Gedanken zum Dritten Advent
Leise werden, ohne stillzustehen
Der Dritte Advent lädt zur Besinnung ein.
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„Besinn dich mal?“
Es ist endlich Zeit für Besinnung. Besinn dich mal. Dieser Imperativ klingt anstrengend. So, wie ich sofort nervös werde, wenn jemand zu mir sagt: „Du musst jetzt mal zur Ruhe kommen.“ Oder: „Du solltest gelegentlich meditieren.“ All das regt mich eher auf. Eine Anordnung von außen, mich selbst auf was auch immer hin einzunorden, gefällt mir gar nicht. Dafür bin ich zu wuselig, zu wepsig oder wie man das nennen möchte.
Was mir gefällt, ist ein Satz der Bibel, der aus der Geburtsgeschichte Jesu stammt. Von Maria, der Mutter Jesu heißt es: „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ Ein Satz – und ganze Welten tun sich auf. Maria, die hochschwanger von Nazareth nach Bethlehem gewankt ist und dort samt Josef verzweifelt nach einer Unterkunft gesucht hat. Die schließlich ihren ersten Sohn gebiert und keinen anderen Platz für ihn hat als einen Futtertrog für Tiere.
Kaum war ihr Kind auf der Welt, rumpelten die Hirten herein, alarmiert von einem Engel. Sie haben alle mit Feuereifer gemacht und getan. Maria aber. Dieses kleine, feine „aber“. . . Es drückt einen Gegensatz aus, etwas Unerwartetes. Die Mutter des Gottessohnes palavert nicht mit – weder mit dem Engel und den himmlischen Heerscharen, die vor globaler Begeisterung beinahe platzen, noch mit den Hirten.
Still – und innerlich in Bewegung
Die können die ungeheure Zuwendung Gottes zu den Ärmsten der Armen gar nicht fassen. Ihnen ist der Heiland geboren! Sowas! Maria hätte eine Menge dazu sagen können: Wie es passiert ist, wie sie sich gerade fühlt und was sie vorhat. Maria aber. Das ist eine geistvolle Einschränkung der lärmenden, aufgeregten Kulisse. Und zugleich verstärkt dieses „aber“ die spirituelle Übung Marias.
Ihre Besinnung, ihre Bereitschaft, sich auf etwas ganz Neues einzulassen. Denn nichts anderes tut sie: Die von Gott und dem Leben völlig überraschte, manchmal auch überforderte Frau übt sich ein in das, was nun ihr Dasein bestimmt. Aber nicht im Stillstand. Seelische Herausforderungen bedeuten immer eine Menge Arbeit. Und diese Arbeit verlangt nach innerer Ruhe. Innehalten und Vorankommen gehen in eins.
Maria behält, was sie erfahren und erlebt hat. Sie bewegt es in ihrem Herzen. Der Schriftsteller Hölderlin sagte: „Wie der Sternenhimmel bin ich still und bewegt.“ Maria: Zufriedenes, schweigsam aktives Befinden in der Dunkelheit, Harmonie zwischen Geist, Natur und der göttlichen Macht. Die Lebensgeräusche außen herum sind notwendig, soll das Gefühl für die Gewähr der eigenen Existenz sich einigermaßen selbstverständlich einstellen.
Besinnung kommt, wenn sich die eingekrampfte, zerknitterte Seele ausbreitet, der flache Atem tief und ruhig wird. Stille ist für sich sein, inneren Frieden aufkommen lassen. Nichts tun, nichts weiter denken. Sein, da sein, für sich sein. Wie Maria behalten, was man gesehen und gehört, gefühlt, gerochen und geschmeckt hat an Leben. Und es mal nicht im Kopf herumwälzen, sondern im Herzen bewegen. Das ist es.
Kontakt
Stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung