„Es liegt ein Gefühl von Liebe in der Luft“, resümierte US-Präsident Donald Trump am Ende des diesjährigen NATO-Gipfels und zeigte sich versöhnlich mit dem Ausgang des Treffens. Davon hatte man im Vorfeld des Gipfels allerdings nicht ohne Weiteres ausgehen können: Grönland, der Iran-Krieg oder anhaltende Kritik an den Verteidigungsausgaben der anderen NATO-Staaten – eine Vielzahl von Streitpunkten, die das transatlantische Verhältnis in den letzten Monaten deutlich getrübt haben.
Der NATO-Gipfel in Ankara
Geschlossenheit gewahrt – wichtige Fragen bleiben allerdings noch offen
Lastenverschiebung auf Europa: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (Mitte) und NATO-Generalsekretär Mark Rutte (rechts) diskutieren beim NATO-Gipfel über eine engere NATO-EU-Zusammenarbeit und die Stärkung der europäischen Verteidigungsindustrie.
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NATO 3.0: Lastenverschiebung und Europas neue Rolle
Dabei ist gerade die Debatte um eine ausgewogene Lastenteilung keineswegs eine neue oder unberechtigte Forderung der Trump-Administration: Laut jüngsten NATO-Schätzungen betragen die Verteidigungsausgaben der USA 2026 850 Mrd. Dollar. Dem gegenüber stehen 634 Mrd. Dollar der 31 weiteren Mitgliedstaaten aus Europa und Kanada und somit eine stark einseitige Lastenteilung. Zugleich verlagert sich die Debatte seit dem Amtsantritt der zweiten Trump-Administration mehr und mehr von „burden-sharing“ hin zu „burden-shifting“, also von der Lastenteilung hin zur Lastenverschiebung auf europäische Verbündete. US-amerikanische Strategiepapiere verweisen seit geraumer Zeit sehr eindrücklich auf die veränderte Prioritätenliste der USA: Landesverteidigung und die westliche Hemisphäre sowie China und der Indo-Pazifik kommen noch vor Europa. Russland hingegen wird in der aktuellen Verteidigungsstrategie als „auf absehbare Zeit anhaltende, aber beherrschbare Bedrohung für die östlichen NATO-Mitglieder“ beschrieben. Elbridge Colby, Unterstaatssekretär für Verteidigungspolitik im Pentagon, beschreibt in diesem Kontext die US-amerikanische Vision der neu aufgestellten euro-atlantischen Zusammenarbeit als „NATO 3.0“, in der die europäischen Bündnispartner die Hauptlast für die konventionelle Abschreckung und Verteidigung Europas übernehmen sollen, während die USA die nukleare Abschreckung sowie in begrenzter Form kritische Fähigkeiten bereitstellen.
Signale europäischer Entschlossenheit: Ergebnisse des NATO-Gipfels
Vor diesem Hintergrund kann der Gipfel in Ankara grundsätzlich als Erfolg gewertet werden – Überraschungen blieben aus und die Mindestanforderungen wurden erfüllt: Die Allianz hob die Fortschritte auf europäischer und kanadischer Seite hin zu mehr Eigenverantwortung gegenüber einer in Teilen NATO-skeptischen US-Administration hervor, demonstrierte im Kern der Verteidigungsallianz transatlantische Einigkeit und leitete weitere Schritte zur Unterstützung der Ukraine ein:
- Politische Geschlossenheit: Trotz anhaltender Kritik des US-Präsidenten an den NATO-Verbündeten konnten sich die Staats- und Regierungschefs auf eine Gipfelerklärung verständigen, in der sie ihr unerschütterliches Bekenntnis zur kollektiven Verteidigung und zur gegenseitigen Beistandspflicht nach Artikel 5 des NATO-Vertrags bekräftigen.
- Umsetzung der Ziele von Den Haag 2025: Die Ankara-Erklärung stellt den deutlichen Anstieg der Verteidigungsausgaben europäischer Bündnispartner heraus. Die NATO-Verteidigungsausgaben und ihre wirksame Verwendung werden damit zu einem zentralen Maßstab für europäische Eigenverantwortung. Beim Gipfel 2025 in Den Haag hatten sich die NATO-Mitglieder dazu verpflichtet, bis 2035 insgesamt 5 Prozent des BIP in die Verteidigung zu investieren: 3,5 Prozent des BIP für militärische Fähigkeiten und 1,5 Prozent des BIP für weitere verteidigungs- und sicherheitsrelevante Investitionen wie in den Schutz kritischer Infrastruktur. 2025 stiegen die Verteidigungsausgaben der europäischen Partner und Kanadas um mehr als 19 Prozent (+139 Mrd. Dollar) im Vergleich zum Vorjahr an. 2026 werden voraussichtlich fünf Mitgliedstaaten (Estland, Griechenland, Lettland, Litauen und Polen) das 3,5-Prozent-Ziel und 17 Bündnispartner das 1,5-Prozent-Ziel bereits erfüllen.
- Fähigkeitsausbau durch Industriekooperation und Innovation: Höhere Verteidigungsausgaben bleiben ohne Effekt, wenn sie nicht schnell in einsetzbare Fähigkeiten für die gemeinsame Abschreckung und Verteidigung übersetzt werden. Die NATO knüpfte daher an bereits eingeleitete Schritte (NATO Innovation Fund, NATO DIANA – Defence Innovation Accelerator for the North Atlantic, NATO’s Rapid Adoption Action Plan) der letzten Jahre an und verabschiedete eine Strategy for Industry-NATO Cooperation, um die Fähigkeitsentwicklung in Zusammenarbeit mit der Verteidigungsindustrie zu verbessern und das Erreichen der NATO-Fähigkeitsziele zu unterstützen. Zwar obliegt diese Verantwortung in erster Linie den Mitgliedstaaten, doch hat die NATO ein Interesse daran, die Koordination mit dem Privatsektor zu fördern, Produktionskapazitäten zu erhöhen, Innovationspotenziale besser auszuschöpfen und dabei die Interoperabilität alliierter Systeme zu stärken. Im Rahmen des NATO Summit Defence Industry Forum wurden zudem Beschaffungsvorhaben in Höhe von mehr als 50 Mrd. Dollar, unter anderem in den Bereichen Frühwarnung und Überwachung, Luft- und Drohnenabwehr, Satellitenkommunikation, weltraumgestützte Überwachung, Erdbeobachtung, Präzisionsschlagfähigkeiten und Munition angekündigt.
- Unterstützung der Ukraine: Im Gegensatz zum Vorjahr hatte zudem die fortlaufende Unterstützung der Ukraine eine deutlich höhere Priorität. Angesichts reduzierter US-Unterstützung unter Präsident Trump tragen die europäischen Bündnispartner und Kanada inzwischen den größten Anteil der militärischen Unterstützungsleistungen – unter anderem mittels PURL-Mechanismus (Prioritized Ukraine Requirements List), wonach Verbündete und Partner den Kauf US-amerikanischer Rüstungsgüter für die Ukraine finanzieren. Auf dem NATO-Gipfel in Ankara sagten sie der Ukraine für 2026 und 2027 ca. 140 Mrd. Euro für militärische Unterstützung zu – rund 70 Mrd. Euro 2026 und mindestens ein ähnliches Niveau im Folgejahr. US-Präsident Donald Trump stellte der Ukraine hingegen in Aussicht, ihr eine Lizenz zur Produktion der dringend im Abwehrkampf gegen Russland benötigten US-amerikanischen Patriot-Abfangraketen zu erteilen. Neben konkreten Unterstützungszusagen dokumentiert der Gipfel einen Bedeutungswandel der Ukraine für die euro-atlantische Ordnung – von der ursprünglichen Empfängerin hin zur Bereitstellerin von Sicherheit für die Allianz basierend auf ihrer militärtechnologischen Innovationskraft, ihrer Erfahrung mit Drohnen und Drohnenabwehr sowie der Kampferfahrung gegen Russland.
Positive Bilanz des NATO-Gipfels, richtungsweisende Fragen
Während die Bilanz somit durchaus positiv ausfällt, bleiben richtungsweisende Fragen gerade für europäische NATO-Verbündete jedoch offen und Unklarheiten bestehen: Wie sehen Umfang und zeitliche Dimension der angekündigten Reduzierung US-amerikanischer Streitkräfte und Fähigkeiten in Europa aus? Wie kann nach mehr als 75 Jahren US-amerikanischer Führung innerhalb der NATO eine stärker von Europa getragene konventionelle Abschreckung und Verteidigung aussehen, ohne auf die USA verzichten zu müssen? Diese und weitere Fragen müssen aus europäischer Sicht schnell und in enger Abstimmung mit Amerika geklärt werden. Denn ein stärkeres Europa in einer schwächeren NATO wäre letztendlich auch keine wirksame Antwort auf die sicherheits- und geopolitischen Herausforderungen.
Vertiefende Analyse zur transatlantischen Sicherheitspartnerschaft
In Kürze erscheint hier eine ausführliche Analyse unserer Referatsleiterin für Außen- und Sicherheitspolitik, Andrea Rotter, in der sie die Prämissen der Neuausrichtung der transatlantischen Sicherheitspartnerschaft aus US-Sicht skizziert und die zentralen Ergebnisse des NATO-Gipfels 2026 in Ankara sowie Deutschlands Rolle darin einordnet.
Beitrag „Vor 70 Jahren – Deutschlands Beitritt zur NATO”
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