Autismusstrategie Bayern
Lebensbedingungen von Autisten verbessern
Die stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, Kerstin Schreyer, MdL, eröffnet die Tagung.
In Bayern gibt es circa 130.000 Autistinnen und Autisten. Die Autismusstrategie des Freistaats soll Bedingungen schaffen, die ihnen Teilhabe, Entwicklung und ein gutes Leben ermöglichen. Seit fast drei Jahren befindet sie sich in der Umsetzung. Bei einer Fachtagung der Hanns-Seidel-Stiftung und der Arbeitsgemeinschaft der Bayerischen Autismus-Beratungsstellen wurde nun ein erstes Zwischenfazit gezogen. Im Zentrum der Veranstaltung standen die von den beteiligten Staatsministerien bereits ergriffenen Maßnahmen.
Dorothee Zwintz präsentierte die bereits erzielten Fortschritte des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales.
- Beratung und Begleitung: Die acht bayerischen Autismuskompetenzzentren spielen eine wichtige Rolle in der Unterstützung von Autisten und ihren Angehörigen. In den vergangenen Jahren wurde ihr Rahmenkonzept überarbeitet. Außerdem konnten die Zentren personell aufgestockt werden. Künftig soll die Beratung von Betroffenen durch Betroffene ausgebaut werden.
- Frühförderung: Im Rahmen des Projekts AuTis wurde eine Informations- und Vernetzungsstelle etabliert. Ihr Ziel ist die Entwicklung und Durchführung von Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen für Frühförderstellen.
- Sensibilisierung: Das Ministerium wird im Frühjahr 2026 eine öffentlichkeitswirksame Kampagne zum Thema Autismus starten. Außerdem fördert es den Aufbau eines größeren Informationsportals. Beide Maßnahmen dienen der Bewusstseinsbildung.
Dr. Daniel Renné ging auf die Maßnahmen im Zuständigkeitsbereich des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit, Pflege und Prävention ein.
- Die Krisendienste Bayern stellen rund um die Uhr Hilfe bei psychischen bzw. suizidalen Krisen zur Verfügung. Sie sollen für Autisten besser nutzbar gemacht und bedarfsgerecht weiterentwickelt werden.
- In der bayerischen Psychiatrieberichterstattung wird die Autismusstrategie bereits abgebildet. Das trägt zu einer Destigmatisierung bei und zeigt Weiterentwicklungsmöglichkeiten der psychiatrischen Versorgung auf.
- Das Ministerium fördert die Entwicklung eines Kompetenzhandbuchs zur pflegerischen Versorgung von erwachsenen Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung.
- Im Rahmen der Schuleingangsuntersuchungen wird künftig verstärkt auf Verdachtsmomente für Autismus geachtet. Die Mitarbeiter der bayerischen Gesundheitsämter erhalten eine entsprechende Schulung.
Klaus Gößl vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus ging auf die Maßnahmen ein, die bereits durch sein Haus umgesetzt werden konnten.
- Sensibilisierung: Das Thema Autismus fließt verstärkt in die Lehrerbildung mit ein. So existiert an der LMU München seit 2021/22 der Erweiterungsstudiengang „Pädagogik bei Autismus-Spektrum-Störungen“ (P-ASS). Die Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung hat außerdem einen Selbstlernkurs „Autismussensibles Unterrichten und Handeln“ veröffentlicht.
- Schulbezogene Beratung: Schulpsychologen werden gezielt zum Thema Autismus fortgebildet – nun auch verstärkt an Grund- und Mittelschulen. Es wurden zudem Ansprechpersonen für Inklusion an allen beruflichen Schulen eingerichtet.
- Inklusive Beschulung: Wenn die Schule nicht in Präsenz besucht werden kann, so ist im Einzelfall ein phasenweiser Distanzunterricht möglich. Hier konnten rechtliche Hürden abgebaut werden. Inklusion in die Klasse bleibt jedoch wichtig. In den Konzeptschulen Autismus werden daher Anpassungen im Schulalltag erprobt, um Autisten ein gutes, lernunterstützendes Setting bieten zu können.
Für das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst sprach Denny Ottinger. Er konzentrierte sich auf folgende Bereiche:
- Wissenserweiterung: Das Ministerium stellt Mittel zur Verfügung, um Forschung und wissenschaftliche Infrastruktur auszubauen. An der LMU wurde eine Schwerpunktprofessur für Autismus-Spektrum-Störung besetzt.
- Vernetzung: Angestrebt wird der Austausch verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen, u. a. organisiert die Wissenschaftliche Gesellschaft Autismus Spektrum einmal jährlich eine interdisziplinäre Tagung.
- Teilhabe im Studium: Neben einzelfallbezogener Unterstützung autistischer Studenten durch Behindertenbeauftragte und Studierendenberatungen erfolgt ein hochschulübergreifender Austausch im Netzwerk Studium und Behinderung.
An der Erarbeitung der Autismusstrategie waren auch die Selbsthilfeorganisationen beteiligt. In ihrem Namen sprachen Thomas Schneider und Stefan Bauerfeind von autismus Bayern e.V. Sie legten den Schwerpunkt ihrer Betrachtung auf noch bestehende Probleme, die es abzubauen gelte:
- Unsichtbare Barrieren im Gesundheitssystem führen dazu, dass Krankheiten bei Autisten entweder zu spät erkannt oder falsch eingeschätzt werden.
- Die Diagnostik für Erwachsene wird weiter vernachlässigt. Bis zu fünf Jahren kann es dauern, bis die Diagnose Autismus gestellt wird. Es existiert daher eine hohe Dunkelziffer an nicht diagnostizierten Autisten. Deren Leidensdruck führt zu Burn-Out, Depression oder Suizid.
- Die Wartelisten für Wohnplätze sind übervoll. Oft genug rutscht man dort weiter nach unten statt nach oben zu steigen. Wartezeiten von fünf Jahren und mehr empfinden viele als Zumutung.
Statement von Kerstin Schreyer, MdL zum Thema
Flankiert wurde die intensive Beschäftigung mit der Autismusstrategie Bayern durch wissenschaftliche Vorträge, welche neue Entwicklungen und Erkenntnisse im Bereich der Autismus-Spektrum-Störung zum Thema hatten.
Dr. Marta Robles von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am LMU Klinikum zeigte auf, wie sich moderne Technologie nutzen lässt, um die Autismus-Diagnose schneller und objektiver zu stellen. Sie präsentierte dazu eine Studie, bei der Personen mithilfe einer VR-Brille in einen virtuellen Supermarkt versetzt wurden und dort mit einem Verkäufer interagieren mussten. Mehrere Sensoren maßen dabei Blick-, Kopf- und Körperbewegungen. Eine KI-Auswertung der Ergebnisse konnte 92,5 % der teilnehmenden Autisten korrekt zuordnen.
Prof. Inge Kamp-Becker von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Heidelberg verglich unter anderem die Klassifikationssysteme ICD-11 und DSM-5 miteinander. Dabei kritisierte sie, dass ICD-11 viel zu unspezifisch vorgehe. Das führe dazu, dass in unzulässig vielen Fällen die Diagnose Autismus gestellt werde.
Auf großes Interesse stieß die Veranstaltung auch bei der Politik. Kerstin Schreyer, stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, konnte mehrere Vertreter aus der Staatsregierung und dem Landtag begrüßen. In ihrer Eröffnungsansprache betonte Schreyer die Vorreiterrolle Bayerns, bedauerte aber zugleich, derzeit das einzige Bundesland zu sein, das sich eine eigene Autismusstrategie gegeben habe.
Staatsministerin Ulrike Scharf bezeichnete die Strategie als ein Bekenntnis zu Teilhabe, Offenheit und Gleichwertigkeit. Der Behindertenbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung Holger Kiesel betonte die Bedeutung des Persönlichen Budgets, das Autisten anstelle von Sach- und Dienstleistungen erhalten können. Das sei ein wichtiger Schlüssel zu mehr Selbstbestimmung.
Der Vorsitzende des Ausschusses für Gesundheit, Pflege und Prävention im Bayerischen Landtag, Bernhard Seidenath, ging auf die Notwendigkeit einer gelingenden Arbeitsmarktintegration ein. Wenn man sich an die Bedürfnisse von Autisten anpasse, dann ließe sich in vielen Fällen eine Arbeitsfähigkeit herstellen.
Thomas Zöller, der Patienten- und Pflegebeauftragte der Bayerischen Staatsregierung, wies darauf hin, dass es gerade in Zeiten knapper Kassen wichtig sei, nicht an der falschen Stelle zu sparen. Die Lebensbedingungen für Autisten müssten weiter verbessert werden.
Impressionen der Veranstaltung
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