Im Gespräch mit … Staatsministerin Michaela Kaniber, MdL
„Ich will keine Forschung für die Schublade“
Michaela Kaniber, MdL, ist die bayerische Staatsministerin für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus.
© Nadine Keilhofer/StMELF
HSS: Ganz Deutschland leidet unter der extremen Hitze. Wie ernst ist die aktuelle Hitze- und Trockenheitslage in Bayern?
Michaela Kaniber, MdL: Die Hitze und vor allem die anhaltende Trockenheit sind für unsere Landwirte eine enorme Herausforderung und für unsere Gewässer eine extreme Belastung. Wir müssen uns darauf einstellen, dass solche Wetterlagen künftig häufiger auftreten können.
Dabei dürfen wir nicht pauschalisieren. Bayern ist sehr unterschiedlich. Je nach Region, Boden und Kultur stellt sich die Situation anders dar. Aber wir sehen deutlich: Fehlende Niederschläge und hohe Temperaturen setzen viele Kulturen unter Stress. Die Bestände reifen teilweise deutlich früher ab. Ertragsverluste und Qualitätseinbußen sind die Folge. Für einzelne Betriebe kann das am Ende eine existenzgefährdende Lage bedeuten.
Die hohen Temperaturen und niedrigen Wasserstände treffen auch unsere Gewässer, die Fischbestände und damit auch die Fischerei und Teichwirtschaft.
Gerade kleinere und flache Gewässer können sich stark erwärmen oder gänzlich austrocknen. Für viele heimische Fischarten bedeutet das nicht nur Stress, sondern kann lebensbedrohlich sein. Besonders kälteliebende Arten wie Forellen reagieren empfindlich auf hohe Wassertemperaturen und damit einhergehenden geringen Sauerstoffgehalten im Wasser.
Für mich zeigt das: Landwirtschaft und Fischerei müssen sich auf ein Klima mit mehr Extremen einstellen. Unsere Aufgabe ist es, unsere Betriebe dabei ganz konkret zu unterstützen – mit Forschung, Beratung, Förderung und Lösungen, die in der Praxis funktionieren.
Deshalb ist für mich die entscheidende Frage nicht, ob wir uns anpassen müssen, sondern wie wir unsere Land- und Teichwirtschaft möglichst schnell und wirksam anpassen. Wir brauchen Kulturen, Arten und Sorten, die mit Hitze und Trockenheit besser zurechtkommen. Außerdem müssen wir teilweise angepasste Vermarktungswege für diese neuen Produkte entwickeln. Wir brauchen gesunde Böden und Gewässer, die das Wasser möglichst gut aufnehmen und speichern können. Wir brauchen in der Landwirtschaft vielfältige Fruchtfolgen und dort, wo Bewässerung notwendig ist, effiziente und wassersparende Systeme. Genau daran forschen wir.
Darüber hinaus will ich sagen: Unsere Bäuerinnen und Bauern, Teichwirtinnen und Teichwirte sowie Fischerinnen und Fischer erleben den Klimawandel nicht als theoretische Debatte. Sie erleben ihn draußen auf ihren Feldern sowie an ihren Gewässern. Deshalb brauchen sie von uns keine Belehrungen, sondern verlässliche Rahmenbedingungen und konkrete Unterstützung.
HSS: Auch die Wälder haben mit der extremen Wetterlage zu kämpfen – immer häufiger kommt es zu Waldbränden wie am Chiemsee. Wie können wir unsere Wälder künftig noch besser vor diesen Extremen schützen?
Michaela Kaniber, MdL: Die Waldbrände dieses Jahres sind ein deutliches Warnsignal. Wenn Hitze und Trockenperioden zunehmen, steigt auch die Waldbrandgefahr.
Deshalb müssen wir Vorsorge und langfristige Anpassung zusammendenken.
Erstens müssen wir unsere Wälder widerstandsfähiger machen. Unser wichtigstes Instrument ist der Waldumbau hin zu stabilen, standortgerechten Mischwäldern. Wälder mit unterschiedlichen Baumarten und Altersstrukturen können mit Hitze, Trockenheit, Stürmen und Schädlingen besser umgehen als beispielsweise reine Fichtenwälder. Diesen Umbau treiben wir in Bayern seit Jahren mit Beratung, Forschung und Förderung voran. Mit Erfolg: Mehr als jeder zweite jüngere Baum in Bayern ist ein Laubbaum. Seit dem Waldpakt 2023 haben die Waldbesitzer dank Unterstützung durch den Freistaat mehr als 30 Millionen Zukunftsbäume neu gepflanzt. Diesen Weg müssen wir konsequent weitergehen.
Zweitens brauchen wir eine gute Waldbrandvorsorge. Dazu gehören Überwachung und Früherkennung genauso wie die enge Zusammenarbeit von Forstverwaltung, Waldbesitzern, Kommunen, Feuerwehren und Katastrophenschutz. Und natürlich zählt auch das Verhalten jedes Einzelnen. Mehr als 95 Prozent der Waldbrände in Deutschland werden schließlich von Menschen verursacht. Bei extremer Trockenheit kann bereits eine kleine Unachtsamkeit verheerende Folgen haben.
