Zum 80. Todestag von Dietrich Bonhoeffer
Leben zwischen Glaube, Widerstand und Verantwortung
Diese Aufnahme zeigt den evangelischen Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer im Alter von 33 Jahren.
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Bonhoeffer sagte: „Wo aber erkannt wird, dass die Macht des Todes gebrochen ist, wo das Wunder der Auferstehung und des neuen Lebens mitten in die Todeswelt hineinleuchtet, dort verlangt man vom Leben keine Ewigkeiten, dort nimmt man vom Leben, was es gibt, nicht Alles oder Nichts, sondern Gutes und Böses, Wichtiges und Unwichtiges, Freude und Schmerz, dort hält man das Leben nicht krampfhaft fest, aber man wirft es auch nicht leichtsinnig fort.“
Dietrich Bonhoeffers Theologie fordert, mit anderen zusammen Verantwor-tung für die Welt zu übernehmen. Vor 80 Jahren, am Morgen des 9. April 1945, ist Dietrich Bonhoeffer nach zwei Jahren Haft zusammen mit anderen Widerstandskämpfern gegen die Nazis im KZ Flossenbürg wegen seines Engagements und seiner beeindruckenden, tapferen Standhaftigkeit erhängt worden.
Beten und Bibellesen prägten seine Kindheit
14 Tage später ist das KZ Flossenbürg von US-amerikanischen Truppen befreit worden - 20 Tage später das KZ Dachau. Auch diese dramatischen Ereignisse gehen heuer in das 80-jährige Gedenken des Jahres 1945 mit ein. Der britische Geheimdienstoffizier Payne Best, der mit Bonhoeffer zuvor im KZ Buchenwald war, rühmte Bonhoeffer als "one of the very few men that I have ever met to whom his God was real and ever close to him".
Der Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker hat in einem Vortrag Bonhoeffers Lebensweg eine "Reise zur Wirklichkeit" genannt. Zu einer "Wirklichkeit, die sich jenseits des Provinzialismus der Kirche als der Grund der Kirche zeigen würde". Bonhoeffer konnte diese Reise antreten, weil er nicht gefangen war in der nationalistischen und konfessionalistischen Engstirnigkeit seiner Zeit. Er hielt nichts vom Radikalismus mit seinen letzten Lösungen und genauso wenig von faulen Kompromissen.
Bonhoeffers Elternhaus war aufgeklärt-tolerant und geprägt von einem selbstverständlichen Beten und Bibellesen. Naturwissenschaften, Philosophie, Literatur und Kunst galten bei ihm zuhause viel. Bonhoeffer reiste gerne und viel; er war in Rom, auf Sizilien, in Tripolis und in der libyschen Wüste, studierte in New York, arbeitete als Gemeindepfarrer in Barcelona und London, träumte von einer Begegnung mit Mahatma Gandhi, von dem er sich spirituelle Bildung und pazifistische Schulung erhoffte.
Weltoffener, viel gereister Theologe
Bonhoeffer war weltoffen, ohne sich in der Vielfalt der Eindrücke zu verlieren. Er macht bewusst, dass Menschen die Freiheit zur Verantwortung haben, dass Verantwortung Wagnis bedeuten kann und dass zu ihr die Bereitschaft gehört, auch Schuld auf sich zu nehmen. Wir kommen nicht mit weißer Weste aus diesem Leben - jeder und jede wird sich schmutzig machen, wenn er oder sie sich leidenschaftlich für andere einsetzt. Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist, hat Bonhoeffer gesagt.
Sie muss hin zu geistlichen Fragen, dazu, was Menschen für ihr Leben brauchen, was sie freut und glücklich macht. „Mitten im Leben muß Gott erkannt werden“, mahnt Bonhoeffer, „im Leben und nicht erst im Sterben, in Gesundheit und Kraft und nicht erst im Leiden.“ Gott soll man suchen und finden, in Tiefen und Abgründen, in den Freuden und angenehmen Höhepunkten des Lebens. Christenmenschen sind verantwortlich für das Nachdenken in Kirche und Gesellschaft über „das Tun des Gerechten“.
Sie sollen ihren Glauben bekennen, denn „Flucht in die Unsichtbarkeit“ ist nach Bonhoeffer „Verleugnung des Rufes“ - und entsprechend ist das sich Hinstellen und Reden, das Erkennbar-Sein echte Nachfolge. Es gibt Situationen, so Bonhoeffer, in denen die Kirche "nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen" verpflichtet ist. Er meinte damit den nationalsozialistischen Wahnsinn, dem Millionen von Menschen zum Opfer fielen.
"Von guten Mächten treu und still umgeben“
In einer Ansprache in New York sagte Bonhoeffer schon 1930: "Was auch immer kommen mag, laßt uns nie mehr vergessen, daß das Volk Gottes ein christliches Volk ist, daß kein Nationalismus, kein Rassen- oder Klassenhaß seine Anschläge ausführen kann, wenn wir eins sind." So einig und eins sollten wir wenigstens heute sein. Dazu gehört vor allem, Kindern und Jugendlichen tragfähige Werte zu vermitteln. Das zeitgenössische „anything goes“ ist kein überzeugendes Credo.
Eine Gesellschaft, der alles gleich gültig ist und die damit völlig gleichgültig wird, übt keine Faszination aus auf junge Leute, die sich finden müssen und wollen, die Werte entdecken möchten, denen sich nachzueifern lohnt. Nicht lasch, lau sein, sondern energisch und passioniert für Werte einstehen: Leben, Nächsten- und Feindesliebe, Gerechtigkeit für diese Welt, sozialer Friede. Mit Blick auf die Zukunft schrieb Bonhoeffer: "Qualität ist der stärkste Feind jeder Art von Vermassung."
Das notwendige "Qualitätserlebnis" bedeutet für ihn sowohl "die Freude am verborgenen Leben wie den Mut zum öffentlichen Leben" und kulturell "die Rückkehr . . . von der Hast zur Muße und Stille, von der Zerstreuung zur Sammlung, von der Sensation zur Besinnung, vom Virtuosenideal zur Kunst, vom Snobismus zur Bescheidenheit, von der Maßlosigkeit zum Maß." Das geschieht, wenn Menschen Freude am Leben aus der befreienden Botschaft von Jesus Christus schöpfen.
Bonhoeffer verwahrte sich in schweren Zeiten gegen Resignation und fromme Weltflucht. Er schrieb: "Mag sein, daß der jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht." Nein, vorher nicht. Wir tun viel im Auftrag des Herrn und sollen es weiter tun. Es ist gut, sein Erbe zu bewahren und dadurch jeden Tag aufs Neue spüren, was Bonhoeffer gedichtet hat: "Von guten Mächten treu und still umgeben“.
Im KZ Flossenbürg in der Oberpfalz wurde Dietrich Bonhoeffer am 9. April 1945 hingerichtet.
Copyright: Thomas Dashuber/Gedenkstätte Flossenbürg
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Stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung