Stärkung der Verteidigungsbereitschaft Europas
Krieg der industriellen Kapazitäten
Der Krieg in der Ukraine hat die Notwendigkeit einer starken und reaktionsschnellen europäischen verteidigungstechnologischen und -industriellen Basis (EDTIB) unterstrichen und gleichzeitig die bestehenden Mängel aufgezeigt: Nach Jahren der Unterfinanzierung und reduzierter Produktionskapazitäten ringt Europa einerseits darum, der Ukraine die militärische Unterstützung zukommen zu lassen, die Kiew in dem langwierigen Abnutzungskrieg gegen Russland benötigt. Andererseits müssen die europäischen Partner ihre eigenen Bestände wieder auffüllen und ihre Armeen so ausrüsten, dass sie das Abschreckungs- und Verteidigungsdispositiv gegen die Sicherheitsbedrohung durch den russischen imperialistischen Revisionismus stärken können. Zwar hat die EU eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um die Produktion und Beschaffung von Rüstungsgütern zu beschleunigen und effizienter zu gestalten (vgl. Act in Support of Ammunition Production (ASAP) und European Defence Industry Reinforcement through Common Procurement Act (EDIRPA)). Die Unfähigkeit Europas, die fehlende Unterstützung der USA für die Ukraine während der monatelangen Blockade im Kongress zu kompensieren, zeigte jedoch, dass Anspruch und Wirklichkeit noch immer auseinanderklaffen.
Im März 2024 legte die Europäische Kommission daher die erste europäische Industriestrategie für den Verteidigungsbereich (European Defence Industrial Strategy, EDIS) vor. Diese zielt darauf ab, die industrielle Säule der europäischen Verteidigungsbereitschaft zu stärken, indem (1) die Bemühungen der Mitgliedstaaten, „mehr, besser, gemeinsam und europäisch“ zu investieren, verstärkt und unterstützt werden, (2) die Effizienz und Reaktionsfähigkeit der EDTIB auf der Grundlage einer angemessenen Finanzierung verbessert werden, (3) eine Kultur der Verteidigungsbereitschaft in der EU gefördert wird und (4) Partnerschaften ausgebaut werden. Trotz des ehrgeizigen Ziels der Europäischen Kommission, bis 2025 ein neues Europäisches Programm für die Verteidigungsindustrie (European Defence Industrial Programme, EDIP) auf den Weg zu bringen, werden sich die Verhandlungen vermutlich verzögern, da der Ansatz der Kommission auf verschiedene Kritikpunkte stößt.
Ein interdisziplinärer Expertenworkshop mit wichtigen Stakeholdern aus Think Tanks, EU-Institutionen, der NATO und der Industrie identifizierte eine Reihe von Herausforderungen und Handlungsfeldern, die auf nationaler und europäischer Ebene angegangen werden müssen, um Europas industrielle Kapazitäten im Verteidigungsbereich angesichts der Sicherheitsbedrohungen zu stärken:
1. Gesellschaftliche Akzeptanz und politische Priorisierung fördern
Angesichts der Bedrohungslage bedarf es eines Mentalitäts- und Kulturwandels in Politik und Gesellschaft. Mittels einer gezielten strategischen Kommunikation gilt es, für den Ernst der Lage (sense of urgency) und den Charakter des Krieges in der Ukraine (war of industrial capacities) zu sensibilisieren, die Bedrohungswahrnehmungen unter den europäischen Partnern anzugleichen, auf mögliche Worst-Case-Szenarien vorzubereiten und so die Akzeptanz der Bevölkerung für notwendige Maßnahmen zu fördern. Generell muss der „sicherheitspolitische IQ“ bei Entscheidungsträgerinnen und -trägern sowie in der Bevölkerung erhöht werden. Damit verbunden sollte die Kommunikation dazu beitragen, das Image und die Reputation der Verteidigungsindustrie gegenüber Politik, Gesellschaft, Finanzsektor und Forschung als essenziellen Bestandteil der Sicherheitsvorsorge zu verbessern, um unter anderem die Finanzierung und den Zugang zu Forschung zu ermöglichen (Stichwort: EU-Taxonomie). Schließlich ist eine deutliche Diskrepanz zwischen den politischen Diskursen und Ambitionsniveaus in den europäischen Hauptstädten und in Brüssel festzustellen. Hier bedarf es eines intensiveren Dialogs, um die nationalen Entscheidungsträger von der Notwendigkeit einer reaktionsschnelleren europäischen Verteidigungsindustrie zu überzeugen und genügend politischen Willen zu generieren, um die EU in diesem Bereich zu stärken.
2. Adäquate Rahmenbedingungen schaffen
Um die europäischen industriellen Kapazitäten im Verteidigungsbereich zu stärken, müssen eine Reihe von Weichenstellungen vorgenommen und damit bessere Rahmenbedingungen geschaffen werden. Dazu gehört zum einen eine kritische Überprüfung der rechtlichen Vorgaben (zum Beispiel Exportkontrollregelungen), die Unternehmen und internationale Kooperationen bei der Produktion wehrtechnischer Schlüsselgüter potenziell behindern. Zum anderen gilt es, strukturelle Engpässe und Flaschenhälse zu identifizieren sowie bürokratische Hürden im Sinne der Effizienz und der durch die veränderte sicherheitspolitische Lage gebotenen Dringlichkeit abzubauen. Besonderes Augenmerk ist zudem auf die Ausbildung und Gewinnung qualifizierter Arbeitskräfte sowie auf die Sicherstellung einer resilienten Infrastruktur zu legen, die unter anderem die Rohstoff- und Lieferkettensicherheit und eine Europäisierung der Wertschöpfungsketten umfasst. Schließlich ist es unerlässlich, langfristig eine ausreichende Finanzierung sicherzustellen, indem man zur Enttabuisierung der Verteidigungsindustrie beiträgt, Anreizsysteme für Venture Capital schafft und gerade bei Ressourcenknappheit durch entsprechende Prioritätensetzung genügend öffentliche Mittel bereitstellt.
3. Angebots- und Nachfrage-Situation sowie die gemeinschaftliche Zusammenarbeit verbessern
Wenn es darum geht, die Angebots- und Nachfragesituation bei kritischen Rüstungsgütern zu verbessern und die Zusammenarbeit auf europäischer Ebene auszubauen, bewegt man sich in einem erheblichen Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen und Konzepte. Dies betrifft zum einen die verschiedenen notwendigen, aber zum Teil widersprüchlichen strategischen Ansätze, die pragmatischer Natur (orientiert an der schnellen Schließung drängender Fähigkeitslücken), interessengeleitet (orientiert an der Verringerung von Abhängigkeiten und der Erhöhung der europäischen Autonomie) und zugleich zukunftsorientiert (ausgerichtet an den Erfordernissen moderner Kriegführung und der langfristigen Beherrschung von Schlüsseltechnologien) sein können. Zum anderen bedeutet dies auch eine sorgfältige Abwägung zwischen dem „more-European“-Ansatz der Kommission und der notwendigen Anbindung an und Zusammenarbeit mit Drittstaaten und Partnern außerhalb der EU, allen voran den USA und Großbritannien. Mit Blick auf den europäischen Markt besteht die Herausforderung darin, die richtige Balance zu finden zwischen der notwendigen Konsolidierung des europäischen Verteidigungsmarktes, um kostspielige Fragmentierung und unnötige Duplikationen zu reduzieren, und der Förderung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft, die auf innereuropäischem Wettbewerb beruht. Dies umfasst auch die Auflösung des Spannungsfeldes, das sich insbesondere für die Mitgliedstaaten aus der Wahrung nationaler (Wirtschafts-)Interessen einerseits und der notwendigen Stärkung der europäischen Zusammenarbeit andererseits ergibt. Gerade im Hinblick auf Letzteres ist bei der Förderung gemeinschaftlicher Kooperationsprojekte verstärkt auf die Ergebnis- und vor allem auf die Fähigkeitsorientierung zu achten. All diese Maßnahmen werden jedoch erfolglos bleiben, wenn die Perspektive der Unternehmen nicht berücksichtigt wird, die ihre Produktionskapazitäten nur dann ausweiten können, wenn ihnen Planungssicherheit, Unterstützung bei der Senkung der Produktionskosten (zum Beispiel durch Skaleneffekte) und Risikominimierung durch langfristige Verträge und Abnahmegarantien in Aussicht gestellt werden.
4. Kooperationen zielgerichtet ausbauen und gestalten
Um die Rüstungsproduktion effizienter zu gestalten, muss die Zusammenarbeit nicht nur zwischen den Mitgliedstaaten innerhalb der EU verbessert werden, sondern über alle Ebenen hinweg: angefangen bei der koordinierten Vergabe nationaler Aufträge in Anlehnung an die NATO-Verteidigungsplanung bis hin zur Schaffung von EU-Anreizen. Gerade bei der Fähigkeitsentwicklung, bei Forschung und Entwicklung sowie beim intensiveren Informationsaustausch würde Europa von einer verbesserten Kooperation zwischen NATO und EU profitieren. Diese würde auch dazu beitragen, unnötige Doppelungen von Kompetenzen, Strukturen und Prozessen zu vermeiden. Vor allem sollte es darum gehen, durch die Harmonisierung von Standards und die Zertifizierung von Rüstungsgütern eine schnelle und einfache Interoperabilität zwischen den Partnern zu gewährleisten.
5. Innovation und zivil-militärische Zusammenarbeit fördern
Langfristig stehen Europa und die EU vor der Herausforderung, den militärtechnologischen Vorsprung gegenüber Rivalen und Gegnern zu halten („to keep the technological edge“). Dazu ist es notwendig, das Bewusstsein für die Bedeutung von Schlüsseltechnologien (emerging disruptive technologies) und deren Beherrschung als Machtressource und Element moderner Kriegsführung zu schärfen. Dies umfasst auch ein besseres Verständnis über Dual-Use-Forschung und deren Förderung, da die Grenzen zwischen rein ziviler und rein militärischer Nutzung von Technologie zunehmend verschwimmen. Dies hat unter anderem zur Folge, dass vor allem Unternehmen und Start-ups immer mehr zu Innovationstreibern werden, weshalb eine Verbesserung der zivil-militärischen Zusammenarbeit durch strukturelle, finanzielle oder regulatorische Maßnahmen unabdingbar ist. Derzeit läuft das vergleichsweise risikoaverse europäische Modell Gefahr, im internationalen Wettbewerb insbesondere mit den USA (zum Beispiel DARPA-Programm) und China (sog. „military-civil fusion“) ins Hintertreffen zu geraten. Dementsprechend gilt es, auf EU-Ebene den schwierigen Spagat zwischen den inhärenten Regulierungsansprüchen und -rechten Brüssels einerseits und den notwendigen Rahmenbedingungen zur Förderung eines innovationsfreundlichen Ökosystems andererseits zu meistern. Zuletzt muss es Ziel sein, die Erfahrungen der Ukraine besser zu nutzen und in europäische Ansätze zu integrieren. Dort werden unter schwierigsten Bedingungen neue Technologien im Einsatz erprobt („battle-proven in Ukraine“) und Forschungsergebnisse schnell in die Prototypenphase überführt, so dass Europa von den Lessons Learned der Ukraine auch im technologischen Bereich profitieren kann.
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