Print logo
Zur Hauptnavigation springen Zum Hauptinhalt springen

Der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek im Interview
Gesundheitspolitik für die Zukunft

Autorin/Autor: Dr. Maximilian Rückert

Seit über zwei Jahren ist die Welt im Abwehrkampf gegen die Corona-Pandemie. Es gab Maskenknappheit, zeitweise wurden Tests und Impfdosen rar, kurzfristige, akute Entscheidungen mussten getroffen werden. Bleibt daneben noch Zeit, sich grundsätzliche Gedanken über das Gesundheitssystem zu machen? Welche Reformen sind jetzt nötig? Wir haben Klaus Holetschek, Mdl, gefragt.

Seit Beginn der Corona-Pandemie gibt es in Deutschland gefühlt mehr Gesundheitsexperten und Statistiker, als Bundestrainer während einer Fußballweltmeisterschaft. In Politik und Medien aber auch am Arbeitsplatz diskutiert das ganze Land über Gesundheitspolitik. Vieles war lange unklar oder ist es immer noch.  

Welche Regelungen gelten für den Schulbesuch? Welche Inzidenzwerte erlauben mir die lang geplanten Ferien? Welche Gründe sprechen für eine Impfpflicht, welche dagegen? Bleibt aber neben dieser Diskussion akuter Einzelthemen noch Kraft und Zeit übrig, um über die Zukunft der Gesundheitsversorgung nachzudenken? Mit welchen Ideen wollen wir dem Pflegenotstand begegnen, mit welchen Maßnahmen die Gesundheitsversorgung aller auch in Zukunft sichern? Welche Innovationen brauchen wir dafür?

Mit dem bayerischen Gesundheitsminister, Klaus Holetschek, MdL, der im zweiten Pandemiejahr 2021 auch Vorsitzender der deutschen Gesundheitsministerkonferenz war, haben wir über eine visionäre Gesundheitspolitik gesprochen.

Holetschek lehnt lässig an einer Säule, die Arme gekreuzt, der Blick ernst.

"Digitalisierung und Gesundheit gehen noch viel zu wenig Hand in Hand" (Staatsminister Klaus Holetschek, MdL)

Klaus Holetschek

HSS: Herr Minister, in der aktuellen Situation bräuchte Ihr Tag wohl 72 Stunden. Bleibt Ihnen neben der Bekämpfung von Omikron auch noch Zeit für den Blick auf die Zeit danach und die Gestaltung der Zukunft?

Klaus Holetschek, MdL: Ich glaube, die Corona-Pandemie hat gegenwärtig für uns alle – und damit auch für mich und mein Ministerium - immer noch einen überragenden Fokus. Aber: sie ist auch heute nur ein Teil unserer Aufgaben. Ganz ehrlich, die Zukunft gestalten wir natürlich am liebsten ohne sie. Die Themen, die die Zukunft bestimmen, liegen aber auch wegen der Erfahrungen aus der Pandemie jetzt noch offensichtlicher auf der Hand. Die Zukunft der Pflege werden wir mit unseren Entscheidungen heute für die nächsten zwei bis drei Dekaden bestimmen. Digitalisierung und Gesundheit, sie gehen noch viel zu wenig Hand in Hand. Und der Klimaschutz und die Gesundheit, auch diese beiden könnten noch eine viel engere, weil sehr sinnvolle Beziehung haben und ihren Beitrag zu unserer Gesundheit in Zukunft leisten.

HSS: Was ist Ihre Vision für die Pflege und Gesundheitsversorgung von morgen?

Gute Pflege - daheim in Bayern. Das ist es. Wenn wir hier Pflege etwas breiter definieren und dabei auch Forschung, Vorsorge, Versorgung und Fürsorge mit einbeziehen, dann ist das meine Vision. Wenn diejenigen, die dieser Pflege bedürfen, sagen können: das läuft rund, das klappt gut hier bei uns in Bayern, dann ist sehr viel erreicht. Dann ist das nicht mehr visionär, sondern umgesetzt.

HSS: Die Hanns-Seidel-Stiftung hat ein Positionspapier mit dem Titel „Deutschland braucht ein Gesundheitsdatennutzungsgesetz!“ [LINK] herausgegeben. Ist die Forschung mit Gesundheitsdaten der Schlüssel für die Versorgung der Zukunft?

„Ganz sicher. Daten und unser Umgang mit Daten werden uns bei Forschung und Versorgung schneller, zuverlässiger und innovativer machen. Sie werden Nutzen stiften für den Einzelnen und für die Gemeinschaft. Zuverlässiger Datenschutz und sinnstiftende Datennutzung müssen dabei Hand in Hand gehen. Gesundheit ohne Daten, ohne Digitalisierung verschenkt Zukunft und die Chancen auf ein besseres und gesünderes Leben.“

Gesundheitsdaten sind Daten, etwa ein Laborbefund, ein EKG-Wert, ein Röntgenbild, ein Datenpunkt, ein einzelner Messwert. Grundsätzlich gilt: Je mehr Daten gesammelt werden, umso größer das Wissen über Erkrankungen. Die Erhebung einzelner Diagnosen spielt dabei keine Rolle, entscheidend ist der Kontext. Welcher Messwert ist für Diagnose, oder die Früherkennung einer Krankheit relevant, welcher nicht?

Die Leistung von Wissenschaft und Forschung die „richtigen Datensätze“ ins Verhältnis zu setzen, ist daher ungleich größer und wertvoller als der „Besitz“ bzw. die Erhebung eines Datenpunkts. In der Gesundheitsversorgung ist derzeit jedoch nur eine Primärnutzung möglich, das heißt: Daten dürfen nur zu dem Zweck verwendet werden, für den sie erhoben werden. Eine Sekundärnutzung, sprich eine Vernetzung und Auswertung verschiedener Datenpunkte, ist im aktuell gültigen Rechtsrahmen nicht möglich. Aber gerade in der Sekundärnutzung liegt das größte Potential datengetriebener Innovationsprozesse für Forschung.

©HSS

Wie unter dem Mikroskop hat die Corona-Pandemie die Schwächen Deutschlands in der digitalen Revolution offenbart, aber auch ganz besonders die Chancen digitaler Technologien ans Licht gebracht: Auf der einen Seite lief Infektionsnachverfolgung in den Gesundheitsämtern zum Großteil noch per Hand, auf der anderen Seite ermöglichte der Einsatz von Big Data und KI-Systemen (Maschinelles Lernen) den wichtigen Quantensprung in der Vakzinforschung. Die Forscher Özlem Türeci und Ugur Sahin entwickelten in Rekordgeschwindigkeit den dringend benötigten Impfstoff.

In unserer Aktuellen Analyse „Mit KI gegen die Pandemie? Über den Einsatz Künstlicher Intelligenz im Gesundheitswesen“ haben wir bereits die vielversprechenden Möglichkeiten von KI-gestützter E-Heath, von datengetriebener Forschung und technischer Assistenz im Versorgungsalltag aufgezeigt. Dort haben wir aber auch ein großes Hemmnis für die Pflege und Medizin der Zukunft ausgemacht: Deutschlands Umgang mit Daten.

HSS: Welche Hürden müssen Ihrer Ansicht nach dafür noch genommen werden?

„Die Gesundheit von morgen braucht ein Mehr an Digitalisierung und ein Weniger an Bürokratie. Bei der Digitalisierung müssen wir unsere Chancen ausbauen und die Befürchtungen abbauen. Bürokratie dagegen ist ein reines Abbauthema. Die Hand am Bett, nicht am Kuli. Das muss unsere Normalität werden. Und beides wird uns auch dabei helfen, die dritte Hürde zu nehmen: die Menschen wieder für die Gesundheitsberufe zu begeistern und zu befähigen - für Berufe, für die es sich lohnt zu brennen.“

HSS: Was muss man in Berlin jetzt machen?

„Die Bundesregierung muss ins Handeln kommen. Darauf warten die Bürgerinnen und Bürger nun schon länger. Sie muss Führung übernehmen und entscheiden. Die Themen liegen alle auf dem Tisch. Jeder Monat, in dem wir weiter zögern, ist verschenkt. Als Opposition wird es unsere Aufgabe sein, den Finger in die Wunde zu legen und mit konkreten Vorschlägen die Regierung herauszufordern und, wo das möglich ist, zu lenken.“

HSS: Welche Rolle spielt die Union in der Opposition im Bund noch bei visionärer Gesundheitspolitik?

„Eine wichtige, auch eine taktgebende. Ein Blick auf den Koalitionsvertrag der Ampel zeigt, wie Ideen von uns dort Eingang gefunden haben. Nehmen Sie das Pflegzeitgeld. Eine Idee aus Bayern. Sie ist gut und dort umgesetzt. Von daher, glaube ich, werden wir als Opposition Wächter und Motor sein. Und natürlich Verantwortlicher, wenn ich an die Bundesländer denke, die unionsgeführt sind.“

HSS: Haben Sie herzlichen Dank für Ihre Zeit! Danke, dass Sie alles am Laufen halten und für Ihre Aufgabe auch weiterhin alles Gute und Gottes Segen!

Wir sind der Meinung: „Daten teilen, heißt besser heilen!“, wie wir in unserem Positionspapier „Deutschland braucht ein Gesundheitsdatennutzungsgesetz! Für innovative und menschendienliche Forschung und Wissenschaft“ darlegen. Die Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung will als Dialogplattform für die relevanten Stakeholder aus Ärzteschaft, Kliniken, Krankenversicherungen, Gesundheitsverwaltung, Pharma-­ und Medizintechnikunternehmen, sowie der Datenwissenschaft und Forschung sowie der Landes- und Bundespolitik dienen – für eine zukunftsorientierte Gesundheitspolitik .