Zur Weihnachtszeit
Krippen von Sebastian Osterrieder
Vor 100 Jahren, im Jahr 1922, stellte der Künstler Sebastian Osterrieder erstmals eine Krippe in St. Ursula in München auf, wenige Minuten von seinem Atelier entfernt. Er hatte einen ganz eigenen Stil entwickelt und eigene Techniken zur Herstellung seiner Krippenfiguren angewandt. Doch wer war Sebastian Osterrieder? Er selbst hätte sich als Bildhauer bezeichnet, doch der Nachwelt ist er wegen seiner Leidenschaft für Krippenarrangements in Erinnerung geblieben.
Wie zerbrechlich die Krippenfiguren von Sebastian Osterrieder sind, ist am Zeigefinger der Josefsfigur zu sehen. Hier fehlt ein Stückchen.
Dr. Birgit Strobl
Figuren aus französischem Hartguss
Seine Figuren entstanden so: Zunächst stellte er eine Art Schablone her. Diese goss er mit einem Gemisch aus Gips und Leim aus, dessen Zusammensetzung er geheim hielt und „französischen Hartguss“ nannte.
Die Figuren wurden im Anschluss mit Drähten verstärkt und erhielten Glasaugen. Zum Kaschieren, d.h. Bekleiden wurden Lumpen in Leim getaucht, um die Körper drapiert und in Falten gelegt. Danach wurden sie einzeln bemalt, so dass jede Figur ein Unikat darstellt.
Da diese filigranen Kunstwerke sehr empfindlich sind, grenzt es an ein Wunder, dass seine Krippen zum Teil noch erhalten sind und in Kirchen gezeigt werden.
Eine Idee der Jesuiten
Entstanden sind die Weihnachtskrippen keinesfalls im häuslichen Umfeld, wie man heute angesichts der Bauleidenschaft von Hauskrippen und Krippenbauvereinen vermuten könnte.
Die Idee, die Menschwerdung Jesu an Weihnachten mit Figuren zu zeigen, geht auf das Engagement der Jesuiten zurück. Im Zuge der Gegenreformation wollten sie das Volk religiös unterweisen und das Fest der Menschwerdung Gottes veranschaulichen. Viele Menschen konnten damals nicht lesen und schreiben.
Die Aufstellung der Krippen erfolgte zunächst in Kirchen. Lediglich der Adel konnte es sich leisten, eigene Krippen bei sich zu Hause aufzustellen.
Eine Volkskunst entsteht
Dies änderte sich, als sich Bayern 1802 im Zuge der Säkularisation dem österreichischen Edikt zum Verbot aller Kloster- und Kirchenkrippen anschloss. Bürger und Bauern hatten die Krippe in ihrer Kirche inzwischen so ins Herz geschlossen, dass sie diese kurzerhand mit nach Hause nahmen und dort aufstellten. Vielfach waren die Figuren für diese Umgebung zu groß – es entwickelte sich eine Volkskunst, kleine Krippen und Krippenfiguren anzufertigen und zu schnitzen.
Eine Osterrieder-Krippe in der Kirche „Zu den hl. Zwölf Aposteln" in Laim (München).
Dr. Birgit Strobl
Orientalische Krippen in eigenem Stil
Sebastian Osterrieder hat vornehmlich für den kirchlichen Bedarf gearbeitet. Seine Figuren sind zwischen 20 und 30 cm groß. Sie sollten erschwinglich sein für die Kirche, daher nutzte er einfaches Material.
Hauskrippen im Alpenstil waren Osterrieders Sache nicht. Er wollte das Geschehen möglichst originalgetreu nachbilden und ist zu Recherchezwecken auch nach Israel und Palästina gereist. Diese Reisen inspirierten ihn so sehr, dass er seine Krippen in einem ihm ganz eigenen orientalischen Stil vervollkommnete.
Orientalische Krippen waren im Lauf des 19. Jahrhunderts modern geworden. Von der Künstlerbewegung der Nazarener beeinflusst, siedelten sie das Geschehen in biblischen Umfeld an. Davor waren Krippenfiguren zeitgemäß gekleidet und in der jeweiligen Umgebung der Besitzer verortet. Nun wurden sie im vermeintlich historischen Ambiente gezeigt und in der authentischen Landschaft des Heiligen Landes präsentiert. Osterrieders Stil ist in diesem Genre bis heute unverwechselbar.
Seine Krippe, die vor hundert Jahren zum ersten Mal in St. Ursula ausgestellt wurde, hat bis heute nichts von ihrer anrührenden Faszination verloren.
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