Interview
Gesellschaft gemeinsam gestalten - Was hält uns in Zukunft zusammen?
Ist die bürgerliche Mitte in Gefahr und warum ist sie es?
Die bürgerliche Mitte in ihrem traditionellen Verständnis ist in Gefahr, weil sich ihre traditionelle soziale Basis durch die Erosion gesellschaftlicher Milieus und das Verschwimmen von Schichtengrenzen zunehmend auflöst. Und deshalb nimmt heute im Grunde jeder für sich in Anspruch, 'bürgerlich' zu sein. Soll Bürgerliche Mitte als griffiges Konzept also eine Zukunft haben, muss sie anders gedacht werden, um dieser Inflationierung des Begriffs zu begegnen.
Prof. Dr. Martin Sebaldt, Ordinarius für Vergleichende Politikwissenschaft (Westeuropa), Institut für Poitikwissenschaft, Fakultät für Philosophie, Kunst-, Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften, Universität Regensburg.
Veronika Bauer; hss
Wie können wir die bürgerliche Mitte stärken?
Dieses differente Verständnis darf nicht sozial, sondern muss funktionalangelegt sein: Die neu verstandene Bürgerliche Mitte ist als Menge derjenigen Bürger zu begreifen, die für eine 'goldene', gute und damit auch demokratische Mitte zwischen untauglichen bzw. gefährlichen politischen Extremen steht. Dieses Verständnis nimmt daher Abschied vom sozial definierten "Bourgeois" und nähert sich dem politisch-demokratisch definierten "Citoyen".
Warum ist die bürgerliche Mitte so wichtig für die Demokratie?
Wenn wir diese neu verstandene Bürgerliche Mitte als eine Kraft begreifen, die nicht für ein bestimmtes Segment der Gesellschaft steht, sondern für die gute Mitte zwischen schlechten Extremen, ist sie nicht nur wichtig für die Demokratie, sondern für ihre Existenz absolut unverzichtbar. Denn die Demokratie ist die einzige politische Ordnungsform, in der diese Mitte einen Ort hat, ja sie letztlich verkörpert. Eine so gedachte Bürgerliche Mitte wird damit zur Seele der Demokratie schlechthin.
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