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Portraits jüdischer Persönlichkeiten
Gesichter unseres Landes: Kurt Eisner

Wir feiern 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und Bayern und würdigen den essentiellen Beitrag, den jüdische Persönlichkeiten für die Geschichte, Kultur, Wissenschaft und Wesensart unseres Landes geleistet haben. Heute im Portrait: Kurt Eisner – der erste bayerische Ministerpräsident.

Wer sich mit dem Übergang von der Monarchie zur Demokratie in Bayern beschäftigt, stößt unweigerlich auf die Revolution des Jahres 1918 und in der Konsequenz auch auf die Person Kurt Eisners. Selbst wenn man der Bedeutung von Einzelpersonen für den Gang der Geschichte kritisch gegenübersteht: Die Tatsache, dass ausgerechnet das bayerische Königtum vor allen anderen deutschen Monarchien gestürzt wurde, ist wesentlich auf das Wirken Kurt Eisners zurückzuführen. Dies erscheint umso merkwürdiger als Eisner gebürtiger Berliner war und aus gutbürgerlich-jüdischem Elternhaus stammte. Sein unvermitteltes Erscheinen auf der politischen Bühne gab für viele Spekulationen und Verdächtigungen Anlass und hat dazu geführt, dass Person und Wirken bis heute umstritten geblieben sind. Erst wenn man die langen Linien von Eisners Biographie in den Blick nimmt, wird klar, dass er schon viele Jahre zuvor als politischer Journalist gewirkt hatte und als solcher immer darum bemüht war, aktiven politischen Einfluss zu gewinnen. 

Tätigkeit als Redakteur

Als Eisner im Jahr 1907 nach Nürnberg und damit erstmals fest nach Bayern kam, hatte er den Höhepunkt seiner journalistischen Karriere allerdings schon hinter sich. Nach Anfängen beim Depeschenbüro Herold in Berlin und bei der Frankfurter Zeitung hatte er als Redakteur der Hessischen Landeszeitung in Marburg und durch seinen Kampf gegen den radikalen Antisemiten Otto Böckel, vor allem aber durch einen spektakulären Prozess wegen Majestätsbeleidigung, der ihm eine Haft von neuen Monaten eintrug, überregional auf sich aufmerksam gemacht. Darin dürfte auch der Grund zu sehen sein, dass er nach der Haftentlassung im Jahr 1898 von Wilhelm Liebknecht in die Redaktion des SPD-Zentralorgans „Vorwärts“ geholt wurde, dessen Kurs er nach dem Tod Liebknechts im Jahr 1900 maßgeblich bestimmen sollte.

Die leitende Position am „Vorwärts“ verschaffte Eisner Gehör weit über die Parteigrenzen hinaus. In seiner Funktion als führender Redakteur initiierte er in diesen Jahren spektakuläre Pressekampagnen, griff aber auch in die Diskussionen um Theorie und Taktik der Partei ein. Sein Bemühen, einen Mittelweg zwischen Reformisten und Radikalen aufzuzeigen und eine Theorie zu propagieren, die sich sowohl auf Karl Marx als auch auf Immanuel Kant stützte, stieß bei den führenden Theoretikern der Partei auf wenig Gegenliebe. Im "Vorwärts"-Konflikt von 1905 fiel er auch beim Parteivorsitzenden August Bebel in Ungnade und musste das Blatt im Unfrieden verlassen. Die Auseinandersetzungen zeigten dabei deutlich, dass Eisner - auch wegen des fehlenden Stallgeruchs - in der SPD ein Außenseiter geblieben war.

Das Ausscheiden am "Vorwärts" hatte zur Folge, dass Eisner 1907 die Chefredaktion der "Fränkischen Tagespost" in Nürnberg übernahm, die er zu einem "Organ weltpolitischer Aufklärung" zu machen suchte. 1910 wechselte er schließlich als Landtagsberichterstatter für die SPD-Presse und Mitarbeiter der "Münchener Post" in die bayerische Landeshauptstadt, das heißt in die Nähe der bayerischen SPD-Führung, deren reformistischen Kurs er zunächst ohne erkennbare innere Reserve unterstützte.

Der Erste Weltkrieg

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs deutete daher wenig daraufhin, welche Rolle Eisner vier Jahre später im Rahmen der bayerischen Revolution spielen sollte. Wie die Mehrheit seiner Parteifreunde war auch er der Auffassung, dass es sich bei diesem Krieg um einen von Russland aufgezwungenen Verteidigungskrieg handle. Dies veranlasste ihn, sich ganz entgegen seiner früheren antiimperialistischen Auffassungen für die Bewilligung der Kriegskredite und für die Vaterlandsverteidigung stark zu machen. Allerdings hat Eisner diese Position schon nach kurzer Zeit wieder korrigiert. Schon im Februar 1915 war er sich sicher, dass das Deutsche Reich die eigentliche Schuld am Kriegsausbruch trug. Dieser Auffassungswandel ging mit dem Gefühl einher, über die wahren Hintergründe des Kriegsausbruchs bewusst getäuscht worden zu sein. Verantwortlich machte er dafür nicht nur die bayerische Staatsregierung, sondern auch die eigenen Parteifreunde.

Münchner Oppositionsbewegung

Die Maßnahmen der Zensur und die Isolierung innerhalb der eigenen Partei steigerten dieses Gefühl in der Folge zur Gewissheit. Gleichgesinnte fand Eisner daher eher außerhalb der organisierten Arbeiterschaft bei einem kleinen Kreis pazifistisch gesinnter Jugendlicher, die sich wegen des Krieges von der SPD abgewandt hatten und aus denen sich schließlich Teile der im April 1917 neu gegründeten Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) rekrutierten. Öffentliche Aufmerksamkeit gewann die Münchner Oppositionsbewegung allerdings erst im Zuge des Januarstreiks 1918, den Eisner rückblickend als die "revolutionärste Revolution" bezeichnet hat. Die Beteiligung von ca. 10.000 Münchner Rüstungsarbeitern an den deutschlandweiten Streiks musste mühsam gegen die Mehrheitssozialdemokratie und die Gewerkschaften durchgesetzt werden. In den Betriebsversammlungen, die darüber beschließen sollten, kam es dabei mehrfach zu heftigen Auseinandersetzungen mit dem SPD-Parteivorsitzenden Erhard Auer.

Die durch den Januarstreik veranlasste Verhaftung Eisners und seiner engsten Mitstreiter beraubte die Münchner Antikriegsbewegung ihrer Leitfigur und brachte die Proteste weitgehend zum Verstummen. Dass Eisner überhaupt noch einmal die Möglichkeit erhielt, in das Geschehen einzugreifen, verdankte er der Tatsache, dass Georg von Vollmar ausgerechnet im Oktober 1918 aus Gesundheitsgründen sein Reichstags- und sein Landtagsmandat niederlegte. So konnte die USPD Eisner als Kandidaten für die anstehende Ersatzwahl zum Deutschen Reichstag aufstellen, was seine Haftentlassung und die Wiederaufnahme der Agitationstätigkeit ermöglichte. In seinen Wahlkampfauftritten forderte Eisner nicht nur die Beendigung des Krieges, sondern auch den Sturz der Monarchie. Weiter rief er dazu auf, auch alle diejenigen zur Verantwortung zu ziehen, die Mitschuld trugen an dem nicht enden wollenden Völkermorden. Seine Kundgebungen erfuhren einen ständig anwachsenden Zulauf. Es war daher alles andere als Zufall, dass die bayerische Monarchie schon am 7. November 1918 fiel, früher als in Berlin und in anderen deutschen Ländern.

Erster bayerischer Ministerpräsident

Schnell zeigte sich, dass Eisner, der Gewalt immer abgelehnt hatte, viel zu schwach war, um in Bayern allein eine stabile Regierung bilden zu können. Das zwang ihn zum Bündnis mit seinen früheren Parteifreunden von der MSPD und zur Einbindung bürgerlicher Politiker in die Revolutionsregierung. Auch wenn dieses Bündnis konfliktreich blieb und Eisners Politik im Kabinett wenig Unterstützung fand, setzte er in den folgenden Monaten alles daran, die politischen Konsequenzen aus den Erfahrungen der Weltkriegsjahre zu ziehen. Sein Versuch, die deutsche und die internationale Öffentlichkeit über die wahren Kriegsursachen aufzuklären und eine Aussöhnung mit Deutschlands Kriegsgegnern herbeizuführen trugen ihm dabei ebenso viel Hass und Verachtung ein, wie seine Auffassung, dass die in der Revolutionsnacht gegründeten Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte als neue Instanzen der politischen Meinungsbildung mit einer parlamentarischen Demokratie vereinbar wären. In Verbindung mit dem um sich greifenden Antisemitismus entwickelte sich daraus eine Pogromstimmung, die Anton Graf Arco auf Valley motivierte, Eisner am 21. Februar 1919, also am Tag seines Rücktritts ebenso heimtückisch wie sinnlos zu ermorden.

Autor: Dr. Bernhard Grau, Historiker und Archivar, Direktor des Bayerischen Hauptstaatsarchivs, München.

Elisabeth Angermair, Andreas Heusler (Hrsg.), Machtwechsel. München zwischen Oktober 1918 und Juni 1919, München 2020.

Michael Brenner, Der lange Schatten der Revolution. Juden und Antisemiten in Hitlers München 1918–1923, Berlin 2019.

Freya Eisner, Kurt Eisner: Die Politik des libertären Sozialismus, Frankfurt a.M. 1979.

Martin H. Geyer, Verkehrte Welt. Revolution, Inflation und Moderne. München 1914-1924 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 128), Göttingen 1998.

Bernhard Grau, Kurt Eisner (1867-1919), 2. Aufl., München 2017.

Albert E. Gurganus: Kurt Eisner. A Modern Life, Rochester (New York), 2018.

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