Gegen weibliche Genitalbeschneidung
Mehr Empowerment
Die Bayerische Sozialministerin Ulrike Scharf, MdL, betont, wie wichtig der Schutz der körperlichen Unversehrtheit ist.
HSS
Nach Schätzungen von UNICEF (Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen) sind weltweit mehr als 230 Millionen Frauen und Mädchen von weiblicher Genitalbeschneidung, kurz FGM/C, betroffen. Auch in Deutschland ist das Problem infolge der Migration präsent. Die Dunkelziffer wird von Terre des Femmes im Jahr 2022 auf etwa 103.947 betroffene Frauen und Mädchen in Deutschland geschätzt, weitere 17.721 sind akut gefährdet. In Bayern betrifft dies rund 17.512 Frauen und Mädchen der ersten Einwanderergeneration sowie 355 bis 3.195 gefährdete Mädchen unter 18 Jahren der zweiten Generation.
Seit 2013 steht FGM/C explizit im deutschen Strafgesetzbuch unter § 226a StGB, Verstümmelung weiblicher Genitalien. Dieser Paragraf stellt die Verstümmelung der äußeren Genitalien einer Frau unter Strafe und sieht eine Freiheitsstrafe von bis zu 15 Jahren vor. Auch der Versuch von FGM/C ist strafbar. Ebenso ist es strafbar, FGM/C im Ausland durchführen zu lassen, selbst wenn die Tat dort nicht strafbar ist.
Diese Praxis hat eine lange Geschichte und ist in vielen Regionen der Welt kulturell tief verwurzelt. Somit ist sie stark mit Traditionen und Identität verbunden. Dennoch ist weibliche Genitalbeschneidung eine Menschrechtsverletzung und ein Problem, auf das aufmerksam gemacht werden muss.
Das Recht auf Selbstbestimmung der Frauen ist Susanne Breit-Keßler ein wichtiges Anliegen.
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Ansätze gegen FGM/C in Bayern
Aus diesem Grund fand Anfang Oktober 2024 in der Hanns-Seidel-Stiftung in München eine Netzwerkkonferenz zum Thema weibliche Genitalbeschneidung (Female Genital Mutilation/Cutting, FGM/C) statt, um gemeinsam über Ansätze zur Präventions- und Unterstützung zu sprechen und das Bewusstsein für das Thema zu stärken.
Rund 120 Interessierte kamen zusammen, um sich auszutauschen und zu vernetzen, die meisten vor Ort, knapp 50 Personen schalteten sich digital dazu. Die Fallberichte von betroffenen Frauen gingen unter die Haut. Immer wieder wurde deutlich, dass es nach wie vor ein Tabu ist, über weibliche Genitalbeschneidung zu sprechen, selbst unter Eheleuten oder Geschwistern.
Susanne Breit-Keßler, stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, Vorsitzende des Bayerischen Ethikrates und ehemalige Regionalbischöfin, machte deutlich wie sehr ihr das Thema am Herzen liegt:
Das Thema ist mir persönlich wichtig, weil es um das Menschenrecht auf körperliche Unverletztheit geht. Es geht um Mädchen und Frauen, die kein Recht auf Selbstbestimmung haben, sondern die dem Willen anderer aus den unterschiedlichsten Motiven heraus unterworfen sind. Es kann aber keinen einzigen Grund auf dieser Welt geben, der ein weibliches Menschenkind nötigt, sich verletzen, gefährden und in seinen sexuellen Möglichkeiten einschränken zu lassen. Manchmal wird diese Auffassung als weiße, westliche und feministische Perspektive beschrieben. Das müssen wir entschieden zurückweisen. Wenn Menschenrechte universal sind, gibt es keine wie auch immer gearteten Einschränkungen.
Auch Ruth Peter, stellvertretende Vorsitzende von IN VIA Bayern e.V., unterstrich die Bedeutung von Aufklärung und Vernetzung:
Um wirksam gegen FGM/C vorzugehen, braucht es Wissensvermittlung, Enttabuisierung und Kultursensibilität. Fachkräfte und betroffene Frauen brauchen vor allem Diskussionsräume, wie sie diese Konferenz bereitstellt.
Die Bayerische Sozialministerin Ulrike Scharf, MdL, hob die Dringlichkeit des Handelns hervor:
Weibliche Genitalverstümmelung ist eine Menschenrechtsverletzung. Wir müssen entschlossen gegen diese grausame Praxis vorgehen, um diese schreckliche Tradition zu durchbrechen. Mädchen und Frauen brauchen Schutz, und wir müssen wachsam sein. Kein Hinweis auf Not darf verloren gehen, auch wenn er auf den ersten Blick nicht erkennbar ist. Der Schutz der körperlichen Unversehrtheit ist nicht verhandelbar.
Staatsministerin Ulrike Scharf, Fadumo Korn (Kulturmittlerin und Aktivistin), Susanne Breit-Keßler (stellv. Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung), Prof. Dr. med. Nicole Schmidt (Katholische Stiftungshochschule), Katrin Layh (IN VIA Bayern e.V.).
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An wen können sich Betroffene wenden?
Hier sind Träger des bayerischen Präventionsnetzwerks, die Beratung für Betroffene, Gefährdete und Angehörige anbieten und für Fachkräfte, die sich für dieses Thema interessieren:
- Imma e.V. in München und Landkreis München
- pro familia Ingolstadt und pro familia Nürnberg
- Die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Neu-Ulm
- Diözesancaritasverband für die Diözese Regensburg e.V.
- Caritas in Landshut
- sowie IN VIA Würzburg e.V.
- Schulungs- und Fortbildungsangebote für Multiplikatoren und Kulturmittler bietet Donna Mobile AKA e.V. und für Fachkräfte IN VIA Bayern e.V. Die wissenschaftliche Begleitung liegt bei der Stiftungshochschule München.
Um mit Betroffenen über das sensible Thema zu sprechen und diese zu begleiten, kommen, Kulturmittler aus verschiedenen Ländern zum Einsatz, wo FGM/C praktiziert wird. Sie begleiten beispielsweise beim Arztbesuch und unterstützen bei Behördengängen, übersetzen bei Fachberatungsstellen, engagieren sich für das Empowerment von Betroffenen und arbeiten mit Familien und Communities.
Hier ist der Link zum Flyer des Sozialministeriums.
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