung und die Bedeutung der Erinnerungskultur
Die Teilnehmenden sollten mit diesem Seminar nicht nur ihr historisches Wissen erweitern, sondern am Ende auch besser erkennen können, was wirklich eine Diktatur ist und was sie ausmacht – gerade in Zeiten, in denen bestimmte politische Kreise unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung mitunter diktaturähnliche Züge unterstellen wollen. Mit dieser Taktik beabsichtigen diese, die Demokratie zu untergraben und unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage zu stellen.
Alexander Kropp vor dem Ausstellungsteil zu Speers Medienpolitik.
Alexander Kropp; HSS
Drei Fragen an Alexander Kropp
HSS: Worüber klärt die Ausstellung „Mythos Germania“ auf?
Alexander Kropp: Die Schau thematisiert die Planungen von Adolf Hitler und seines Architekten Albert Speer, die Berlin innerhalb weniger Jahre in die „Welthauptstadt Germania“ verwandeln wollten. Unter anderem sollten zwei riesige Achsen mit aneinandergereihten überdimensionierten „Bauklötzen“ oder eine 180.000 Menschen fassende, über 320 m hohen „Volkshalle“ errichtet werden. Zudem wird die Rolle von Speer als „Generalbauinspektor“ (GBI) näher betrachtet, der zur Verwirklichung dieser Pläne Konzentrationslager anlegen und Berliner Juden aus ihren Wohnungen und Häusern vertreiben ließ, um Platz für sogenannte „Abrissmieter“ zu haben. Deutlich wird, dass der „Endsieg“ die Voraussetzung für die Realisierung dieser Planungen war.
HSS: Wie kam es dazu, dass Sie an der Ausstellung mitgearbeitet haben?
Alexander Kropp: Im Jahr 2008/2009 zeigte der Verein „Berliner Unterwelten“ am Holocaust-Mahnmal in der Nähe des Brandenburger Tores eine erste Version der Ausstellung. Bei den Vorbereitungen suchten die Kuratoren Informationen zum Thema „Medienpolitik des GBI“. Dabei stießen sie auf mich, da ich zu diesem Thema im Rahmen eines Dissertationsprojektes forsche. So wurde ich zur Mitarbeit eingeladen und war auch bei der Realisierung der überarbeiteten Schau dabei, die seit 2014 am Gesundbrunnen in Berlin gezeigt wird.
HSS: Ist das Ausstellen der „schönen Seite des Dritten Reiches“ nicht gefährlich?
Alexander Kropp: Auf den ersten Blick kann man das so sehen. Aber gerade am Beispiel des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg – die dortige Dauerausstellung des auch vom Freistaat Bayern mitfinanzierten „Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände“ macht das sehr deutlich – kann man sehen, welche Doppelfunktion die dortige Architektur hat: Sie sollte die damaligen „Volksgenossen“ einschüchtern, gleichzeitig aber auch aufwerten. Nicht wenige waren davon beeindruckt und ließen sich so auch für das NS-Regime einnehmen – die Botschaft war dabei klar: „Wir sind wer!“. Die Staats- und Parteiarchitektur sollte wie ein „Wort aus Stein“ für den Nationalsozialismus werben. Die Größe der Bauten, wie sie auch für Berlin vorgesehen waren, war hierbei das visuelle Mittel. Insofern ist es gut, wenn sich die Besucher auch mit diesem Thema beschäftigen.
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