Ich-Reportage: Drei Jahre nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel
„Ich bin Jüdin!“
Selfie-Time: Mit meiner Mama Manuela (links) bin ich auf dem Tempelberg in Jerusalem. Im Hintergrund die Moschee, die für ihre Goldkuppel weltberühmt ist.
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Kaum zu glauben, dass ich ein paar Wochen vorher noch mit meiner Mutter Manuela (56) in Israel gewesen bin. Wir waren in Jerusalem und Tel Aviv, sind durch die Straßen gelaufen, haben Falafel und Shakshuka gegessen, gelacht und die Sommerferien genossen. Ich hatte Israel als ein lebendiges und offenes Land erlebt. Dass dort kurz darauf ein so grausamer Terrorangriff passieren würde, konnte ich mir damals nicht vorstellen.
Ich saß immer noch bewegungslos in meinem Bett im Internat. Sofort rief ich meine Mutter an, auch sie war völlig schockiert. Ich erinnere mich, wie sie mit ängstlicher Stimme sagte: „Zum Glück sind wir schon vorher wieder weggeflogen.“
In der Schule wusste an diesem Samstagmorgen kaum einer meiner Mitschüler, was passiert war. Während auf meinem Instagram- und TikTok-Kanal immer neue Bilder und Nachrichten auftauchten, lief der Schulalltag einfach weiter. Unterricht, Pausen, Gespräche mit Freunden – alles fühlte sich gleichzeitig völlig normal und überhaupt nicht normal an. Meine Gedanken drehten sich um ein Social-Media-Video, in dem eine junge Frau auf einem Pick-up von Hamas-Terroristen geworfen wurde. Ihre Hände waren auf dem Rücken mit Kabelbinder gefesselt, am Po war ihre Jogginghose blutgetränkt.
„Aber nichts rechtfertigt es, unschuldige Kinder zu ermorden!“
Blick auf die Klagemauer und den Tempelberg in Jerusalem (Israel).
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In den Wochen danach wurde der Terroranschlag der Hamas auf Israel auch in meinem Umfeld immer mehr zum Thema. Im Politikunterricht haben wir mit unserem Lehrer darüber gesprochen. Plötzlich war eine gewisse Vorsicht und Zurückhaltung zu spüren. Es wurden keine Witze gemacht, es wurde nicht gelacht, alle waren nur noch schockiert.
Ein paar Tage später, begann Israel militärisch gegen die Hamas in Gaza vorzugehen – mit dem Ziel, die Geiseln zu befreien. Und damit änderte sich auch die Stimmung in meinem Umfeld: meine Freunde in München, im Internat, Bekannte, mit denen ich bis dahin bei Social Media vernetzt war. Ich hörte immer wieder Sätze wie: „Was sagst du dazu, dass Israel schon wieder Palästina angreift?“ Oder: „Dir ist schon klar, dass ihr jetzt das Gleiche mit Gaza macht, was euch damals die Nazis angetan haben?“ Manche sagten: „Ihr seid die wahren Terroristen.“ Und immer wieder hörte ich: „Aber nichts rechtfertigt es, unschuldige Kinder zu ermorden!“
Ich wusste irgendwann nicht mehr, was ich darauf sagen sollte. Vor allem, weil ich plötzlich das Gefühl hatte, mich für eine Regierung rechtfertigen zu müssen, dessen Politik ich nicht bestimme und ich auch keinen Einfluss auf diesen Krieg habe. Ich bin weder in Israel geboren, noch dort aufgewachsen, ich lebe nicht mal dort. Ich bin einfach eine junge Jüdin und lebe seit meiner Geburt in München.
Eier auf dem Balkon
Ein Restaurant in einer Straße in Jerusalem, das auf die unterschiedliche Zubereitung von Auberginen spezialisiert ist: Es gibt sie gegrillt, gebacken oder als panierte Pommes, bestreut mit Parmesan; dazu wird ein Dip gereicht.
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Trotzdem wurde ich für manche plötzlich zu einer Art Projektionsfläche für alles, was die israelische Regierung tat – vor allem in den sozialen Medien. Ich bekam WhatsApp-Nachrichten, Hasskommentare auf meinen Social-Media-Kanälen und Diskussionen. Ich musste Menschen aus meinem Umfeld aussortieren. Mit manchen habe ich noch versucht zu diskutieren, habe noch versucht aufzuklären wie bei der besten Freundin meiner Cousine Rebecca (25) – aber meist ohne Erfolg. Einige Bekannte habe ich irgendwann einfach auf Instagram und TikTok blockiert oder gelöscht. Nicht, weil ich keine andere Meinung aushalte, sondern, weil ich Sätze wie „Ihr seid die wahren Terroristen“ irgendwann einfach nicht mehr hören konnte. Auch, weil sie einfach inhaltlich falsch sind und purer Hass waren.
Dann kam der 29. Oktober 2023. Ich kam nach Hause und sah unseren Balkon voller Eier. Sie waren vom Innenhof auf unseren Balkon im ersten Stock geworfen worden. Von dort aus hätte man auf unzählige andere Balkone werfen können, aber getroffen wurde nur unserer. Meine Mutter bekam Angst und plötzlich war auch ich voller Angst. Bis heute haben wir nicht herausgefunden, wer für den Vandalismus verantwortlich ist.
Wochenlang wollte sie nicht, dass ich alleine rausgehe. Dabei habe ich vorher immer gezeigt, dass ich Jüdin bin. Ich hatte bisher nie darüber nachgedacht, meinen Glauben zu verstecken. Jetzt schaute ich mich nervös und angespannt um, wenn ich alleine unterwegs war.
Eine Gasse in der Altstadt Jerusalems mit Sonnenschirmen. Links und rechts haben Händler ihre Shops, in denen sie Gewürze, Kleidung und Souvenirs verkaufen.
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Auch wenn ich Menschen erstmals treffe, die Freunde mit zur Verabredung gebracht haben, hat sich etwas verändert. Wenn ich jemanden nur flüchtig kenne und irgendwann erzähle, weil mich jemand auf meine Kette mit Davidsternanhänger anspricht oder ich unkoschere Speisen nicht esse, dann fühlt sich mein Jüdischsein manchmal fast wie eine Beichte an. Etwas, das ich einfach so erzählen müsste, ohne darüber nachzudenken oder ohne darauf achten zu müssen, was ich sagen. Stattdessen schaue ich in das Gesicht desjenigen: Kommt eine komische Reaktion? Wird er plötzlich still? Macht er einen Witz? Ich beobachte solche Kleinigkeiten inzwischen automatisch. Dabei will ich Menschen eigentlich gar nicht misstrauen. Ich glaube auch nicht, dass jeder antisemitisch ist. Aber manche schlechten Erfahrungen bleiben einfach im Gedächtnis.
Eine der wenigen Momente, in denen ich mich nach dem 7. Oktober wirklich sicher und verstanden gefühlt habe, war eine Mahnwache an der Synagoge am Jakobsplatz in München am Abend des 12. Oktobers 2023. Ich war mit meiner Cousine Rebecca (25), meiner Schwester Cecilia (18) und Freunden aus der jüdischen Gemeinde dort. Es waren auch viele Menschen dort, die nicht jüdisch sind und trotzdem gekommen waren. Das hat mir Hoffnung gegeben.
Zum ersten Mal seit Langem hatte ich das Gefühl: Hier muss ich mich nicht erklären oder rechtfertigen. Ich sah Menschen, die dieselbe Angst und dieselbe Trauer fühlten wie ich. Menschen, für die Israel nicht einfach eine News aus den Nachrichten war, sondern mit diesem Land Erinnerungen, eigene Identität und die Herkunft ihrer Familie damit verbinden. An diesem Abend konnte ich meine Halskette mit dem Davidstern zum ersten Mal seit dem 7. Oktober wieder über meinem Pullover tragen.
„From the River to the Sea“
Ein Granatapfelsaft-Stand auf dem Kamelmarkt in Tel Aviv. Es ist der größte und bekannteste Open-Air-Markt der Stadt, den es seit 1920 gibt.
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Aber es gab auch andere Momente. Über Wochen fanden an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München Demonstrationen statt. Auf meinem Fußweg Richtung Odeonsplatz kam ich daran vorbei: Ich sah große Palästina-Flaggen, hörte Parolen wie „From the River to the Sea“, die mir Angst machten, Übelkeitsgefühl verursachten. Nach vier Wochen konnte ich diese Rufe nicht mehr hören und nahm die U-Bahn.
Auch auf TikTok merkte ich plötzlich, wie sich etwas verändert hatte. Videos, auf denen es um Israel ging, bekamen viel mehr Aufrufe als früher. Unter manchen Beiträgen standen plötzlich Hunderte Kommentare, darin wünschten mir manche Menschen, die ich überhaupt nicht kannte, sogar den Tod. Ab da wurde mir klar: Antisemitismus ist überall.
Manchmal war es ein „Ey, Jude!“ auf dem Pausenhof meiner neuen Internatsschule in einem kleinen Ort in der Nähe von Fulda in Hessen, ein Hitlergruß als vermeintlicher Spaß, über den alle lachen. Auch ich habe oft mitgelacht. Warum? Weil ich dazugehören wollte, weil ich die Neue war, weil ich Anschluss und neue Freunde finden wollte. Ich wollte nämlich nicht diejenige sein, die sich ständig beschwert, die kompliziert oder anstrengend ist. Also habe ich so was einfach heruntergespielt und ertragen. Typische Gruppendynamik.
Gefühl zu meinem Heimatland verändert
Mahnwache für die Opfer und die Geiseln des 7. Oktober 2023 vor der Synagoge am Jakobsplatz in München. Am Abend des 12. Oktobers kamen an die 200 Teilnehmer. Es wurden Reden gehalten, die israelische Nationalhymne gesungen und gebetet.
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Heute würde ich anders reagieren. Ich würde selbstbewusst und energisch Kontra geben.
Eine rote Linie war bei mir sofort überschritten, als ein damaliger Schulkamerad aus der 7. Klasse, also drei Jahrgänge unter mir, mir ins Gesicht sagte: „Hätte man deine Familie mal besser vergast!“ Obwohl ich mich bei der Schulleitung beschwert habe, gab’s für den Jungen keine Konsequenzen.
Der 7. Oktober2023 hat nicht nur meinen Blick auf Israel verändert, sondern, er hat auch mein Gefühl zu meinem Heimatland verändert – nämlich: unsicher.
„Nie wieder“ war für mich lange ein Satz aus meinem Geschichtsleistungskurs. Etwas, das Lehrer sagen und das man auswendig lernen sollte. Heute ist dieser Satz für mich viel persönlicher. Denn ich will nicht jedes Mal überlegen müssen, ob ich meine Davidsternkette zeigen kann oder nicht. Ich will nicht in dem Moment die Reaktion eines Menschen analysieren, wenn ich ihm sage, dass ich Jüdin bin. Und ich will nicht mehr über antisemitische Sprüche lachen müssen, nur um dazuzugehören.
„Ich bin Jüdin!“ – diese drei Worte sollten ganz normal sein.
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Praktikantin im Referat Publikationen, Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit