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Portraits jüdischer Persönlichkeiten
Gesichter unseres Landes: Hans J. Morgenthau

Wir feiern 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und Bayern und würdigen den essentiellen Beitrag, den jüdische Persönlichkeiten für die Geschichte, Kultur, Wissenschaft und Wesensart unseres Landes geleistet haben. Heute im Portrait: Hans J. Morgenthau (1904-1980) – international einflussreichster Theoretiker des Politischen Realismus im Fach Politikwissenschaft, Vordenker verantwortungsethischer Außenpolitik und Lehrer Henry A. Kissingers.

„Hans Morgenthau war mein Lehrer. Und er war mein Freund.“

Diese Worte stammen von keinem Geringerem als Henry A. Kissinger, der nach seiner Tätigkeit als Politik-Professor an der Harvard University von 1969 bis 1973 als Nationaler Sicherheitsberater der USA, danach bis 1977 als Außenminister der Administrationen Nixon und Ford diente. Morgenthau und Kissinger verbinden nicht nur ihr gemeinsamer Denkansatz, die Akteure, Strukturen und Prozesse internationaler Politik durch das Prisma des Politischen Realismus, also im Sinne des Tatsächlichen und Machbaren, nicht des Wünschbaren, zu betrachten und zu analysieren, sondern auch ihre Herkunft und einige Stationen ihres akademischen Weges: Wie Kissinger (geboren im Mai 1923 in Fürth) stammte auch Hans J.(Joachim) Morgenthau (nicht zu verwechseln mit dem Urheber des nach ihm benannten „Morgenthau-Planes“, Henry Morgenthau Jr.) aus Deutschland.

Stolperstein für Hans Morgenthau am Gymnasium Casimirianum in Coburg.

Stolperstein für Hans Morgenthau am Gymnasium Casimirianum in Coburg.

Stefan Brending; (CC-by-sa-3.0) Stolperstein for Hans Morgenthau at the Casimirianum Coburg. ; Wikimedia Commons

Der Lebensweg

Am 17. Februar 1904 wurde er als (einziges) Kind einer bürgerlich-jüdischen Arztfamilie in Coburg geboren. Er studierte Rechts- und Staatswissenschaften in Berlin, München und Frankfurt a.M., wo er 1929 mit einer völkerrechtlichen Dissertation promovierte. Nachdem er seine anschließend begonnene Tätigkeit am Arbeitsgericht Frankfurt wegen der nationalsozialistischen Machtübernahme bereits nach kurzer Zeit beenden musste, lehrte er zunächst in Genf, später auf Einladung des international bedeutenden Philosophen und Soziologen Ortega y Gasset in Madrid (wo er auch seine langjährige Partnerin Irma Thormann heiratete) und ging im Jahre 1937 in die Vereinigten Staaten, deren Staatsbürgerschaft er 1943 erwarb.
Nach verschiedenen Stationen in Lehre und Forschung in New York und Kansas City nahm er einen Ruf als Professor für Politikwissenschaft an die University of Chicago an, wo er ab 1951 als Direktor des Center for the Study of American Foreign Policy wirkte. Seine Forschungs- und Lehrtätigkeit in den USA umfasste Gastprofessuren an einer ganzen Reihe renommierter Universitäten, darunter Columbia, Harvard, Yale, Princeton und Berkeley. Seine letzte akademische Station war die New School for Social Research in New York, wo er am 19. Juli 1980 verstarb.

Theorie der Internationalen Politik

Seine wissenschaftlich bahnbrechenden theoretischen Standardwerke, darunter das in mehrere asiatische und europäische Sprachen übersetzte und in vielen Auflagen überarbeitete „Politics Among Nations“ (deutsche Auflage: „Macht und Frieden“) erschienen in den Jahren 1948-1951.

Morgenthau, von seinem namhaften Kollegen Stanley Hoffmann als „Gründervater“ der Disziplin Internationale Politik gewürdigt, reklamierte mit seiner Theorie, mit lediglich zwei rudimentären Grundbegriffen – „Interesse“ und „Macht“ – den Wissenschaftsbereich des Politischen als ein eigenständiges Interaktionsfeld zu charakterisieren, das neben anderen Feldern wie Ökonomie, Geschichte und Recht steht. Die von Morgenthau entwickelte, anthropologisch durch Menschenbilder in den Werken von Hobbes und Machiavelli geprägte Theorierichtung des Politischen Realismus hat in den einschlägigen Fachdiskussionen bis heute viel Zustimmung, aber auch viel Ablehnung gefunden – ignorieren, da sind sich Befürworter, Weiterentwickler („Neorealisten“) und Gegner einig, konnte man sie niemals. Auch, weil Morgenthaus von der Theorie abgeleitete Analysen operativer Außenpolitik wichtige Hinweise zur zukünftigen Vermeidung außenpolitischer Fehler lieferten. So warnte er, wie sein ehemaliger wissenschaftlicher Assistent an der University of Chicago sich später erinnerte, frühzeitig „vor der Illusion einer weltpolitischen Allmacht der USA, vor der moralischen Selbstgerechtigkeit einer ideologischen Kreuzzugsmentalität und vor den Fehlschlüssen eines utopischen Legalismus, der daran glaubte, dass die Möglichkeiten und Verfahren innerstaatlicher Konfliktregelung leicht auf die Ebene internationaler Politik übertragen werden könnten“ (Gottfried-Karl Kindermann).

Rezeption der Analysen

Erst wenn seine praxisbezogenen Analysen sowohl in akademischen Kreisen rezipiert als auch von außenpolitischen Entscheidungsträgern gewürdigt wurden, fühlte Morgenthau sich vollumfänglich bestätigt. So äußerte er sich in einem persönlichen Gespräch mit seinem früheren Mitarbeiter Kindermann hoch erfreut darüber, dass Henry Kissinger derjenige Staatsmann sei, der „wesentliche seiner, bereits in den frühen fünfziger Jahre formulierten, außenpolitischen Empfehlungen in die Tat umgesetzt habe“.

Kissinger wiederum würdigte in seinem, im August 1980 in „The New Republic“ veröffentlichten Nachruf auf den „Lehrer und Freund“ nicht nur den Theoretiker und Denker Morgenthau, den „Analytiker der Macht“, sondern auch den „liebenswürdigen und zur Liebe fähigen Menschen“, der sich „seines jüdischen Erbes zutiefst bewusst“ war.

„Er hatte erkannt, dass kein anderes Volk so leicht zum Opfer von Ungerechtigkeit und Leidenschaft werden kann. Deshalb war es für ihn eine besondere Verpflichtung, der Intoleranz und dem Hass entgegenzutreten. Und es war für ihn eine Selbstverständlichkeit, sich nie soweit zu erniedrigen, dass er zu den Methoden griff, die er bekämpfte. Er war ein edler Mensch.“

Autor: Prof. Dr. Reinhard Meier-Walser ist Honorarprofessor für Internationale Politik an der Universität Regensburg. Er leitete bis Mai 2021 die Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung. 

Henry A. Kissinger: Hans Morgenthau: Ein liebenswürdiger Analytiker der Macht. In: Henry A. Kissinger: Die weltpolitische Lage. Reden und Aufsätze. München: Bertelsmann 1983, S. 285-290.

Gottfried-Karl Kindermann: Hans J. Morgenthau und die theoretischen Grundlagen des politischen Realismus. In: Hans J. Morgenthau: Macht und Frieden. Grundlegung einer Theorie der Internationalen Politik. Gütersloh: Bertelsmann 1963, S. 19-47.

Gottfried-Karl Kindermann: Zur Leistung und Wirkung von Hans J. Morgenthau. In: Gottfried-Karl Kindermann (Hrsg.): Grundelemente der Weltpolitik. 3. Aufl. München und Zürich: Piper 1986, S. 51-53.

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