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Portraits jüdischer Persönlichkeiten
Gesichter unseres Landes: Lion Feuchtwanger

Wir feiern 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und Bayern und würdigen den essentiellen Beitrag, den jüdische Persönlichkeiten für die Geschichte, Kultur, Wissenschaft und Wesensart unseres Landes geleistet haben. Heute im Portrait: Lion Feuchtwanger - Chronist des abnehmenden Lichts.

Im Jahr 2021 leben Jüdinnen und Juden nachweislich seit 1700 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Deutschland. Um das zu feiern, finden in der gesamten Bundesrepublik das ganze Jahr über Veranstaltungen statt. Ziel des Festjahres ist es, jüdisches Leben sichtbar und erlebbar zu machen und dem erstarkenden Antisemitismus entgegenzuwirken.

Die Hanns-Seidel-Stiftung beteiligt sich an diesem Jubiläumsjahr mit vielfältigen Aktivitäten. Auch wir wollen unseren Beitrag dazu leisten, das Judentum in Geschichte und Gegenwart als untrennbaren und prägenden Teil unseres Landes und unserer Gesellschaft erfahrbar zu machen. Als ein Baustein hierzu dient eine Reihe von Portraits jüdischer Persönlichkeiten, die in ihrem je eigenen Wirkungsbereich Bemerkenswertes und Bereicherndes geleistet haben. Auf diese Weise haben sie Deutschland im Allgemeinen und Bayern im Besonderen zu dem gemacht, was sie heute sind.

Lion Feuchtwanger - Chronist des abnehmenden Lichts

„Hitler hat mir das Bürgerrecht weggenommen, doch nicht wegnehmen konnte er mir meinen bayrischen Dialekt.“

Als Lion Feuchtwanger diesen Satz 1933 schrieb, war er als international gefeierter Schriftsteller gerade in den Vereinigen Staaten von Amerika auf Lesereise unterwegs. Zu seinem Glück. Die Nationalsozialisten hatten den 1884 als Sohn eines erfolgreichen jüdischen Margarinefabrikanten ins politisch-konservative Münchner Bürgertum hineingeborenen Intellektuellen bereits länger im Visier. Auch hatten sie seine Prophezeiung in einer Berliner Zeitung von 1931 nicht vergessen: „Solange es in Deutschland noch einen Winkel gibt, wo die Kunst den Mund auftun darf, wollen wir es  unmissverständlich aussprechen und in die Schädel hämmern: Das Dritte Reich bedeutet Ausrottung der Wissenschaft, der Kunst, des Geistes.“

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler kam die Quittung: Feuchtwanger wurde ausgebürgert, seine Bücher verbrannt, seine großzügige Villa am Berliner Grunewald von einer SA-Truppe geplündert. Retten konnte er zumindest einen Teil seines Vermögens, das er sich nach anfänglichen Hungerjahren auf dem Weg zum Weltbestseller als Erneuerer und Meister des historischen Romans erschrieben hatte.
Schon seine beiden frühen Werke „Die hässliche Herzogin“ (1923) und „Jud Süß“ (1925), die in geschichtlichem Gewand von der Gegenwart berichten und auch als Warnung der deutschen Juden vor der Illusion einer Unangreifbarkeit durch Assimilation gedacht waren, hatten ihn materiell unabhängig gemacht. In den nächsten 33 Jahren sollten zahlreiche umfangreiche epische Werke folgen.

Der aufmerksame Beobachter

1912 hatte Feuchtwanger die jüdische Kaufmannstochter Marta Löffler geheiratet, die ihm trotz seiner zahlreichen Affären zur kongenialen Lebenspartnerin werden sollte. Ihre Wohnung avancierte zum Begegnungsort der künstlerischen Elite.
Als sie 1925, angeekelt vom Antisemitismus und den Anpöbelungen des nationalsozialistischen Mobs sowie politisch alarmiert von der nahezu völlig fehlenden Gegenwehr des Münchner Bürgertums, ihre Heimatstadt in Richtung Berlin verließen, hatten sie bereits bewegte Zeiten hinter sich. Während einer Reise war das Ehepaar 1914 in Tunis vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht und Lion vorübergehend verhaftet worden. Eine abenteuerliche Flucht gelang.

Dem Tod auf den Schlachtfeldern des ersten Weltenbrandes entging Feuchtwanger als magenkranker Untauglicher. Die Münchner Räterepublik erlebte er als zurückhaltender Beobachter. Wie nur wenige seiner Zeitgenossen, darunter der seit 1919 mit ihm befreundete Bertolt Brecht, sah er früh die drohende Gefahr des heraufziehenden Nationalsozialismus, dessen Auswirkungen ihn, wie geschildert, unmittelbar nach der Machtergreifung persönlich in den Vereinigten Staaten mit großer Wucht erreichten.

Bewegte Jahre

Feuchtwanger sollte seine Heimat nie mehr wiedersehen. Von seiner Lesereise aus Amerika zurückkehrend, fand er zunächst Unterschlupf im Fischerdorf Sanary-sur-Mer an der französischen Mittelmeerküste, einem der bekanntesten Exilzentren, wo er von 1933 bis 1940 lebte und schrieb – von seinen Sprachwurzeln getrennt, aber literarisch äußerst produktiv.

