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C-Level-Talk der Akademie für Politik und Zeitgeschichte
Mehr Vertrauen, weniger Hürden: Der Finanzsektor als Motor des Wandels

Autorin/Autor: Antonia Disselkamp

Der Finanzsektor ist das Nervensystem der Wirtschaft – und zentral für Europas Zukunftsfähigkeit. Beim C-Level-Talk der HSS standen deshalb Wettbewerbsfähigkeit, Regulierungsabbau und ein in rechtlicher Hinsicht vollendeter einheitlicher europäischer Binnenmarkt im Mittelpunkt.

Stadt der Banken: Frankfurt am Main.

Stadt der Banken: Frankfurt am Main.

© Noppasinw/Adobe Stock

Wie kann der Finanzsektor unter den Bedingungen von geopolitischen Unsicherheiten, technologischem Wandel und zunehmender Regulierungsdichte als stabiles „Nervensystem“ unserer Wirtschaft fungieren? Diese Frage stand im Mittelpunkt des C-Level-Talks der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung. Wirtschaftliche Dynamik ist untrennbar mit einer leistungsfähigen Finanzdienstleistungsbranche verbunden. Diese stemmt rund 70 Prozent der Unternehmensfinanzierungen in Europa. Die Kapitalmarktunion, die Größenvorteile durch den europäischen Binnenmarkt ermöglichen kann, waren ebenso Thema wie regulatorische Vereinfachungen, die derzeit im Kontext des 28. Regime und des Industrial Accelerator Act (IAA) diskutiert werden.

Politischer Gestaltungsrahmen: Wettbewerbsfähigkeit durch „Entfesselung“ und Proportionalität

Markus Ferber unterstrich zunächst die Resilienz des modernen Bankensystems, das im Vergleich zu der Situation vor 15 Jahren heute über deutlich stabilere Eigenkapital- und Liquiditätspuffer verfügt. Er mahnte jedoch an, den Finanzsektor endlich als unverzichtbaren Partner der wirtschaftlichen Transformation zu begreifen. Für Ferber beginnt echte Industriepolitik bereits bei der Finanzarchitektur: Da die Realwirtschaft auf ein effizientes „Risikotool“ angewiesen ist, um sich sicher zu refinanzieren, müsse der Finanzsektor als fundamentales Gerüst dieser Entwicklung gestärkt werden. 

Ein zentrales Instrument für einen echten Binnenmarkt sieht er im sogenannten28. Regime. Dieses avisierte europäische Rechtssystem würde es Unternehmen ermöglichen, grenzüberschreitend nach einem einheitlichen Standard zu agieren, statt an 27 unterschiedlichen nationalen Rechtssystemen zu scheitern. Ferber verdeutlichte dabei seine strategische Abwägung: Zwar wäre ihm langfristig ein einziges, einheitliches System („One Regime“) für ganz Europa am liebsten, doch dieses 28. Regime sei der entscheidende und pragmatische erste Schritt, „um die nationalen Silos endlich aufzubrechen“.

„Wettbewerbs-Check“ 

Ferber forderte zudem eine Rückbesinnung auf echte Proportionalität in der Regulierung. Jede neue Vorschrift müsse künftig einem harten „Wettbewerbs-Check“ unterzogen werden: Sollte eine Regel den Standort im Vergleich zu den USA oder China schwächen, müsse man den Mut haben, sie wegzulassen. Sein Appell war eindeutig: Wirtschaftliches Wachstum und Leistungsbereitschaft müssen wieder ganz oben auf die Agenda rücken, um unseren Wohlstand und unsere sozialen Standards dauerhaft zu sichern.

„Regulierung darf kein Innovationskiller sein.“

Markus Ferber, HSS-Vorsitzender und MdEP

„Der Finanzsektor ist bereit, seine Rolle als Motor der Transformation einzunehmen, aber er braucht dafür die richtigen Rahmenbedingungen.“ 

Marion Höllinger, CEO der HypoVereinsbank-UniCredit Bank 

Mit dem Blick aus der wirtschaftlichen Praxis schilderte Marion Höllinger den tiefgreifenden Wandel im Finanzsektor. Sie unterstrich, dass Europa strukturell fundamental anders aufgestellt ist als die USA: Während dort rund 50 Prozent der Unternehmensfinanzierung über den Kapitalmarkt laufen, werden in Europa 70 Prozent der Kredite durch Banken gestemmt. Diese „Bankenzentriertheit“ mache den Sektor zum unverzichtbaren Transmissionsriemen für die Realwirtschaft. 

Mehr als 95.500 Seiten in mehr als 1.500 Dokumenten

 

Höllinger betonte die enorme regulatorische Last: Die EU-Finanzregulierung für Banken, Finanzdienstleistungen und Kapitalmärkte umfasst inzwischen mehr als 95.500 Seiten in mehr als 1.500 Dokumenten. Diese kleinteilige Überregulierung, etwa durch die EU-Taxonomie und länderspezifische Aufsichtsregeln, binde wertvolle produktive Ressourcen, die für die eigentliche Transformation fehlen.

Um den Standort zukunftsfest zu machen, sei neben dem Aufbau starker „Europäischer Champions“ eine Beschleunigung der Verwaltungsdigitalisierung in Deutschland erforderlich, damit Finanzierungen für Innovationen nicht an langwierigen Genehmigungsprozessen scheitern. Das Ziel müsse ein Umfeld sein, das Investitionen fördert und die Transformation aktiv begleitet. Trotz der Hürden schloss Höllinger mit einer klaren Botschaft der Zuversicht hinsichtlich des enormen Potenzials Europas und versicherte ihr Vertrauen darauf, dass der Sektor die anstehenden Herausforderungen gemeinsam mit der Politik meistern kann, sofern man mutig agiert und den Fokus auf das Ermöglichen richtet.

„Wir sind der Motor, der den Treibstoff – also das Kapital – dorthin bringt, wo es gebraucht wird.“ 

Marion Höllinger, CEO der HypoVereinsbank-UniCredit Bank 

Prof. Dr. Diane Robers, welche die Diskussion moderierte, ordnete das Thema in den Kontext der aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen ein. Wettbewerbsfähigkeit zeige sich in der Attraktivität einer Region als Unternehmensstandort, in der Stärke ihrer Exportwirtschaft sowie in der Innovationskraft und Produktivität. Entscheidend dafür seien politische Rahmenbedingungen, die auf einem praxisnahen Verständnis beruhen.

Fazit: Vertrauen und „Entfesselung“ als Fundament der Zukunft

Die Veranstaltung machte deutlich, dass Bayern, Deutschland und Europa über das notwendige Kapital und das Know-how verfügen, um den anstehenden Wandel erfolgreich zu meistern. Voraussetzung dafür ist jedoch ein enges Zusammenspiel von Politik, Aufsicht und Wirtschaft: weg von kleinteiliger Überregulierung, hin zu einem Geist des Ermöglichens.

Zum Abschluss plädierten die Teilnehmer für eine echte „Entfesselung“ der wirtschaftlichen Kräfte. Wenn es gelinge, bürokratische Hürden abzubauen, den europäischen Binnenmarkt durch Instrumente wie das 28. Regime konsequent zu vollenden und wieder mehr Mut zur Innovation zu zeigen, könne der Finanzsektor seine Rolle als stabiler Transformationsmotor für Deutschland und Europa ausfüllen. Nur durch diese gemeinsame Kraftanstrengung und den Mut zu Reformen lässt sich der Wohlstand sichern und der Standort Europa dauerhaft zukunftsfest aufstellen.

Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft diskutierten über die Rolle des Finanzsektors als Transformationsmotor:

  • Marion Höllinger, Sprecherin (CEO) der Geschäftsführung der HypoVereinsbank – UniCredit Bank GmbH sowie Head of Germany und Mitglied des Group Executive Committee (GEC) der UniCredit S.p.A. Sie hat mehr als 30 Jahre Expertise im Finanzsektor.
     
  • Prof. Dr. Diane Robers, Moderatorin der Online-Veranstaltung und Leiterin der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung.
     
  • Markus Ferber, Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung und seit mehr als 30 Jahren Mitglied im Europäischen Parlament (MdEP). Als Sprecher der EVP-Fraktion im ECON-Ausschuss (Wirtschaft und Währung) ist er die maßgebliche Stimme für die europäische Finanzmarktarchitektur.

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Werkstudentin: Antonia Disselkamp
Wirtschaft und Finanzen
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