Fachkräftemangel in Deutschland
Handwerk ist ein Muss für eine erfolgreiche Wirtschaft
Seit Langem ist er prognostiziert, der Fachkräftemangel, nun tritt er mit großer Wucht zutage und betrifft alle Bereiche in unserem Land. Die demografische Entwicklung ist sicherlich der größte Treiber; der Kuchen wird für alle Bereiche kleiner, weil es insgesamt weniger Menschen gibt. Die Möglichkeit, mit 63 Jahren in Rente zu gehen, entzieht dem Markt zusätzlich Erfahrung und Manpower. Frauen arbeiten teilweise nicht oder nur in Teilzeit. Dazu kommt, dass im OECD-Raum mit seinen 38 Mitgliedsländern Deutschland nur auf Platz 15 in der Beliebtheitsskala ausländischer Fachkräfte steht.
Handwerker sind die am häufigsten gesuchten Fachkräfte - weltweit. Vor den Ingenieuren, den IT-Experten und noch viel weiter vor den Betriebswirten. Knappheit reguliert sich in marktwirtschaftlichen Systemen über den Preis. Folgt man den Regeln der Marktwirtschaft, können sie sich aussuchen, wo sie arbeiten wollen.
Nicht auszuschließen ist, dass viele Länder insbesondere auf die deutschen Handwerker schauen, die im dualen Ausbildungssystem groß wurden und damit eine qualitativ hochwertige Ausbildung erhalten haben. Das deutsche Ausbildungssystem ist weltweit hoch angesehen, lässt sich allerdings nicht ganz so einfach kopieren.
Daher erscheint es erstaunlich, dass der Handwerksberuf in Deutschland nicht den besten Stand hat. Das Ansehen eines handwerklichen Berufs beziehungseise einer dualen Berufsausbildung ist in unserer Gesellschaft deutlich geringer als das eines Studiums. In unserer Podiumsdiskussion mit der stellvertretenden Vorsitzenden der Hanns-Seidel-Stiftung, Kerstin Schreyer, MdL, dem Präsidenten der Handwerkskammer für München und Oberbayern, Franz Xaver Peteranderl und dem Präsidenten des Bundesinstituts für berufliche Bildung, Prof. Dr. Friedrich Esser, waren sich alle Beteiligten einig, dass dieser Aspekt des gesellschaftlichen Status ein grundlegendes Hindernis ist, junge Menschen in einen Ausbildungsberuf zu bekommen.
Thomas Klotz, Leiter des Referats für Bildung, Hochschulen und Kultur, spricht mit Prof. Friedrich Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufliche Bildung über den Fachkräftemangel in Deutschland und über Lösungsansätze, wie dieser verringert werden kann.
Prof. Dr. Friedrich Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufliche Bildung, weist darauf hin, dass eine Handwerker im Vergleich zum Akademiker, genauso gebildet ist und genauso viel verdienen kann, wenn nicht sogar mehr.
Studium oder Ausbildung?
Der Trend zur Akademisierung, hängt, so die Analyse von Prof. Esser unter anderem mit dem Strukturwandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft zusammen, mit dem eben auch eine Veränderung des Bildungsbegriffs zu einem „verkopften“ Verständnis einher ging. Tatsächlich sei es so, „dass man als Handwerker genauso gebildet ist und genauso viel verdienen kann, wenn nicht noch mehr, als in einem akademischen Beruf“, führt Esser weiter aus.
Ein wichtiges Transportmedium, um das in den Köpfen zu verankern, ist die Durchlässigkeit im Bildungssystem. „In Bayern kommen 40% der Studierenden nicht über das Abitur an die Hochschulen“, weiß Kerstin Schreyer. Und diese Offenheit motiviert, nach der Schule zunächst eine Lehre zu machen, die Option, danach ein Studium anzuschließen bleibt.
Für Franz Peteranderl ist das ohnehin der „Königsweg“. Schreyer und Peteranderl sind sich einig: Wer zunächst eine Lehre gemacht hat, kann danach mit ganz anderem Hintergrund studieren, versteht die Lehrinhalte differenzierter. Und, darauf legt Peteranderl Wert: „Eine Ausbildung bringt Sicherheit. Ich kann immer wieder in meinen Beruf zurück“. Das können die Studienabbrecher - im Schnitt 30% pro Jahrgang - nicht behaupten.
Mehr Maßnahmen erforderlich
Politik und Wirtschaft tun viel, um über die Vielfalt der Ausbildung - 130 Ausbildungsgänge gibt es in Deutschland, vom Hörgeräteakustiker über die Feinwerkemachnikerin bis hin zum Goldschmied - zu informieren. Mit dem „Tag des Handwerks“, der mittlerweile an den Schulen etabliert ist, kann das gelingen. Denn tatsächlich ist Berufsberatung am Gymnasium meist Studienberaterung und an den Mittelschulen wird empfohlen, auf die Fos/Bos zu gehen. Information und Transparenz sind hier notwendig.
Natürlich braucht es weitere Schritte der Öffnung, viele Stereotypen sind zu hinterfragen. Handwerk wird assoziiert mit „schmutziger Arbeit“, mit harter körperlicher Arbeit. Aber gilt das noch? Der Schornsteinfeger kommt zwar noch im schwarzen Anzug - aber eben mit Laptop, um nur ein Beispiel zu nennen. Frauen können ohne körperliche Arbeit im Bau beschäftigt werden. „Die arbeiten heute auf dem Kran oder dem Bagger mit Tablet“. Bauunternehmer Peteranderl weiß es aus eigener Erfahrung. Der Rest der Gesellschaft hat noch Informationsdefizite. Vor allem auch ältere Menschen können im Handwerk gut integriert werden. Menschen, die in der Schule ihre Probleme hatten, können aufgefangen werden. Tatsächlich liegen hier Potentiale, die wir nutzen können.
Zuwanderung ist dagegen nicht ganz so einfach zu bewerkstelligen. „Wenn es um Zuwanderung geht, müssen wir unterscheiden zwischen Menschen, die zu uns wollen und bei uns arbeiten wollen, und den Menschen, die um Asyl bitten“, erklärt Kerstin Schreyer, denn darum geht es letztlich: Zuwanderung mit Blick auf die Gruppen, die einen Beitrag leisten können, den Fachkräftemangel zu kompensieren. Möglicherweise bietet das neue Fachkräftezuwanderungsgesetz der Regierung einen Ansatz, aber das bleibt abzuwarten. Immer noch stehen bürokratische Hürden im Weg. Vor allem, wenn es um das Visum geht. Und natürlich müssen die Bedingungen dieses Gesetzes vor allem den kleinen und mittelständischen Betrieben gerecht werden. Wenn es um den Wettbewerb um gute Kräfte geht, dürfen die „kleinen“ Handwerksbetriebe, nicht hinten anstehen.
Franz Xaver Peteranderl, Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern; Kerstin Schreyer, MdL, Stv. Vorsitzende; Dr. Claudia Schlembach, Leiterin des Referats Wirtschaft und Finanzen der Akademie für Politik und Zeitgeschehen; Prof. Dr. Friedrich Esser, Präsident des Bundesinstituts für berufliche Bildung.
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