Drittens setzen wir auf Forschung und bessere Informationen. Wir untersuchen, welche heimischen und neuen Baumarten mit dem Klima der Zukunft besser zurechtkommen. Gleichzeitig helfen uns neue Instrumente wie der Wald-Dürre-Monitor Bayern dabei, die Trockenheitssituation in den einzelnen Wäldern einzuschätzen.Beim Schutz unserer Wälder ist eine verlässliche Unterstützung und passende Rahmenbedingungen für die Waldbesitzer ganz zentral. Dafür setzen wir uns auch seit Jahrzehnten ein. Waldumbau ist schließlich keine Aufgabe für eine Legislaturperiode, sondern für Generationen. Wir entscheiden heute darüber, welchen Wald unsere Kinder und Kindeskinder in 50 oder 100 Jahren haben werden.
Die Waldbrandgefahr nimmt bei anhaltender Hitze und Trockenheit zu.
Adobe Stock / Mario Hagen
HSS: Die Ernte – beispielsweise von Mais – erfolgt heuer viel früher als in den Jahren zuvor – gleichzeitig fallen die Erträge geringer oder teilweise ganz aus. Viele fragen sich, ob sich die Landwirtschaft in Bayern grundsätzlich verändern muss. Was sind Ihre konkreten Lösungsvorschläge, wenn solche extremen Hitzesommer in Zukunft häufiger auftreten?
Michaela Kaniber, MdL: Unsere Landwirtschaft wird sich verändern – und sie verändert sich bereits heute. Unsere Bäuerinnen und Bauern reagieren seit jeher auf veränderte Bedingungen. Aber für mich ist dabei eines entscheidend: Wir dürfen ihnen nicht von München oder Berlin aus vorschreiben, was künftig auf ihren Feldern wachsen soll. Unsere Aufgabe als Politik ist es, ihnen die Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen sie auf ihrem jeweiligen Standort auch in Zukunft erfolgreich wirtschaften können.
Dafür sehe ich vor allem fünf konkrete Hebel.Erstens: trockenheitsverträglichere Pflanzen und Sorten. An unserem Forschungszentrum in Schwarzenau, einem der trockensten Standorte Bayerns, testen wir ganz konkret, welche Kulturen und Sorten mit weniger Wasser und höheren Temperaturen zurechtkommen. Dazu gehören auch Kulturen, die man bisher nicht unbedingt mit Bayern verbindet – beispielsweise Kichererbsen, Augenbohnen oder Erdnüsse. Unsere Versuche zeigen, unter welchen Bedingungen diese Kulturen auch in Bayern erfolgreich angebaut werden können.
Zweitens: mehr Vielfalt in den Fruchtfolgen. Wenn Wetterextreme zunehmen, dürfen wir das betriebliche Risiko nicht auf wenige Kulturen konzentrieren. Unterschiedliche Kulturen reagieren unterschiedlich auf Hitze und Trockenheit. Vielfalt auf dem Acker kann deshalb auch wirtschaftliche Risikovorsorge sein.
Drittens: Wasser besser im Boden und in der Fläche halten. Unsere Böden sind dabei ein ganz entscheidender Schlüssel. Humusaufbau, Zwischenfrüchte, bodenschonende Bewirtschaftung oder auch Agroforstsysteme können dazu beitragen, Wasser besser aufzunehmen und länger verfügbar zu halten.
Viertens: Bewässerung intelligenter und effizienter machen. Wir werden in bestimmten Regionen und bei bestimmten Kulturen nicht ohne Bewässerung auskommen. Aber es geht nicht darum, einfach immer mehr Wasser einzusetzen. Wir brauchen moderne, präzise und wassersparende Systeme. Sensoren, Satellitendaten und digitale Technik können dabei helfen, Wasser genau dann und dort einzusetzen, wo die Pflanze es tatsächlich benötigt.
Fünftens: Forschung schneller in die Praxis bringen. Genau deshalb arbeiten unsere Landesanstalten eng mit landwirtschaftlichen Betrieben zusammen. Ich will keine Forschung für die Schublade. Was unsere Wissenschaftler entwickeln, muss draußen auf dem Acker, im Weinberg, im Gartenbau und im Wald helfen.
Eines ist mir dabei besonders wichtig: Unsere heimischen landwirtschaftlichen Betriebe sind Teil unserer kritischen Infrastruktur. Wenn wir auch in Zukunft hochwertige Lebensmittel aus Bayern wollen, müssen unsere Betriebe wirtschaftlich stark und anpassungsfähig bleiben.Wir können es nicht regnen lassen – aber wir können dafür sorgen, dass unsere Landwirtschaft mit weniger Wasser und höheren Temperaturen besser zurechtkommt. Mein Ziel ist deshalb nicht weniger Landwirtschaft in Bayern, sondern eine starke, vielfältige und klimaangepasste Landwirtschaft, die auch unter schwierigeren Bedingungen Zukunft hat.
Kontakt
Werkstudentin Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit