Alterssicherung im demografischen Wandel
Herausforderung Altersvorsorge
Die Altersvorsorge steht angesichts des demographischen Wandels vor großen Herausforderungen. Die neue Bundesregierung wird für dieses Thema eine nachhaltige Lösung finden müssen.
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Die Alterung der Bevölkerung zeigt sich in Deutschland an der zunehmenden Zahl der Menschen im Rentenalter und an ihrem steigenden Anteil an der Gesamtbevölkerung. Die Verschiebung zwischen den Altersgruppen ist gravierend. Die ersten Babyboomer haben bereits das gesetzliche Renteneintrittsalter erreicht. Im Jahr 2036 werden die rund 19,5 Millionen. Babyboomer vollständig aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sein, gleichzeitig kommen nur 12,5 Millionen jüngere Beschäftigte bis 2036 nach. Der demografische Druck auf den Arbeitsmarkt wächst kontinuierlich, während sich das Zeitfenster schließt, in dem geeignete Gegenmaßnahmen Wirkung entfalten können. Die ökonomischen Konsequenzen einer abnehmenden Erwerbsbevölkerung sind schwerwiegend bis wohlstandsgefährdend. Auch schafft die demografische Alterung große Unwägbarkeiten für die sozialen Sicherungssysteme und die Staatsfinanzen.
Rentenversicherung im Stresstest
Die Alterssicherung in Deutschland basiert auf den drei Säulen der gesetzlichen, betrieblichen und privaten Altersvorsorge. Die öffentlich-rechtlichen Pflichtsysteme sind und bleiben die wichtigste Säule der Alterssicherung, dennoch werden private und betriebliche Altersvorsorge immer relevanter, um den Lebensstandard im Alter zu halten.
Seit 1957 ist die Gesetzliche Rentenversicherung (GRV) vorwiegend über ein Umlageverfahren finanziert. Die erwerbstätige Generation sorgt also für die Renten ihrer Eltern- und Großelterngeneration. Hierbei wird auch vom „Generationenvertrag“ gesprochen. Für die finanzielle Tragfähigkeit des Umlageverfahrens ist das Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentenbeziehern entscheidend. Aufgrund des demografischen Wandels hat sich dieses in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert: Im Jahr 1962 kamen auf einen Rentenbezieher noch sechs aktiv versicherte Erwerbspersonen, heute liegt das Verhältnis bei eins zu zwei. Im Jahr 2030 dürfte das Verhältnis nur noch 1 zu 1,5 betragen. Wesentlicher Grund hierfür ist, dass die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer in den Ruhestand gehen. Dies führt zu einer starken Zunahme der Rentenbezieher bei gleichzeitigem Rückgang der potenziellen Beitragszahler.
Wichtig bei der Ausgestaltung der GRV ist die Generationengerechtigkeit. Die Interessen der jüngeren und älteren Generation müssen gleichermaßen berücksichtigt werden: Erwerbstätige dürfen nicht durch unangemessen hohe Beiträge belastet werden, Rentenbezieher müssen eine adäquate Altersvorsorge erhalten. Beide Bevölkerungsgruppen erwarten Planbarkeit bei ihrer Alterssicherung.
Optionen für eine eigenverantwortliche Altersvorsorge
Fachleute eruieren seit Langem die Reformoptionen für eine demografiefeste, generationengerechte und eigenverantwortliche Altersvorsorge. Einigkeit besteht darin, dass zur Neugestaltung eine Bündelung von Maßnahmen unabdingbar ist. Dies betrifft nicht nur die gesetzliche Rentenversicherung, sondern auch die betriebliche und private Altersvorsorge. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die staatliche Rente schon bald nicht mehr ausreichen wird, um sich für das Alter den gewohnten Lebensstandard zu sichern. Bei der Altersvorsorge ist daher mehr Eigenverantwortung gefordert. Leider verfügen – je nach Berechnungen – 20 Prozent bis 40 Prozent der Haushalte aktuell über keine zusätzliche Alterssicherung. Bezieher geringer Einkommen sorgen dabei seltener mit privater oder betrieblicher Altersversorgung vor als Haushalte mit höherem Einkommen. Für Menschen im Niedriglohnbereich und für kleine Selbständige müssen daher adäquate Lösungen gefunden werden. Staatliche Zuschüsse oder steuerliche Förderung können hier wichtige Anreize schaffen um während der Erwerbstätigkeit zielgerichtet für das Rentenalter zu sparen. Erschwert wird die Verbreitung zusätzlicher privater Altersvorsorge durch fehlendes Finanzwissen, mangelnde Altersvorsorgeplanung, Fehleinschätzung der künftigen Rentenhöhe sowie Markt- und Kostenintransparenz bei den Anlageprodukten. Um die Eigenverantwortung in diesem Bereich zu stärken, bedarf es u.a. einfacherer Produktstrukturen, mehr unabhängiger Beratungsangebote und besserer finanzieller Bildung.
Wie bereits die Studie von HSS und ifo-Institut “Gerechtigkeit für die Mitte? - Die Verteilung der Steuer- und Abgabenlast in Deutschland und im EU-Vergleich” gezeigt hat, bestehen die Vermögenswerte der unteren und mittleren Einkommensschichten mehrheitlich aus staatlichen Altersvorsorgeansprüchen, insbesondere aus erworbenen gesetzlichen Rentenanwartschaften. Es handelt sich dabei um zukünftige Ansprüche, deren Entwicklung aufgrund des demografischen Wandels und steigenden Kostendrucks der sozialen Sicherungssysteme mit Unsicherheit behaftet ist.
Um die Vermögensentwicklung in der Mittelschicht nachhaltiger aufzustellen, besteht laut Expertenmeinung vielfacher Handlungsbedarf: Eine Reform der GRV ist unabdingbar, um die Rente nachhaltiger aufzustellen und die Mittelschicht nicht durch anhaltende Beitragssteigerungen zu belasten. Gleichzeitig sollten die Sparfähigkeit und die Möglichkeiten zur privaten Vermögensbildung gestärkt werden. Hierzu würde eine positive Entwicklung der realen Nettoeinkommen z.B. durch mehr Produktivität und durch Zurückhaltung bei Steuern und Abgaben beitragen. Zielgerichtete Anreize und Möglichkeiten zum Vermögensaufbau sind nötig, damit sich der Aufbau von Realvermögen wie der Erwerb eines Eigenheims auch in der Mitte der Gesellschaft weiter durch eigene Arbeit und Leistung erreichen lässt. Schließlich sollten sich die Haushalte mit mittlerem Einkommen in ihrem Anlageverhalten besser diversifizieren (z.B. nach Anlageklassen, Anlagehorizont, Branchen, Regionen), damit sie an positiven Renditen am Kapitalmarkt stärker partizipieren können.
Das Rentensystem muss an den demographischen Wandel angeglichen werden. Hierfür sollten Kompromisse eingegangen und alle verfügbaren Stellschrauben genutzt werden. Auch bedarf es einer klugen Mischung aus Umlage- und Kapitaldeckungsverfahren. Arbeitsmarktpolitische Ansatzpunkte zur Stabilisierung des Alterssicherungssystems erstrecken sich auf die Erschließung zusätzlicher Arbeitskräftereserven in Personen und Stunden sowie auf Produktivitäts- und Lohnsteigerungen. Durchgängige Erwerbsbiografien sind der beste Schutz gegen Altersarmut.
Die notwendigen Reformen sollten zeitnah und kundenorientiert umgesetzt werden. Ziel sollte eine konsistente Ausgestaltung des steuerlichen Förderrahmens von betrieblicher und geförderter privater Altersvorsorge sowie die Einbeziehung möglichst aller Erwerbstätigen sein. Grundsätzlich kann eine Kombination aus staatlicher Unterstützung, steuerlichen Anreizen und individueller Bildung dazu beitragen, die private und betriebliche Altersvorsorge zu stärken und auszuweiten.
Jetzt die richtigen Weichen stellen
Um die Altersvorsorge zukunftsfest zu gestalten, gilt es folgende Fragen zu beantworten:
Wie kann man die Basis der Beitragszahlenden verbreitern? Wie erzielt man eine bessere Ausschöpfung des Erwerbspersonenpotenzials? Müssen künftig auch Selbständige und Beamte in die GRV einzahlen? Was bedeutet Lebensleistungsgerechtigkeit in der Altersvorsorge? Welchen Stellenwert sollen Steuerzuschüsse künftig haben?
Wie ist es um die Generationengerechtigkeit in der aktuellen Rentenpolitik bestellt? Wie können langfristig ein angemessenes Rentenniveau, eine tragbare Beitragsbelastung der Arbeitseinkommen und ein Schutz vor Altersarmut erreicht werden? Wie muss an den vier Stellschrauben der GRV, nämlich Rentenniveau, Beitragssatz, Renteneintrittsalter und Steuerzuschuss gedreht werden?
Wie lässt sich die Sicherung des Lebensstandards im „3-Säulen-Konzept“ von GRV, betrieblicher und privater Altersvorsorge realisieren? Wie kann man die drei Säulen wirksam miteinander verzahnen? Wie kann man private und betriebliche Altersvorsorge stärken und ausweiten? Welcher finanzielle Spielraum bleibt für private Eigenvorsorge? Ist ergänzende Kapitaldeckung der Schlüssel zum Erfolg?
Eine nachhaltige Reform der Altersvorsorge erfordert starken Gestaltungswillen, transparente Kommunikation, rasche Umsetzung und langen Atem, denn die Erfolge stellen sich erst mittel- bis langfristig ein. Umso wichtiger ist es, in der Rentenpolitik jetzt die richtigen Weichen zu stellen und die Voraussetzungen für eine demographiefeste, generationengerechte und eigenverantwortliche Altersvorsorge zu schaffen.
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