In seinem Schlüsselroman „Exil“ (1940), einem der bedeutendsten Dokumente deutscher Exilliteratur, hat er die desaströsen Lebensbedingungen in der Emigration eindrücklich dargestellt. Diese Bedrückung kulminierte in seiner Internierung als „feindlicher Ausländer“ durch das Vichy-Regime im Konzentrationslager Les Milles bei Aix-en-Provence. Über Spanien und Portugal gelang ihm gemeinsam mit Marta schließlich die lebensgefährliche Flucht in die Vereinigten Staaten von Amerika. Unterstützt von Thomas Mann fanden sie am Pazifischen Ozean in dessen unmittelbarer Nachbarschaft in Pacific Palisades in der „Villa Aurora“ ihre neue Heimat für fast zwei schöpferische Jahrzehnte. Die großzügige Villa ist heute ein lebendiger Ort des Kulturaustausches zwischen Deutschland und den USA.
Hier entstanden bis zu Feuchtwangers Krebstod weitere dreizehn Romane, darunter „Goya“ (1951) und „Die Jüdin von Toledo“ (1955).  

„Hitler hat mir das Bürgerrecht weggenommen, doch nicht wegnehmen konnte er mir meinen bayrischen Dialekt.“

„Hitler hat mir das Bürgerrecht weggenommen, doch nicht wegnehmen konnte er mir meinen bayrischen Dialekt.“

Münchner Stadtbibliothek / Monacensia, P/a 720

Rezeption der Werke

In der frühen Bundesrepublik hatten es die Werke des jüdischen Weltbürgers mit bayerischen Wurzeln schwer, Resonanz zu finden. Feuchtwanger selbst hatte es diesem Teil seiner Leserschaft nicht leichtgemacht.
Als leidenschaftlicher Gegner des Nationalsozialismus hatte er zeitweise in der Sowjetunion den entschiedensten Gegner des Dritten Reiches zu erkennen geglaubt und war Ende 1936 einer umgarnenden Einladung nach Moskau gefolgt. Mit seinen Lobpreisungen Stalins, der beifälligen Teilnahme an einem der Schauprozesse gegen angebliche Trotzkisten und der anschließenden Propagandaschrift „Moskau 1937“ hat er sich selbst in Verruf gebracht.

Dabei ist Feuchtwanger als an Luxus gewohnter Großbürger sicherlich nie ein überzeugter Kommunist gewesen. Die Kategorie „linker Optimist“ trifft es vermutlich besser. Es sollte bis 1957 dauern, bis seine Geburtsstadt ihn mit ihrem Kunst- und Literaturpreis würdigte – allerdings ausschließlich für seine künstlerische Leistung und nicht für seine politische Haltung, von der sich der Münchner Stadtrat in einer eigenen Resolution ausdrücklich distanzierte.

Dabei hat Feuchtwanger Oberbayern im Allgemeinen und München im Besonderen in seinem Roman „Erfolg“ (1930) ein unvergleichliches Denkmal gesetzt. Bei diesem Schlüsselroman handelt es sich um das erste große Prosawerk, das sich in einem so kritischen wie breiten Panorama der krisengeschüttelten 1920er Jahre mit dem Aufkommen der nationalsozialistischen Bewegung auseinandersetzt. Schonungslos werden ihre Hintergründe ausgeleuchtet, ihre Lächerlichkeit, ihre Gefährlichkeit und ihre Unmenschlichkeit angeprangert. Feuchtwanger zeichnet in diesem grandiosen Sittenbild nach, wie es zum Erfolg der Nationalsozialisten kommen konnte, der erst durch die Korruptheit von Justiz, Politik und Wirtschaft, durch die heimliche Förderung einiger Großindustrieller sowie die massenhafte Unterstützung durch das Kleinbürgertum möglich geworden war. An der Hand des feinsinnigen literarischen Chronisten wird der Leser Schritt für Schritt in die Zeiten des abnehmenden Lichts und der heraufziehenden Dunkelheit des Zivilisationsbruchs geführt. Und doch ist dieser zeitkritische Roman durchzogen von einer großen Liebe Feuchtwangers zu seiner bayerischen Heimat und ihren Bewohnern. Nur, dass die meisten von ihnen dies bis heute nicht so recht bemerkt haben.

Autor: Dr. Philipp W. Hildmann, Leiter des Kompetenzzentrums für Gesellschaftlichen Zusammenhalt und Interkulturellen Dialog der Hanns-Seidel-Stiftung.

 

Sabine Dultz: Zum 130. Geburtstag: Biografie von Lion Feuchtwanger. In: Münchner Merkur (6. Juli 2014). Abrufbar unter: https://www.merkur.de/kultur/130-geburtstag-biografie-lion-feuchtwanger-3681395.html. [Stand: 23. April 2021].

Wilhelm von Sternburg: Lion Feuchtwanger. Die Biographie. Berlin 2016.

Literaturgeschichte Münchens. Hrsg. von Waldemar Fromm, Manfred Knedlik, Marcel Schellong. Regensburg: Verlag Friedrich Pustet 2019.

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