Das letzte Mal „Grundsätzliches“
Heimat ist ein Gestaltungsauftrag
Bayern zeichnet sich durch seine Landschaften und kulturellen Besonderheiten aus. Der Freistaat ist als attraktiver Lebens- und Wirtschaftsraum allerdings mehr als eine Postkartenidylle für Touristen. Auch hier verändern sich Landschaften, Städte, Dörfer und Menschen. Der strukturelle Wandel ist im Orts- und Landschaftsbild abzulesen. Wie sieht unsere Heimat morgen aus: Was wird neu sein, was gilt es zu bewahren? Diesen Fragen stellten sich die Gäste einer Podiumsdiskussion zum Abschluss unserer Reihe „Grundsätzliches“.
Festlich geschmückte Altstadt während der Landshuter Hochzeit
Silke Franke; ©HSS
Mit Bayern verbinden viele Menschen besondere Eigenarten. Dazu gehören die schöne Natur, historisch gewachsene Siedlungen, aber auch die Dialekte, Bräuche und Traditionen. Von Aschaffenburg bis Sonthofen, vom Schwäbischen Donaumoos bis zum Bayerischen Wald weist der Freistaat eine reiche Geschichte und große Vielfalt auf.
„Dies zu bewahren, ist uns in Bayern auch ein zentrales Anliegen“, betonte Generalsekretär Oliver Jörg in seiner Begrüßung, wobei er auf die Bayerische Verfassung verwies und Artikel 3 zitierte:
„Der Staat schützt die natürlichen Lebensgrundlagen und die kulturelle Überlieferung.“
Die Rolle der Kulturlandschaften
Weite Teil der Landschaften wurden über die Jahrhunderte durch Landwirtschaft geprägt: So ist unsere Kulturlandschaft entstanden. Das Thema Heimat kann daher nicht ohne Landwirte gedacht werden, wie Dr. Andrea Fuß vom Bayerischen Bauerverband betont: „Ein landwirtschaftlicher Betrieb ist ortsgebunden, Bauern wirken immer in den Raum hinein und sie engagieren sich stark in Tradition und Brauchtum, wie etwa Erntedankfeste oder Trachtenumzüge“.
„Heimatverständnis basiert auf dem Zusammenspiel von ‚Herkunft und Zukunft‘. Vom Erhalten und Gestalten lebt die Identität“. Dr. Olaf Heinrich, Vorsitzender des Landesvereins für Heimatpflege, Bezirkstagspräsident Niederbayern, Bürgermeister der Stadt Freyung
©HSS; Olaf Heinrich
Mit dem Thema Kulturlandschaft setzt sich Moritz Knöferl in seiner Doktorarbeit an der Universität Augsburg auseinander. Als Jurist interessiert ihn nicht nur die Frage, wann eine Kulturlandschaft rechtlich als schutzwürdig eingestuft wird, sondern auch, inwiefern sich der Schutzstatus auf die kommunale Planungshoheit auswirkt, etwa durch Veränderungsgebote. Konkreter Anwendungsfall ist seine Heimat, das Altbayerische Donaumoos. Die einstige Moorfläche war Ende des 18. Jahrhunderts trockengelegt und kultiviert worden, so dass sich Landwirte ansiedeln konnten. Es war die größte Neulandgewinnung seiner Zeit. Die durch diesen eigentlich radikalen Eingriff entstandene Region soll als ländlicher Siedlungs-, Wirtschafts- und Kulturraum erhalten bleiben.
Wie definiert sich Heimat? Subjektiv und offen!
Einen interessanten Blickwinkel auf Bayern als Heimatland hat der Architekt und Stadtplaner Prof. Mark Michaeli von der TU München: „Ich komme ursprünglich aus Aachen, einer Region, die lange durch Bergbau und Handel geprägt war. Für mich gehört zu Bayern daher selbstverständlich auch das Bild eines Industrielandes, denn der Freistaat hat auch eine Tradition, etwa in der Glas- und Porzellanherstellung oder im Maschinenbau“.
Im Rahmen einer Bürgerumfrage zum „Zukunftsdialog Heimat“ (Heimatspiegel Bayern 2022) war es 80 % der Befragten wichtig, dass Traditionen, Dialekte und Bräuche bewahrt werden und weiterleben. Das Thema Heimat wird insbesondere mit dem ländlichen Raum verbunden.
Silke Franke; ©HSS
Aber was ist „Heimat“ überhaupt? Eine allgemeingültige Definition gibt es nicht. Heimat ist eine Verortung , ein Gefühl des Verbundenseins und der Zugehörigkeit und hängt auch vom Kontext des Betrachters ab. Jeder wird für sich die Frage daher anders beantworten und kann auch mehrere Heimaten haben. Mal ist damit eine bestimmte Region verbunden, die ursprüngliche Herkunft und die Familie, mal der konkrete Wohnort oder aber ein (imaginärer) Sehnsuchtsort. Dr. Olaf Heinrich, Vorsitzender des Bayerisches Landesvereins für Heimatpflege, fasst es daher so zusammen: „Heimat umfasst materielle und immaterielle Bestandteile“.
Für Dr. Gerhard Hopp, MdL, ist ein positiver Umgang mit Heimat wichtig. Damit meint er, dass Heimat nicht exklusiv sein und Menschen ausschließen dürfe, nach dem Motto „Du gehörst nicht dazu“. Er wünscht sich vielmehr, dass Heimat zu einem stärkeren Miteinander führt. Der oberpfälzer Landtagsabgeordnete zeigt sich dabei optimistisch: „Wir Bayern sind offener, als man es uns oft zutraut“.
Damit setze sich auch sein Verein auseinander, ergänzt Heinrich: Traditionelle Trachten, Mundart oder Laienmusik stünden zwar im Fokus, doch, so der Vereinsvorsitzende, „auch die Heimatpflege selbst erfährt Veränderungen und nimmt neue Impulse auf“.
Ein altes Anwesen im Donaumoos: Der Öxlerhof – Teil des Freilichtmuseums „Haus im Moos“
Silke Franke; ©HSS
Heimat: In Stadt und Land!
Bayern ist ein Zuzugsland. Und zwar nicht nur durch Menschen aus dem Ausland, sondern auch durch „Binnenmigration“, also Wanderungsbewegungen innerhalb Deutschlands. Innerhalb Bayerns wiederum zieht es die Menschen oft vom Land in die Stadt, auch wenn hier in jüngster Zeit eine leichte Trendumkehr festzustellen ist. In Zeiten der Corona-Pandemie (Lockdown) und dank Digitalisierung (Homeoffice) gewannen ländliche Gemeinden gegenüber den Großstädten wieder an Attraktivität, wie Heinrich feststellt, der selber promovierter Geograph und Kommunalpolitiker ist. Das zeige, wie sich die Wahrnehmung eines Raumes ändern könne.
Warum ist dies mit Blick auf die Heimatdiskussion wichtig? zum einen, weil es erklärtes Ziel ist, in Stadt und Land gleichwertige Lebens- und Arbeitsbedingungen zu sichern, so wie es die Bayerische Verfassung vorsieht. "Gleiche Chancen" bieten, das ist auch Hopp wichtig: Die Menschen sollen da Perspektiven haben, wo sie zu Hause sind, ob in der Stadt oder auf dem Land. Zum anderen stellt die Wanderungsdynamik auch eine Herausforderung für die Integrationsfähigkeit einer Gemeinschaft dar.
Hopp sieht dabei durchaus Chancen für die gezielte Belebung ländlicher Räume, ohne dass Stadt und Land gegeneinander ausgespielt werden, ganz, wie es die Heimatstrategie vorsieht.
Ein Heimatministerium für Bayern
Als 2013 der damalige Ministerpräsident Horst Seehofer erstmals ein Heimatministerium für Bayern ins Leben rief, erntete die Initiative zunächst skeptische Kommentare, die das spöttelnde Bild eines folkloristischen Heimatmuseums bedienten. Tatsächlich aber ist der Hintergrund die Erfüllung des Verfassungsauftrags zur Sicherung gleichwertiger Lebensverhältnisse und Arbeitsbedingungen. Um dies zu verdeutlichen, wurde das Ministerium nicht zentral in der Landeshauptstadt München, sondern im nordbayerischen Nürnberg angesiedelt. Auch die Standorte anderer Behörden und Hochschuleinrichtungen wurden verlagert und der Breitbandausbau vorangetrieben. Durch einen Heimatpreis für z.B. Vereine werden auch die so genannten weichen Faktoren gefördert.
Ziel des Heimatministeriums und der Heimatstrategie ist „ein übergreifendes und interdisziplinäres Gesamtkonzept für eine Weiterentwicklung im Gleichgewicht zwischen Stadt und Land und Tradition und Moderne. Ein Gradmesser für die bayerische Heimatpolitik ist der jährliche Heimatbericht mit Daten und Fakten zur wirtschaftlichen und demografischen Entwicklung des ländlichen Raums in Bayern.“
Die Idee des Heimatministeriums wurde auch auf den Bund übertragen und von anderen Bundesländern übernommen.
„Bayern ist Tradition und Moderne. Und vor allem ein Ort, an dem alle zusammenhalten.“ (Dr. Gerhard Hopp, MdL)
©HSS; Gerhard Hopp
Flächenverbrauch: Das Gesicht der Heimat ändert sich
Ständig wachsende Siedlungsstrukturen und neue Gewerbegebiete verändern die bayerische Landschaft. Und: Der Flächenverbrauch „geht meist zulasten der landwirtschaftlichen Flächen und entzieht damit wertvolle Böden für die Nahrungsmittelproduktion“, wie Fuß zu Bedenken gibt. Auch andere Landnutzungen sind mit Eingriffen verbunden. Als Beispiel führt Heinrich Photovoltaik-Anlagen, Windräder und Stromleitungen an – eine Entwicklung, die die Kulturlandschaften verändern und damit die Heimatpflege berühren. „Die Landschaften gehörten zum unverwechselbaren Markenkern Bayerns“, stellt Heinrich heraus und gibt dabei zu bedenken, dass ein weiterer Ausbau von Infrastrukturen das "Fassungsvermögen" von Landschaften berücksichtigen solle. Auch hier verweist er auf die Bayerische Verfassung, die den Schutz der Landschaft als Aufgabe benennt.
Qualität der Ortsentwicklung
Gebot der Stunde ist daher, den Flächenverbrauch zu minimieren, etwa durch intensivere Bemühungen, Leerstände im Innerortsbereich zu nutzen, statt im Außenbereich Neubaugebiete auszuweisen. Ein Thema, das Heinrich als Bürgermeister seiner Stadt Freyung anpackt. Er sieht in staatlichen Fördermitteln ein wichtiges Instrument, könnte sich aber vorstellen, dass hier stärker zwischen Neu- und Altbauten, zwischen Innen- und Außenbereich differenziert wird, um Flächensparen mit einem Bonus zu belohnen. Im umgekehrten Fall hielte er zudem einen „Malus“ für vertretbar.
„Unsere historischen Kulturlandschaften transportieren Heimat. Sowohl ihr Eigenwert als auch ihre Bedeutung müssen im Wettstreit um Flächennutzung gewürdigt werden“ (Moritz Knöferl, Jurist, Promovend Universität Augsburg)
©HSS; Moritz Knöferl
Ein Augenmerk solle zudem auf die Baukultur gelegt werden, denn: “niemand wünscht sich Uniformität“, so Heinrich. Stadtplaner Michaeli plädiert dabei für eine offene Diskussion über eine qualitätsvolle Ortsentwicklung, in die alle eingebunden sein sollten, auch Senioren und Jugendliche. Rein rechnerisch wäre genug Siedlungsfläche vorhanden. Daher stelle sichfür den Münchner Professor vielmehr die Frage: Wie gehen wir mit der Fläche um? Das betreffe, so Michaeli, die Ortsentwicklung insgesamt. Der Einzelhandel bricht weg, das Arbeits- und Konsumverhalten ändert sich, auch die Wunschvorstellungen von den eigenen vier Wänden. Hier brauche es frische Ideen, die Leben in die Innenstadt bringen, und neue Formen der Mobilität und des Wohnens - "übrigens wichtige Punkte, um auch bei der Jugend attraktiv zu bleiben", wie Michaeli weiß.
Bauen und Wohnen seien jedoch ohnehin teuer geworden, so der Einwand von Jörg. Für Hopp könnte hier das genossenschaftliche Bauen Potenzial haben sowie allgemein mehr Flexibilität in den Wohnformen. Zwar gebe es durchaus gute einzelne Architekturbeispiele, ergänzt Michaeli, doch Beispiele, die auch als Geschäftsmodell taugen, seien im Immobilienbereich tatsächlich eher rar. Dies gelte insbesondere für Sanierungen von Bestandsbauten, so dass nach wie vor überwiegend Neubauten auf der grünen Wiese entstehen. Alternativ müssten die Vorgaben zur Umsetzung der Leitlinie "Innen- vor Außenentwicklung" im Landesentwicklungsprogramm geschärft werden.
Nützliche Links
Die Veranstaltung fand online statt. Hier bieten wie Ihnen Informationen und Links, die durch die Teilnehmer in der Diskussion und im Chat eingebracht wurden:
- „Heimat zwischen Tradition und Fortschritt“ (2016, Publikation Hanns-Seidel-Stiftung/ Bayerische Akademie Ländlicher Raum)
- Bayerischer Landesverein für Heimatpflege
- Vortrag Dr. Olaf Heinrich „Windenergie als Herausforderung für die Heimatpflege“
- Aufsatz Dr. Olaf Heinrich „Siedlungsentwicklung Freyung/ Revitalisierung vorhandene Bausubstanz“
- Haus der Bayerischen Geschichte
- Landschaftstypen in Deutschland
- Kulturlandschaftsgliederung in Bayern
- Kulturlandschaftsforum Bayern
- „Baukultur: Fokus Land“ (2019), Publikation des Lehrstuhls für nachhaltige Entwicklung Stadt und Land, TU München
- Beispiel Mehrgenerationenhaus in Baulücke statt Einfamilienhaus am Ortsrand
Heimat: Ein Gestaltungauftrag
Am Schluss der Diskussionsrunde waren sich alle einig: Heimat ist Gestaltungsauftrag. Dieser richtet sich nicht nur an den Staat und die Kommunen und fußt nicht nur auf einer Strategie des Heimatministeriums oder den Leitplanken des Landesentwicklungsprogramms. „Es sind die Menschen, die gestalten“ (Fuß), und „die Bürger wollen auch die eigene Umgebung mitgestalten“ (Hopp). Viele „Menschen erkennen, dass sie etwas tun können“ (Heinrich) und sie können eine „Heimat auch für die entwerfen, die erst noch ankommen“ (Michaeli). „Bayern ist stark als Bürgergesellschaft“ (Jörg). Zeigen wir also „Gestaltungswille und Gestaltungsoptimismus“ (Knöferl).
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