Drei Fragen, drei Antworten an Markus Ferber, MdEP, Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung
Fachkräftemangel in Europa
Es ist eines der drängendsten Probleme, die gegenwärtig Europas politische Agenda bestimmen: Wie können wir den demografisch und technologisch bedingten Fachkräftemangel in den Volkswirtschaften Europas beheben und damit seine Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Rahmen zukünftig sichern? Allein im vergangenen Jahr gab es in Deutschland rund zwei Millionen offene Stellen zu besetzen, gleichzeitig wird der demographische Wandel in den kommenden Jahren immer stärker auf die Arbeitsmärkte durchschlagen: Die bereits bestehende Fachkräftelücke wird sich durch zu erwartende 300.000–400.000 Ruheständler der Generation „Baby Boomer“ jährlich dramatisch verschärfen. Dadurch steht nicht nur die globale Wettbewerbsfähigkeit Europas auf dem Spiel, tiefe Einschnitte in den Sozialsystemen und dem allgemeinen Wohlstandsniveau der Bevölkerung sind zu befürchten.
Was also ist zu tun? Zwei, in gleicher Weise zu verfolgende Wege werden in der europäischen Politik diskutiert: Zum einen eine bessere, an den technologischen Wandel und neuen Qualifikationserfordernisse angepasste Bildungs- und Ausbildungspolitik, zum anderen leichtere und attraktivere Arbeitsmigration für Fachkräfte aus dem Ausland. Wie genau stellt sich Europa dazu auf? Das wollten wir vom Vorsitzenden der Hanns-Seidel-Stiftung, Markus Ferber, wissen, der im Europaparlament die Funktion des Wirtschaftskoordinators der EVP-Fraktion innehat.
"Der demografische Wandel mit einer rasch alternden Bevölkerung und niedrigen Geburtsraten führt dazu, dass sich bis 2050 etwa ein Drittel der EU-Bevölkerung im Ruhestand befinden wird", betonte der HSS-Vorsitzende Markus Ferber, MdEP.
Interview mit dem HSS-Vorsitzenden Markus Ferber, MdEP,
HSS: Im Zusammenhang mit dem Fachkräftemangel legen die führenden Wirtschaftsinstitute alarmierende Prognosen vor und sprechen von einem spürbar niedrigeren Potentialwachstum der deutschen Volkswirtschaft, von negativen Auswirkungen, wie sinkenden Umsätzen, steigende Personalkosten und stark gebremster Investitionsbereitschaft europäischer Unternehmen. Woran liegt das?
Markus Ferber: Zunächst muss man sehen, dass wir in Europa vor einem gesellschaftlichen Umbruch ungeahnten Ausmaßes stehen: Der demografische Wandel mit einer rasch alternden Bevölkerung und niedrigen Geburtsraten führt dazu, dass sich bis 2050 etwa ein Drittel der EU-Bevölkerung im Ruhestand befinden wird – mit allen negativen Konsequenzen für die wirtschaftliche Entwicklung und unsere Sozialsysteme. Zudem dürfen wir nicht vergessen, dass der rasante technologische Fortschritt – ich nenne nur die fortschreitende Digitalisierung und aufkommende künstliche Intelligenz als Beispiele – nicht nur unsere Lebenswelt, sondern auch wirtschaftliche Prozesse und Strukturen radikal verändert und neue Qualifikationen und Kompetenzen von Fachkräften erfordert. Darauf müssen wir eine Antwort mit einer innovativen Bildungs- und Ausbildungspolitik finden, die sich an den neuen Kompetenzprofilen in den Arbeitsmärkten orientiert. Aber eines ist klar: mit europäischen Arbeitskräften allein wird der zukünftige Fachkräftebedarf nicht zu decken sein.
Podiumsdiskussion am 24. Oktober 2023 in Brüssel zum Thema „Fachkräftemangel in Europa - Herausforderung für die Wettbewerbsfähigkeit“ (v.l.n.r. Anita Vella, Markus Ferber, Dr. Rainer Dulger, Silke Wettach, Miriam Lexmann)
HSS: Die EU hat 2023 zum Jahr der Kompetenzen ausgerufen und politischen Handlungsbedarf erkannt. Wo genau kann die Politik ansetzen?
Neben einer Ausbildungsoffensive, die an der Bedarfsstruktur unseres globalen Zeitalters ausgerichtet ist, und digitale Fertigkeiten, soziale Kompetenzen und innovatives Denken vermittelt, müssen wir den Standort Europa attraktiver für ausländische Fachkräfte gestalten. Das beginnt bei der Vereinfachung der Erwerbsmigration für Nicht-EU-Bürger, und da kann die „Blaue Karte EU“, die Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis für qualifizierte Bewerber mit Jobangebot nur der Anfang sein. Bürokratische und verwaltungstechnische Hindernisse müssen weiter abgebaut werden, und wir sollten uns am Beispiel von Ländern wie Kanada orientieren, die einen gezielten und geordneten Zuzug von Arbeitskräften für Stellen organisieren, die sie nicht besetzen können.
HSS: Was muss noch passieren, damit wir den Trend des Fachkräftemangels in Europa stoppen können?
Es ist natürlich nicht damit getan, dass die Politik in den einzelnen Mitgliedsländern oder auf europäischer Ebene den erforderlichen Rahmen für qualifiziere Erwerbstätige aus dem Nicht-EU-Ausland schafft. Wir brauchen auch eine breit gefächerte Willkommenskultur für die benötigten Fachkräfte in Europa. Da geht es um verbesserte Integration in die jeweiligen Gesellschaften, um ein Angebot attraktiver Lebensbedingungen und soziale Akzeptanz. Gefragt sind dabei sowohl die einstellenden Unternehmen, als auch die Kommunen und die Bevölkerung vor Ort. Wir müssen dringend besser werden im Wettbewerb um die besten Talente!
HSS: Herr Ferber, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Das Interview führte Dr. Thomas Leeb.