Im Gespräch mit … Sebastian Scott und Alexander Farr
„Habt keine Angst vor Fehlern, nur so lernt man dazu“
Ohne das HSS-Stipendium hätte Sebastian Scott nicht an der renommierten Columbia Universität in New York sein Auslandssemester machen können.
© Clera Labs inc.
Mit dem Start-up „Clera“ wollt ihr den Recruitingprozess für Unternehmen KI-gestützt übernehmen – gewissermaßen als digitaler Headhunter. Was war der Moment, in dem ihr erkannt habt, dass Recruiting neu gedacht werden muss?
Sebastian Scott: „Es war kein einzelner Moment, sondern eine Beobachtung, die uns über Jahre immer wieder begegnet ist: Freunde von uns sind in ihrem Job unzufrieden und wechseln trotzdem nicht, weil ihnen der Schritt zu mühsam ist. Dabei bräuchten sie genau das, was bisher ein Privileg für wenige ist: Nämlich einen Headhunter, der einen wirklich versteht und den passenden nächsten Beruf findet. Diese Beratung gibt es heute fast nur für Führungskräfte, weil klassische Personalvermittlung teuer ist. Uns wurde klar, dass dieses Privileg eigentlich jedem offenstehen sollte.“
Alexander Farr: „Mit moderner KI lässt sich die eigentliche Arbeit eines Headhunters zum ersten Mal skalieren und dadurch für alle zugänglich machen. Unser Ziel: Einen Jobwechsel so einfach zu machen, dass am Ende jeder den Job findet, der zu ihm passt. Spätestens da war für uns klar, dass Recruiting vom Menschen her neu gedacht werden muss und nicht nur digitalisiert.“
Auch Alexander Farr ist ehemaliger HSS-Stipendiat. Er sagt: „Ohne das HSS-Stipendium hätte ich keine spannende, ideologische Ausbildung gehabt und auch meinen smarten Mitgründer Sebastian nie kennengelernt.“
© Clera Labs inc.
Ihr lebt und arbeitet heute im Silicon Valley. Was hat euch dazu bewogen, den Schritt nach San Francisco zu gehen? Was unterscheidet die Start-up-Kultur dort von Deutschland?
Farr: „Wenn man ein KI-Unternehmen baut, führt aktuell kein Weg an San Francisco vorbei. Hier sitzen die führenden KI-Labore, viele der besten Talente und Investoren, die auch riskante Ideen mittragen. Diese Dichte spürt man täglich: Man trifft fast zufällig auf Menschen, die an denselben Problemen arbeiten. Auch wirtschaftlich ist der US-Markt attraktiv, weil die Zahlungsbereitschaft höher und der Arbeitsmarkt flexibler ist. Der größte Unterschied zu Deutschland liegt aber in der Haltung: Ehrgeiz gilt hier als selbstverständlich. Viele Menschen sind offen und hilfsbereit, und man probiert Dinge lieber aus, statt sie lange zu zerdenken. Deutschland hat dafür viel Talent, Substanz und eine starke Wirtschaft; wir tun uns dort nur manchmal schwerer, Risiko und Tempo zuzulassen. Für die frühe Phase eines KI-Start-ups war San Francisco deshalb der richtige Standort. Inzwischen sind wir mit „Clera“ aber auch in Deutschland aktiv und haben bereits zahlreiche Talente an Start-ups wie Langdock, Zauber und Superchat vermittelt.“
Wie hat euch eure Zeit als Stipendiaten der HSS geprägt? Inwiefern haben euch diese Jahre fachlich und persönlich geprägt?
Scott: „Für uns war die Stipendiatenzeit weit mehr als finanzielle Förderung. Am wertvollsten waren das Netzwerk und der Blick über das eigene Fach hinaus. Im Studium bleibt man zwangsläufig unter Leuten der gleichen Disziplin. Über die Stiftung sind wir dagegen ständig mit Stipendiatinnen und Stipendiaten aus ganz anderen Bereichen zusammengekommen – von der Medizin über die Naturwissenschaften bis hin zu den Geisteswissenschaften. Diese Begegnungen haben unseren Horizont geweitet und uns gezeigt, wie unterschiedlich man dieselbe Frage betrachten kann. Aus unserem Jahrgang ist ein Netzwerk geblieben, auf das wir uns bis heute verlassen können. Inzwischen sind wir, ehemaligen Stipendiatinnen und Stipendiaten, über die halbe Welt verteilt. Das liegt auch daran, weil die HSS Auslandssemester fördert, wie bei uns in die USA. Persönlich hat uns die Werteorientierung geprägt. Also die Haltung, mit dem, was man kann, auch etwas beizutragen. Genau dieses Zusammenspiel aus Austausch und Haltung treibt uns bis heute an.“
Welche Erfahrung aus der Stipendiatenzeit hilft euch heute konkret beim Aufbau des Start-ups – etwa mit Blick auf Netzwerk, Werteorientierung, Verantwortung oder Führungsverständnis?
Farr: „Ganz konkret hat uns die Zeit als Stipendiaten gezeigt, wie viel es bringt, sich mit außergewöhnlichen Menschen zu umgeben und Gelegenheiten zu ergreifen, die sich nicht planen lassen. Genau davon leben wir heute: In San Francisco entstehen viele der wichtigsten Kontakte eher zufällig, oft aus einem beiläufigen Gespräch. Die Offenheit, auf Menschen zuzugehen und aus jedem Gespräch etwas mitzunehmen, haben wir schon als Stipendiaten gelernt. Das hilft uns auch im Umgang mit Investoren: Wir konnten Kapital von renommierten US-amerikanischen Venture-Capital-Firmen einsammeln und sehen darin die Chance, etwas wirklich Großes aufzubauen. Genauso wichtig ist die Werteorientierung aus der Stipendiatenzeit: Das Gefühl, Verantwortung für das zu übernehmen, was man baut. Und nicht zuletzt war die Förderung ein echter Vertrauensvorschuss, der uns den Mut gegeben hat, diesen ungewöhnlichen Weg zu gehen.“
Was hättet ihr gerne vor der Unternehmensgründung gewusst? Was ist euer Rat für jemanden, der selbst ein Business starten will?
Farr: „Was wir gern früher gewusst hätten: Auch in San Francisco kochen am Ende alle nur mit Wasser – viele haben einfach schon mehrere Anläufe hinter sich. Beeindruckend ist, wie früh Menschen hier gründen.; Das mediane Alter der Y-Combinator-Gründer (Anm. d. Red. Y-Combinator ist ein US-Accelerator, der unter anderem „Airbnb“ und „Dropbox“ groß gemacht hat) ist zuletzt von 30 auf rund 24 Jahre gesunken.“
Scott: „Wer früher anfängt, sammelt über die Jahre mehr Erfahrung. Unser wichtigster Rat ist deshalb: Fangt früher an, als ihr euch bereit fühlt, und redet so schnell wie möglich mit echten Kunden, denn deren Feedback ist mehr wert als jeder Businessplan. Habt keine Angst vor Fehlern, denn nur so lernt man dazu. Und sucht euch Mitgründer, denen ihr auch in schwierigen Momenten vertraut, denn solche Momente kommen garantiert.“
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Werkstudentin Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit