Wie können Bildungseinrichtungen Antisemitismus entgegenwirken? Charlotte Knobloch spricht über Prävention, Demokratiebildung und die Verantwortung von Schulen, jüdische Perspektiven sichtbar zu machen.
Seit dem Angriff der Terrororganisation Hamas am 7. Oktober 2023 macht die Welle antisemitischen Hasses auch vor Schulen nicht Halt. Auch in Bayern berichten jüdische Familien von Anfeindungen und einer mangelnden Sensibilität seitens der Verantwortlichen. Gleichzeitig bleibt Bildung – sowohl in Schulen als auch außerhalb – ein zentraler Hebel, um Antisemitismus langfristig entgegenzuwirken.
Im Vorfeld der HSS-Veranstaltung “Neue Wege für die antisemitismuskritische Bildung” sprach die HSS mit Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, über jüdische Perspektiven, die Rolle des Elternhauses und den Einfluss digitaler Medien.
Frau Knobloch, wie erleben Sie die Zunahme antisemitischer Vorfälle an Schulen, Hochschulen und in anderen Bildungseinrichtungen seit dem 7. Oktober, und welche konkreten Schritte erwarten Sie von Bildungsinstitutionen in Bayern, um diesen Herausforderungen zu begegnen?
Bildungseinrichtungen können sich nicht von den Trends der Gesamtgesellschaft ablösen, und es ist daher logisch, dass wir wachsenden Judenhass auch dort sehen. Gerade an Schulen und Hochschulen erwarte ich aber klare staatliche Leitbilder und daraus folgend eine konsequente Bekämpfung von Antisemitismus. Neben der Repression, ohne die es nicht geht, müssen Bildungseinrichtungen aber auch Orte der Prävention sein. Lernen über jüdisches Leben ist dabei ein Element, ganz zentral ist für mich aber Demokratiebildung im Allgemeinen. Wer darin gefestigt ist, der wird nicht so leicht in ein antisemitisches Weltbild abrutschen, das ja fast immer autoritär, verschwörungstheoretisch und antidemokratisch grundiert ist.
Welche Rolle sehen Sie für die schulische und außerschulische Bildung, um Antisemitismus nachhaltig zu bekämpfen?
Ich warne grundsätzlich davor, Bildungseinrichtungen als Heilanstalten für alle gesellschaftlichen Missstände zu sehen. Grundlegend ist ihre Aufgabe, Bildung und grundlegende demokratische Werte zu vermitteln, und wenn das flächendeckend gelingt, dann ist schon viel gewonnen. Im Kampf gegen Judenhass sind sie unerlässlich, aber sie sind nicht das einzige Element. Die Verantwortung setzt sich anderswo fort – es kann immer auch sein, dass Eltern andere Ansichten haben, und auch das muss aufgefangen werden.
Welche Art von Fortbildung und Sensibilisierungsmaßnahmen an Schulen halten Sie für besonders wichtig, um das Bewusstsein für jüdische Perspektiven zu schärfen und antisemitische Haltungen frühzeitig zu erkennen?
Ich sehe zwei bis drei Aspekte als zentral an: Erstens, dass man jüdische Menschen kennenlernt. Das klingt banal, ist es aber nicht, weil „Jude“ für viele junge Menschen immer noch etwas sehr Abstraktes oder eben sogar ein Schimpfwort ist. Wir erleben bei den vielen Führungen, die wir in unserer Gemeinde organisieren, immer wieder, wie viel Spannung ein einfacher Besuch bei uns aus der Angelegenheit herausnimmt – man sieht dann, dass jüdische Menschen gar nicht groß anders sind. Zweitens die demokratische Bildung, die ich schon angesprochen habe und die aus meiner Sicht noch viel früher beginnen kann, am besten schon im Kindergarten. Der dritte Punkt ist die Erinnerungskultur, die aber mit der Demokratiebildung verknüpft werden muss. Dabei muss man nur darauf achten, dass die Kinder nicht auf verdruckste Weise ein Gefühl von Schuld vermittelt bekommen, denn das wäre völlig falsch. Sie sollen auf sich und ihr Land nicht verschämt, sondern mit Stolz blicken, und bereit sein, seine Errungenschaften und eben auch seine demokratischen Freiheiten zu verteidigen. Das muss aus meiner Sicht noch viel stärker zur Geltung kommen.
Wie bewerten Sie die Rolle sozialer Medien sowohl als Verstärker antisemitischer Inhalte als auch als potenzielles Instrument für Präventionsarbeit? Welche Maßnahmen könnten Schulen ergreifen, um Schüler digital besser gegen Antisemitismus zu wappnen?
In Australien wird derzeit geplant, Soziale Medien für Kinder unter 16 Jahren zu verbieten. Das halte ich für eine sinnvolle Idee, auch wenn ich nicht weiß, wie realistisch sie ist. Die Medien selbst sind nicht gut oder schlecht, aber als Plattformen haben sie den Verbreitern von Hass und eben auch Antisemitismus in den letzten Jahrzehnten das Leben wesentlich leichter gemacht. Es bräuchte eigentlich stärkere Regulierung, wenn das politische Umfeld das zuließe, und konkrete Kontrollmaßnahmen auch an den Schulen. Einige Bildungseinrichtungen gehen auch in die Offensive und sind selbst auf Sozialen Medien aktiv, manche wie das Haus der Wannseekonferenz sogar auf problematischen Anbietern wie TikTok. Das ist einen Versuch wert, um die Feeds nicht völlig der Desinformation zu überlassen, aber ich bin skeptisch, ob man damit in der Summe einen Unterschied macht.
Inwieweit können biografische Arbeit und die Einbeziehung jüdischer Perspektiven dazu beitragen, den Lernraum Schule gegen Antisemitismus zu stärken? Was wünschen Sie sich hierbei konkret von Lehrkräften und Multiplikatoren im Bildungsbereich?
Die Einführung basisnaher zeitgenössischer jüdischer Stimmen in Deutschland bedeutet für viele junge Menschen bereits einen wichtigen Perspektivwechsel – schließlich erscheint jüdisches Leben dann weder als Schwarzweißfoto aus dem Holocaust noch im Kontext des Nahostkonfliktes, sondern so alltäglich, wie es wirklich ist. Es gibt hierfür inzwischen einiges an pädagogischen Mitteln, sowohl von den Gemeinden als auch von einzelnen jüdischen Initiativen. Entscheidend ist, dass diese Möglichkeit an den Schulen bekannt gemacht wird und die Lehrkräfte sie auch annehmen.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Knobloch.