Außen- und Sicherheitspolitik
Krieg im Schatten – Hybride Bedrohungen und Europas Umgang damit
Die EU-Kommission hat einen Aktionsplan zur Drohnenabwehrsicherheit entwickelt. Wie wichtig der ist, zeigt der Fund einer Sprengstoffdrohne am Flughafen Leipzig/Halle in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch. Die Drohne soll sich nach Angaben aus Sicherheitskreisen nahe einer ukrainischen Transportmaschine vom Typ Antonow AN-124 Condor befunden haben. Spezialisten der Bundespolizei entschärften die Sprengvorrichtung.
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Seit einigen Jahren, insbesondere seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, ist eine deutliche
Intensivierung hybrider Aktivitäten Russlands im europäischen Raum zu beobachten. Erst im Juli dieses Jahres machten Deutschland und weitere EU-Staaten russische Geheimdienste für schwerwiegende Cyberangriffe auf staatliche Institutionen verantwortlich. Es folgten die Einbestellung des russischen Botschafters in Berlin sowie weitere EU-Sanktionen.
Hybride Angriffe nehmen stark zu
Hybride Kriegsführung ist kein neues Phänomen, allerdings wandelt sich ihr Spektrum aufgrund des technologischen Fortschritts und neuer Formen der Einflussnahme stetig. Generell bewegen sich hybride Aktivitäten häufig unterhalb der Schwelle eines bewaffneten Angriffs – sie finden also in einer Grauzone statt, in der sowohl Urheberschaft und rechtssichere Zuordnung als auch angemessene Gegenmaßnahmen oftmals schwer zu bestimmen sind.
Daher ist auch von Russlands „Schattenkrieg“ die Rede.
Sie umfassen meist eine Vielzahl nichtmilitärischer Mittel wie Cyberangriffe, Spionage, GPS-Störungen, KI-unterstützte Propaganda- und Desinformationskampagnen sowie die gezielte Instrumentalisierung von Migrationsbewegungen an den Außengrenzen der Europäischen
Union (EU). Besonders kritisch sind Ausspäh- und Sabotagefälle gegen kritische Infrastruktur oder militärische Einrichtungen, etwa gegen Bahnanlagen, Pipelines, Daten- und Telefonkabel, Stromnetze, Rüstungsfabriken, Marineschiffe und Munitionsdepots. Russland greift hierfür beispielsweise auf „gekaufte“ Zivilisten zurück, der BND spricht von „Wegwerf-Agenten“, die über Soziale Medien gegen wenig Geld angeheuert werden und inzwischen
mit mehreren Straftaten wie Brandstiftung in Verbindung gebracht werden.
Angesichts der Zunahme solcher Fälle bekräftigten die Mitgliedstaaten auf dem NATO-Gipfel 2023 im litauischen Vilnius, dass hybride Angriffe das Ausmaß eines bewaffneten Angriffs erreichen und unter Umständen den Bündnisfall nach Artikel 5 des NATO-Vertrags zur Folge haben können.
Deutschland im Visier
Aufgrund seiner zentralen Bedeutung als größte Wirtschaftsmacht in Europa, als logistische Drehscheibe der NATO sowie als wichtiger Unterstützer der Ukraine rückt Deutschland selbst immer mehr ins Visier hybrider Kriegsführung. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Intensität und sicherheitspolitischen Bedeutung dieser Angriffe hielt Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) im September 2025 fest: „Wir sind nicht im Krieg, aber wir
sind auch nicht mehr im Frieden.“
Auch auf dem Wasser lauert die Gefahr: U-Boot-Abwehrschiffe (rechts) sollen sie erkennen und bannen.
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Russland ist ein zentraler, jedoch nicht der einzige Akteur. Auch Staaten wie China, Iran oder Nordkorea führen hybride Operationen in Europa durch und nutzen Cyberangriffe, wirtschaftliche Einflussnahme, den Erwerb von Schlüsseltechnologien sowie Desinformation und Spionage, um ihre Ziele zu verfolgen.
Die Maßnahmen sollen europäische Einigkeit unterminieren, die Mitgliedstaaten innenpolitisch destabilisieren, das Vertrauen in demokratische Institutionen untergraben, gesellschaftliche Polarisierung fördern sowie die Unterstützungsbereitschaft für die Ukraine verringern. Die Ausspäh-
und Sabotageakte zielen darüber hinaus auf die unmittelbare Beeinträchtigung kritischer Infrastruktur ab und geben dem Angreifer Einblicke in Verwundbarkeiten, Schwachstellen und sicherheitsrelevante Prozesse.
Es verändern sich die Zielobjekte
Laut einer von der HSS in Auftrag gegebenen Studie des International Institute for Strategic Studies aus dem Jahr 2025 hat sich die Zahl russischer Sabotageakte in Europa von 2023 auf 2024 nahezu vervierfacht. Zugleich veränderten sich die Zielobjekte: Insbesondere bei Angriffen auf Einrichtungen mit Bezug zur Unterstützung der Ukraine sowie auf staatliche Institutionen nahm die Intensität zu. Eine weitere Analyse des International Centre for Counter-Terrorism (ICCT) und GLOBSEC identifizierte zwischen Februar 2022 und Februar 2026 insgesamt 151 Vorfälle mutmaßlich von Russland koordinierter verdeckter Sabotageakte, Brand- und Sprengstoffanschläge sowie gezielter Einschüchterungsversuche im europäischen Raum.
