Wertekompass
Ich glaube, also bin ich: Glaube, Vernunft und Werte in einer Welt des Wandels
Menschen geben einander Halt – ein Sinnbild für gelebte Solidarität und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Unsere Autorin Susanne Breit-Keßler zeigt, warum Glaube, Vernunft und Verantwortung erst im respektvollen Miteinander ihre Kraft entfalten.
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Menschen sollten Gottes „Wundern nachsinnen“, heißt es in einem Psalm. Ausdrücklich ermutigt die Heilige Schrift dazu, die gottgegebene Vernunft zu gebrauchen, um die Welt zu begreifen.
Welt und Natur sind weder dämonisch, voller unheimlicher Wesen und Bedrohungen. Noch sind sie ein Tabu, an das nicht gerührt werden dürfte. Sie sind Gottes gute Schöpfung, die es zu bewahren gilt – mit Witz und Geist.
Christlicher Glaube verbindet die Freiheit, die Welt verstehen zu wollen, mit dem Auftrag zu Wissenschaft und Forschung im Dienst des Menschen. Je mehr Menschen erkennen, desto mehr beschreiten sie ungeahntes Terrain. Je mehr sie Menge und Qualität der Handlungsmöglichkeiten erhöhen, desto größer wird die Vielfalt der Chancen und der Risiken, mit denen gerechnet werden muss.
Demut und Ehrfurcht sind unverzichtbare Voraussetzungen, wenn man die Freiheit des Geistes vernünftig gebrauchen will. Es braucht außerdem Weisheit, um Erwartungen, Hoffnungen und Ängste, die mit Fortschritt und Erkenntnis verbunden sind, so zusammenzubringen, dass etwas „Gescheites“, Menschliches, dabei herauskommt.
Warum Verantwortung vor Gott auch Verantwortung für Menschen bedeutet
Nach biblischer Einsicht hängen Verantwortung vor Gott und Verantwortung vor den Menschen untrennbar zusammen. Wer Gott, dem Schöpfer, Gehör schenkt, wird denen zuhören, die Unerwartetes, vielleicht bislang Unerhörtes aussprechen. Umgekehrt: Wer neugierig ist auf das, was andere zu sagen wissen, wird auch offene Ohren haben für Gott.
In diesem Sinn haben sich Glaube und Vernunft eine Menge mitzuteilen – und vieles miteinander zu teilen. Beide verbindet der Drang, sich nicht mit dem abzufinden, was halt so ist, sondern tiefer zu fragen. Nach dem zu suchen, was diese Welt – und einen selber – im Innersten zusammenhält.
Faszinierend, wie im vernünftigen Welt-, Natur- und Wissenschaftsverständnis Vielfalt und Veränderbarkeit eine immer größere Rolle spielen. Beeindruckend, wie Menschen mit Vernunft sich nachdenklich neuen Erfahrungen öffnen. Ihre Erkenntnisse begeistern, weil sie etwas von diesem Wissen widerspiegeln: Leben ist wunderbar viel mehr als das, was unsereins sieht.
Staunen, Geduld und die Suche nach tragfähigen Werten
Staunen und Geduld – beides ist im Umfeld von Glauben und Vernunft zu entdecken:
- Staunen über geschenkte Möglichkeiten
- Geduld, um abzuwarten, was man mit ihnen tatsächlich anfangen kann
Die kritische Suche nach lebendigen Werten bewegt beide, Glaube und Vernunft. Wer Anfragen und Diskussionen als Angriff auf die eigene Macht und Erklärungshoheit versteht, ist schwach und ängstlich.
Wahrer Glaube und echte Vernunft aber sind stark. Sie müssen daran interessiert sein, nach alten und neuen Werten zu suchen, sie zu bestätigen oder zu hinterfragen, damit Bestand hat, was Menschen dient.
Die Aufgabe von Glauben und Vernunft ist es, den Menschen dabei zu helfen, die Welt, wie sie ist, und das, was einem darin widerfährt, zu bewältigen. Ihre Aufgabe ist es, Welt zu deuten, die Begründung dafür zu liefern, wie und warum wir unser Leben gestalten wollen und sollen.
Warum der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist
Es ist ein Unterschied, ob ich mich vor allem vor mir selbst verantworte, vor meiner Vernunft, vor dem, was andere meinen. Oder ob ich mich frage, wer denn dieser Gott ist, der da sagt: „Ich bin der Herr, dein Gott …“
Es ist ein Unterschied, ob ich erst einmal höre, was das Evangelium sagt. Wenn ich gehört habe, dass ich nicht das Maß aller Dinge bin, kann ich antworten – mit dem, wer ich bin und was ich tue.
Wissenschaft und Religion im Dialog: Chancen und Grenzen des Fortschritts
In unserer Zeit zeigen Technik, Biologie und Medizin auf bislang ungeahnte Weise, wie Wissenschaft und Religion sich begegnen. Dazu gehören unter anderem:
- Biotechnologie
- Gendiagnostik und Gentherapie
- Embryonenforschung
- Kernforschung
- Kern-, Teilchen- und Astrophysik
Glaube und Vernunft führen heiße Debatten – fruchtbar und nicht neu.
Albert Schweitzer und die „Ehrfurcht vor dem Leben“
Albert Schweitzers Ansprache zum Verbot von Atomwaffenversuchen wurde 1957 live weltweit von 150 Radiostationen übertragen. Sein Motto war „Ehrfurcht vor dem Leben“ und die Ausführung lautete:
„Die fundamentale Tatsache des Bewusstseins des Menschen lautet: ‚Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.‘ Gut ist: Leben erhalten und fördern; schlecht ist: Leben hemmen und zerstören.“
Es gibt heute die gleiche Sehnsucht nach klaren ethischen Positionen. Nur nimmt man sich weniger Zeit, um sie in Ruhe zu debattieren.
Welche Werte geben in Zeiten des Wandels Orientierung?
Wir leben in einer Zeit des Wandels, in der vieles ins Wanken geraten ist. Da braucht es Konzentration auf Bindungskräfte, auf vitale Gemeinsamkeiten und die Möglichkeit, sich mit Überzeugungen konstruktiv zu identifizieren.
Immer noch werden schnell Werte entdeckt, die viele für sich als bestimmend annehmen können:
- umfassende Verantwortung für die Umwelt
- Frieden
- ein achtsamer Lebensstil
- Gleichberechtigung
- Anerkennen von Diversität
- Fürsorge für und Solidarität mit den Schwächsten
Gesellschaftliche Polarisierung: Warum Dialog und Kompromisse schwieriger werden
Aber die Debatten um den Weg zum Ziel werden häufig in einer fundamentalistischen Absolutheit geführt, die andere Perspektiven vollkommen ausblendet. Der Dialog wird auf diese Weise genauso verunmöglicht wie die Suche nach Kompromissen.
Dafür kommt es zu emotional hochgekochten Polarisierungen innerhalb der Gesellschaft, die nur noch die eigene, unhinterfragte Meinung gelten lassen.
Zuhören und verstehen: Wie konstruktive Wertedebatten gelingen
Möglicherweise, jedenfalls bei den Menschen, die guten Willens sind, ist es sinnvoll, sich zusammenzutun, um das gesellschaftliche Miteinander in den Blick zu nehmen.
Konflikte um Werte sind dann ertragreich, wenn der Umgang miteinander ein nicht allein behauptender, sondern ein hörender und verstehender ist. Einer, der dem oder der anderen eine eigene Position zugesteht.
Deshalb müssen freiheitlicher Glaube und gläubige Vernunft zusammengebunden werden. So wie Geist und Freiheit.
Freiheit und Verantwortung als Grundlagen einer kultivierten Gesellschaft
„Grad weil der Geist die Welt aus den Angeln zu heben vermag, grad darum muss er’s auch versuchen lernen, und müssen ihm nicht Händ und Füß gebunden sein, dass er’s nicht probieren kann“, schreibt die Schriftstellerin Bettina von Arnim an den preußischen König.
Sich seiner selbst bewusst binden und dabei Freiheit bewahren, kann die Welt aus den Angeln heben. Wer sich vom Geist der Freiheit bewegen lässt, bedenkt, was andere sagen, bewegt es in Vernunft und Gemüt und rückt von der eigenen Position ab, wenn er sie als falsch erkannt hat.
Es geht um die Herausforderungen für eine zivilisierte, eine wirklich kultivierte Gesellschaft, in der es sich zu leben lohnt.
Was bedeutet Fortschritt für Wissenschaft, Gesellschaft und Geist?
Albert Schweitzer unterscheidet drei Arten des Fortschritts:
- Fortschritte des Wissens und Könnens
- Fortschritte in der Vergesellschaftung der Menschen
- Fortschritte der Geistigkeit
Fortschritt ist nicht allein wissenschaftlich-technisch zu verstehen. Fortschritt meint ein ganzheitliches Fortschreiten, sozial und politisch. Welt und Religion im Wandel – das ist eine gute Sache. Und zwar dann, wenn Menschen inneren Zusammenhalt spüren und äußeren erleben.
Schweitzer sagte:
„Was bedeutet es … für unser Nachdenken über die Welt, dass wir in der Zelle eine Lebensindividualität entdeckt haben, in deren Fähigkeiten der Betätigung und des Erleidens wir die Elemente unserer Vitalität wiederfinden!“
Und er fährt fort:
„Durch das sich erweiternde Wissen werden wir zu immer größerem Staunen über das . . . Geheimnis des Lebens angeregt. Aus naiver Naivität gelangen wir zu tiefer Naivität.“
Gut, wenn Menschen wieder über die Schönheit des Lebens staunen und nicht, wie Schweitzer sagt, „Wissensdünkel und Könnenstolz“ verfallen. Trunken vor Rechthaberei das Humanum links oder rechts liegen lassen.
Gesellschaft im Wandel: Zwischen Freiheit, Einsamkeit und Sehnsucht nach Gemeinschaft
Wer sein Immunsystem gegen Gleichgültigkeit mobil machen möchte, der muss sich Gedanken machen, wie die Welt aussieht, in der wir uns so abmühen, Werte im Wandel wachsen und gedeihen zu lassen.
Wie leben Menschen heute, wir selbst eingeschlossen? Die Kultur in der Stadt und längst auch auf dem Land ist geprägt von Ambivalenzen:
- Tradition bricht ab – aber Menschen sehnen sich zugleich nach Kommunikation.
- Es gibt Prachtboulevards, auf denen betuchte ausländische Touristinnen shoppen gehen – aber Armut, gerade bei Kindern, und Wohnungslosigkeit nehmen zu.
- Man liebt es, unterwegs und dabei zu sein, etwas zu erleben – und dennoch ist die Sehnsucht nach Verlässlichkeit, der Wunsch nach Beständigkeit groß.
- Menschen leben alleine und wollen das oft auch – gleichzeitig wächst das Bedürfnis nach einer bergenden Gruppe.
- Einsamkeit plagt besonders junge Menschen.
- Man lebt gerne in den bestätigenden Blasen der Social-Media-Welt.
- Die Geschlechter suchen nach ihrer Identität und erleben die Differenz zu anderen.
- Die Übereinstimmung mit sich, mit der Familie und den Freunden muss kombiniert werden mit anderen Konsensmodellen und mit Lebensformen, die einem zunächst fremd erscheinen mögen.
- Der Supermarkt weltanschaulicher Möglichkeiten ist attraktiv, konfligiert aber mit der Sehnsucht nach Eindeutigkeit und schnellen, einfachen Lösungen.
Warum Widersprüche für Werte und gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtig sind
Es ist eine Herausforderung, die Liste der Widersprüchlichkeiten in die eigene Lebensgeschichte und in die Reflexionen über den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft zu packen.
Aber „die Wahrheit liegt im Widerspruch“, hat der österreichische Feuilletonist Egon Friedell gesagt. Wer Widerspruch ausblendet, auch in der Wertediskussion, beraubt sich der Chance, innerlich zu wachsen und ein diskutables Wertesystem zu entwickeln und zu erhalten.
Kontakt
Stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung