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Bayern und der 20. Juli 1944
Licht und Schatten

Autorin/Autor: Andreas von Delhaes-Guenther

Wie war eigentlich Bayern durch „Walküre“ betroffen? Und welche Bayern waren außer der Hauptfigur Claus Schenk Graf von Stauffenberg am Attentat auf Hitler und den Umsturzplänen beteiligt? Ein Blick zurück.

Zwei gegen Hitler: Foto von Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim (r.) in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin.

epd; ©HSS; imago

Neben der „Wolfsschanze“ und Berlin kam es vor allem in Paris, Wien, Kassel und Prag zur Ausführung des Walküre-Planes, außerdem in Ansätzen in Dresden, Hamburg, Frankfurt am Main und Münster in Westfalen. In etlichen Wehrmachts-Kommandostellen waren die Befehle der Verschwörer durch zu wenig Fernschreiber und andere Fehler erst nach Dienstschluss, in München und Danzig überhaupt nicht eingetroffen. Stauffenbergs Adjutant Friedrich Karl Klausing ließ das Fernschreiben zur „Walküre“-Auslösung als „Geheime Kommandosache“ einstufen, wodurch es erst verschlüsselt, dann einzeln und seitenweise versandt werden musste – ein zeitraubender Fehler. Hinderlich war auch der in der Nacht des Attentats stattfindende schwerste alliierte Luftangriff, den München bis dahin erlebt hatte. Darum wurde „Walküre“ in Bayern letztlich nicht ausgelöst.

Widerstand in Bayern

Dennoch hatte es auch in Bayern Vorbereitungen auf „Walküre“ gegeben, schließlich war dies ein offizielles Planspiel der Wehrmacht, das vorgeblich im Falle „innerer Unruhen“ die Sicherheit im Land gewährleisten sollte – das wahre Ziel und dass dabei hohe NS-, SS- und Gestapo-Funktionäre verhaftet werden sollten, war aber nur den Verschwörern bekannt. Wie 1979 ein persönlicher Brief des ehemaligen Oberbürgermeisters von Erlangen (1959 bis 1972), Heinrich Lades, an den früheren Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß (beide CSU) zeigte, waren sich aber auch in München viele Personen, die diesen Plan durchspielten, „klar über das eigentliche Ziel: die Chance der Beendigung des Kriegs zu nutzen – ohne Hitler“ (Brief im HSS-Archiv; Informationen hier). Lades schilderte in dem Brief auch, dass Strauß als für „Walküre“ zuständiger Offizier an der Flakschule in Altenstadt bei Schongau eingetragen war, wo dieser stationiert war. In seinen „Erinnerungen“ schrieb Strauß, im Frühjahr 1944 grob über die Pläne von „Walküre“ und die Existenz einer Widerstandsgruppe innerhalb des Heeres unterrichtet und eingeweiht worden zu sein. Er sei vorgesehen gewesen, NS-Funktionäre in Schongau festzusetzen. Der damalige Ordonanzoffizier Lades soll Strauß ins Vertrauen gezogen haben. Eine aktive Beteiligung am 20. Juli ist dennoch nicht gesichert, da der Kreis der Verschwörer so klein wie möglich gehalten wurde.

Viele Personen wurden zwar aufgrund ihrer ablehnenden Haltung zum NS-Regime in die Putschpläne „eingebaut“, sollten aber erst nach erfolgreichem Attentat vollständig eingeweiht werden. Der Kontaktmann des Widerstandes in Bayern, Major Ludwig Freiherr von Leonrod, aus bayerisch-fränkischem Adel stammend, war vorher zu einem Lehrgang nach Berlin berufen worden, als Ersatz fungierte der Oberpfälzer Hauptmann Max Graf von Drechsel - beide wurden hingerichtet. Für die einzelnen Wehrkreise hatte der Widerstand zudem bereits verschiedene politische Beauftragte vorgesehen, im Wehrkreis VII Südbayern war das der ehemalige Nürnberger OB und Reichswehrminister Otto Geßler, der den Krieg überlebte und als Präsident des Bayerischen und Deutschen Roten Kreuzes zum Wiederaufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen beitrug.

„Der Wahn allein war Herr in diesem Land.
In Leichenfeldern schliesst sein stolzer Lauf,
Und Elend, unermessbar, steigt herauf."

Albrecht Haushofer, Verse aus einem seiner im Gefängnis verfassten Moabiter Sonette („Dem Ende zu“)

Unter den hingerichteten Widerstandskämpfern befanden sich neben dem in Jettingen bei Günzburg geborenen Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seinem Bruder Berthold Schenk Graf von Stauffenberg, dem Münchner Klausing (zugleich der jüngste Verschwörer) und den erwähnten von Drechsel und von Leonrod noch einige andere Bayern. Die bekanntesten Namen sind sicher der Münchner Oberst Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim (im engsten Kreis um Stauffenberg), der im unterfränkischen Karlstadt geborene Franz Sperr (Widerstandsgruppe „Sperr-Kreis“) und der Bayreuther Wilhelm Leuschner, der nach dem Putsch als Vizekanzler vorgesehen war. In Berlin-Plötzensee hingerichtet wurden auch die folgenden Bayern, auch wenn nicht alle wirklich etwas mit dem 20. Juli zu tun hatten: Eduard Brücklmeier (geboren in München, als Staatssekretär im Auswärtigen Amt vorgesehen), Kaplan Hermann Josef Wehrle (Nürnberg), Oberst Georg Hansen (Sonnefeld, Chef der militärischen Abwehr), Major Roland von Hößlin (München), Korvettenkapitän Alfred Kranzfelder (Kempten) sowie Oberst Rudolf Graf von Marogna-Redwitz (München). Der in Kirchenlamitz (Oberfranken) geborene General Eduard Wagner entzog sich der Gestapo durch Suizid. 1945 wurden noch Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg (Würzburg) sowie Professor Albrecht Haushofer (München) ermordet. Den Krieg überlebten unter anderen Jakob Kaiser (Hammelburg, später CDU und Bundesminister), Franz Reisert (Augsburg, nach 1945 CSU-Mitglied) und Provinzial Augustin Rösch (Schwandorf, später Landescaritasdirektor von Bayern).

Lebensretter und Überlebende

Ein weiteres Mitglied des „Sperr-Kreises“, Major Günther Caracciola-Delbrück, beteiligte sich in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs an der „Freiheitsaktion Bayern“, die vergeblich eine kampflose Übergabe Münchens an die Amerikaner und die Festnahme von NS-Gauleiter Paul Giesler anstrebte, und wurde am 28. April 1945 hingerichtet. Dieser Widerstand rettete Leben: Mehrere tausend KZ-Häftlinge waren auf dem „Todesmarsch“ vom KZ Dachau nach Südtirol. Als die SS-Bewacher im Radio den Aufruf der Freiheitsaktion hörten, das Nazi-Regime sei gestürzt, machten sie sich aus dem Staub und überließen die Häftlinge sich selbst. Viele von ihnen dürften nur deshalb überlebt haben.

Ehrengrab für die Hauptverschwörer des 20. Juli 1944 auf dem Alten Sankt Matthäus Kirchhof in Berlin-Schöneberg. Dort wurden die fünf Soldaten Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Albrecht Mertz von Quirnheim, Ludwig Beck, Friedrich Olbricht und Werner von Haeften nach ihrer Hinrichtung begraben. Einen Tag später wurden die Leichname von der SS exhumiert, verbrannt und die Asche auf Rieselfeldern, die der Abwasserreinigung dienten, verstreut.

Schöning; ©HSS; imago

Neben Lades, Strauß und Reisert waren auch andere spätere CSU-Politiker am Umsturzversuch beteiligt oder eingeplant: Der Allgäuer Joseph-Ernst Fugger von Glött, später CSU-Abgeordneter in Bundestag und Landtag, der nach dem Putsch das Amt eines Landesverwesers für Bayern übernehmen wollte, wurde 1944 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Vorgesehen von den Verschwörern für dieses Amt war allerdings der Passauer Jurist Eduard Hamm, der in der Weimarer Republik Bayerischer Staatsminister und Reichswirtschaftsminister war und sich im September 1944 in Gestapo-Haft aus dem Fenster zu Tode gestürzt haben soll. Auch der ehemalige Reichsarbeitsminister Adam Stegerwald, später einer der CSU-Gründer, wurde 1944 nach dem Attentat von der Gestapo verhaftet – er war als möglicher Reichsverkehrsminister vorgesehen. Karl Scharnagl, vor und nach dem NS-Regime Oberbürgermeister von München (1928-1933 und 1945-1948), war Mitglied im Sperr-Kreis und zeitweise Verbindungsmann zum Widerstandszentrum in Berlin um Carl Friedrich Goerdeler. Zwar war Scharnagl am Attentat nicht direkt beteiligt, wurde aber dennoch 1944 bis Kriegsende im KZ Dachau interniert - und war nach 1945 einer der Mitgründer der CSU. Stauffenbergs dritter Sohn, der 1938 in Bamberg geborene Franz Ludwig Schenk Graf von Stauffenberg, überlebte die NS-Sippenhaft und war für die CSU Mitglied des Bundestages sowie des Europaparlamentes. Sein älterer Bruder Berthold Maria Schenk Graf von Stauffenberg ist Generalmajor a.D. der Bundeswehr. Bekannt ist auch der am 20. Juli beteiligte Oberleutnant Ewald-Heinrich von Kleist, der zwar kein gebürtiger Bayer war, aber nach dem Krieg jahrelang die Münchner Sicherheitskonferenz leitete und 2013 in Prien am Chiemsee verstarb. Sein mit um den Bauch gebundenen Handgranaten geplantes Selbstmordattentat gegen Hitler schon im Februar 1944 scheiterte, weil die neuen Uniformen, die dem Führer gezeigt werden sollten, bei einem alliierten Luftangriff verbrannten.

„Ich trage leicht an dem, was das Gericht mir Schuld benennen wird: an Plan und Sorgen. Verbrecher wär’ ich, hätt’ ich für das Morgen des Volkes nicht geplant aus eigner Pflicht. Doch schuldig bin ich anders als ihr denkt, ich musste früher meine Pflicht erkennen – ich musste schärfer Unheil Unheil nennen – mein Urteil hab ich viel zu lang gelenkt. Ich klage mich in meinem Herzen an – ich habe mein Gewissen lang betrogen, ich hab´ mich selbst und andere belogen – ich kannte früh des ganzen Jammers Bahn. Ich hab´ gewarnt – nicht hart genug und klar! Und heute weiß ich, was ich schuldig war!“

Albrecht Haushofer, Verse aus einem seiner im Gefängnis verfassten Moabiter Sonette („Schuld“)

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Einige der Widerstandskämpfer waren wie General Wagner selbst in NS-Verbrechen verstrickt. Der in Lothringen geborene Befehlshaber des Wehrkreises VII Südbayern, General Karl Kriebel, gehörte nach dem 20. Juli 1944 als Vertreter mit zum Ehrenhof der Wehrmacht, der die beschuldigten Offiziere aus der Wehrmacht ausstieß und damit den Zugriff des Volksgerichtshofes ermöglichten. Er starb unbehelligt 1961 in Aufkirchen am Starnberger See. Und auch auf der Verfolgerseite waren Bayern, allen voran zwei Münchner: Reichsführer SS Heinrich Himmler und Gestapo-Chef Heinrich Müller – beide starben 1945.

 

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