Auch der Einsatz von Drohnen wird zunehmend als Instrument hybrider Aktivitäten in Europa genutzt. Ermittlungen deuten in vielen Fällen auf eine Beteiligung Russlands hin. Mehrere europäische Länder – darunter Polen, Litauen, Rumänien, Dänemark, Norwegen, Deutschland und Frankreich – berichteten im vergangenen Jahr von Drohnensichtungen oder -störungen in ihrem Hoheitsgebiet, oft über Kasernen, Flughäfen, Werften oder anderen militärischen und industriellen Einrichtungen.
Deutschland „ist tägliches Ziel einer hybriden Kriegsführung“, betont daher Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU). Laut Bundeskriminalamt (BKA) wurden im vergangenen Jahr 321 Sabotageverdachtsfälle sowie 1.289 Drohnenvorfälle mit insgesamt 2.310 Drohnenüberflügen in Deutschland registriert.
Im Abwehrkampf
Um der komplexen Bedrohungslage gerecht zu werden, hat Deutschland verschiedene Maßnahmen ergriffen: 2025 stellten Bund und Länder einen gemeinsamen Aktionsplan gegen Desinformation und für eine wehrhafte Demokratie vor. Der Nationale Sicherheitsrat beschloss zudem einen
ressortübergreifenden Aktionsplan zur Abwehr hybrider Bedrohungen mit einem Fokus auf Spionageabwehr und Schutz kritischer Infrastruktur. Im Juni 2026 wurde das Gemeinsame Zentrum zur Abwehr hybrider Bedrohungen (GAZ Hybrid) als Koordinierungsplattform für die Sicherheitsbehörden
von Bund und Ländern eröffnet. 2025 wurde außerdem eine Änderung des Luftsicherheitsgesetzes auf den Weg gebracht, um die Drohnenabwehr zu stärken. Ein Gemeinsames Drohnenabwehrzentrum (GDAZ) in Berlin nahm ebenfalls seine Arbeit auf.
Übergeordnetes Ziel dieser Maßnahmen ist es, die Fähigkeiten der zuständigen Sicherheitsbehörden zur Abwehr von Cyberangriffen, Spionage und Sabotage zu stärken und ihre Zusammenarbeit zu verbessern. Darüber hinaus soll die Bevölkerung besser vor hybriden Bedrohungen
geschützt und die gesellschaftliche Resilienz erhöht werden, unter anderem durch den Fähigkeitsausbau in der Cybersicherheit, im Zivil- und Katastrophenschutz sowie in der zivilen Verteidigung.
Resilienz und aktive Gefahrenabwehr
Auch die Europäische Union hat ihre Instrumente zur Abwehr hybrider Bedrohungen deutlich ausgebaut. Zu diesem Zweck wurden politische, rechtliche und sanktionspolitische Maßnahmen – von Vorgaben zum Schutz kritischer Einrichtungen (CER-Richtlinie) und Cybersicherheitsanforderungen
(NIS2-Richtlinie) bis hin zu „EU Hybrid Rapid Response Teams“ zur Unterstützung bei der Abwehr hybrider Kampagnen – eingeführt. Im Februar 2026 veröffentlichte die EU-Kommission zudem einen Aktionsplan zur Drohnen- und Drohnenabwehrsicherheit. Viele EU-Staaten haben ähnlich wie Deutschland ihre nationalen Sicherheitsstrategien angepasst und hybride Bedrohungen ausdrücklich als zentrales Risiko benannt. Regierungen investieren verstärkt in Cybersicherheit, verbessern den Schutz kritischer Infrastruktur und verschärfen Gesetze, um Spionage und Sabotage wirksamer verfolgen zu können.
Neben der Steigerung der Resilienz, um Verwundbarkeiten zu reduzieren und dem Angreifer möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten, rücken Abschreckung und aktive Gefahrenabwehr mittels eigener Gegenmaßnahmen zunehmend in den Fokus der Debatte. So kündigte Innenminister
Dobrindt Ende 2025 an, bei Cyberangriffen ebenfalls offensiv reagieren zu wollen: „Wer uns im Cyberraum angreift, der soll sich bewusst werden: Wir wollen und wir werden uns zukünftig wehren! Wir können auch stören und zerstören.“
Von Verbündeten lernen
Zwar hat Deutschland in den vergangenen Jahren wesentliche Fortschritte im Umgang mit hybriden Angriffen gemacht, doch setzt Berlin zugleich auf den Austausch mit den Partnern in Nord-, Mittel- und Osteuropa. Denn bei der Reaktion auf hybride Aktivitäten spielen mehrere Faktoren eine Rolle, darunter historische Erfahrungen und die geographische Nähe zu Russland. Die baltischen Staaten, Finnland, Schweden, Tschechien oder Polen sind
schon länger Ziel hybrider Kriegsführung Russlands und können daher spezifische Erfahrungswerte einbringen. All diese Entwicklungen zeigen, dass hybride Angriffe ein komplexes und dynamisches Querschnittsthema nationaler Sicherheitsvorsorge darstellen. Es bedarf daher länderübergreifender Zusammenarbeit sowie der kontinuierlichen Anpassung politischer, rechtlicher und technologischer Maßnahmen.
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