Archivale des Monats
Ministerpräsident Dr. Schäffer spricht heute über den Sender München...
„Heute Donnerstag, den 14. Juni um 19:45 Uhr hält der bayerische Ministerpräsident Dr. Friedrich Schäffer über den Sender München eine Ansprache an die Bevölkerung des Landes Bayern. Der Ministerpräsident wird bei dieser Gelegenheit die Mitglieder der neuen bayerischen Landesregierung bekanntgeben und die Grundzüge seiner Verwaltung darlegen. München sendet auf Welle 405,740 kHz.“ (NL Müller Josef B 44).
So wurde die erste Radioansprache des bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Fritz Schäffer durch einen Aushang angekündigt, dessen Kopie im Nachlass des CSU-Mitbegründers Dr. Josef Müller (gen. Ochsensepp) überliefert ist.
Aushang mit der Ankündigung der ersten Radioansprache des bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Fritz Schäffer 1945
HSS, ACSP, NL Müller Josef : B 44
„Meine Ernennung war eine Anordnung der Besatzungsbehörde...“ - Ministerpräsident Dr. Fritz Schäffer
Unmittelbar nach Kriegsende im Mai 1945 hatte das Regional Detachment der amerikanischen Militärregierung in mehreren Besprechungen mit primär kirchlichen Stellen die Frage nach der Person des künftigen bayerischen Ministerpräsidenten aufgeworfen. Domkapitular Josef Thalhammer überreichte dem Detachment eine Liste möglicher Kandidaten, auf der sich an erster Stelle der Name Fritz Schäffer fand. Der am 12. Mai 1988 in München geborene Jurist hatte bereits viele Jahre Erfahrung in der Politik gesammelt: Von 1920 bis 1933 war er Landtagsabgeordneter der Bayerischen Volkspartei und ab 1929 deren Vorsitzender gewesen. In der Zeit des Nationalsozialismus war er mehrfach in Konzentrationslagern inhaftiert und bemerkte in seinen Lebenserinnerungen:
„Über meine politische Tätigkeit in den Jahren 1933 bis 1945 ist nichts zu berichten, da eine solche gar nicht möglich war.“ (ACSP, NL Schäffer Fritz 1, Lebenserinnerungen, S. 53).
Unmittelbar nach Kriegsende nahm Schäffer seine politische Aktivität allerdings wieder auf und zählte 1945 zu den Mitbegründern der CSU.
Am 28. Mai 1945 wurde Schäffer von der Militärregierung als „Temporary Ministerpresident“ eingesetzt und schreibt darüber in seinen Erinnerungen:
„Meine Ernennung zum ersten bayerischen Ministerpräsidenten im Nachkriegsdeutschland und zum Chef der bayerischen Landesregierung erfolgte ohne meine vorherige Befragung und ohne mein Einverständnis eingeholt zu haben. Meine Ernennung war eine Anordnung der Besatzungsbehörde [ ...] In der ersten Woche meiner Wirksamkeit als Bayerischer Ministerpräsident wandte ich mich über den Rundfunk an die bayerische Bevölkerung. Den Verhältnissen entsprechend geschah dies in einer sehr zwanglosen Form. Die Militärregierung ließ mich wissen, daß ich in wenigen Stunden über den Rundfunk meine Ernennung, die Bildung der ersten Bayerischen Staatsregierung und ihre Aufgaben und Ziele verständlich machen sollte.“ (ACSP, NL Schäffer Fritz 1, Lebenserinnerungen S. 60 u.71).
Besonders betonte Schäffer in seiner Ansprache das christliche Wertefundament seiner Politik, indem er sagte:
„Gott hat uns nicht verlassen, sondern die Regierung des Dritten Reichs hat sich von Gott abgewandt und gegen alle göttlichen Gebote gehandelt. Anerkennung und Befolgung der göttlichen Gebote – auch im Staatsleben – ist der Weg, um wieder zu innerem Frieden und Glück zurückzufinden!“ (ACSP, NL Schäffer Fritz 1, Lebenserinnerungen S. 71).
„Uns wurde mitgeteilt, daß wir die Amtsräume nicht mehr betreten durften...“ - Die Absetzung Schäffers
Zu den drängendsten Problemen des Ministerpräsidenten und seines Kabinetts zählten die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Medikamenten, Kohle und Holz. Der Wiederaufbau der zerstörten Städte stellte eine enorme Herausforderung dar, fehlt es doch oftmals an Personal und den allernötigsten Baustoffen. Bezüglich der Verwaltung drängte die amerikanische Militärregierung auf die Entnazifizierung, wobei Schäffer ein „Desinteresse an einer energischen Säuberung“ vorgeworfen wurde. Schäffer setzte sich für ein differenziertes Vorgehen bei der Entnazifizierung ein. In Denkschriften, die er der Militärregierung übergab, versuchte er darzulegen, dass viele der aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur NSDAP zu entlassenden Beamten keine „gesinnungsmäßigen Nazis“ sondern „Hineingepreßte“ und „Mitläufer“ waren, die ohne Parteieintritt ihre Existenz verloren hätten. Die Amerikaner waren zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht bereit von ihrer Vorstellung einer „totalen Säuberung“ abzurücken, was schließlich dazu führte, dass Schäffer bereits nach wenigen Monaten, am 28. September 1945, von der Militärregierung abgesetzt wurde.
Schäffer sah seine Absetzung vor allem als Ergebnis einer Hetzkampagne von linken politischen Kräften und ehemaligen BVP-Mitgliedern um Josef Müller, die mit der alten Parteitradition der BVP brachen und die Schaffung einer großen christlichen Volkspartei planten. Belege für diese Vermutungen fehlen, allerdings gab es natürlich zahlreiche Kontakte von den politischen Gegnern Schäffers zur amerikanischen Militärregierung.
Auf Schäffer folgte der Sozialdemokrat Wilhelm Hoegner als bayerischer Ministerpräsident.
Schäffers politische Karriere war damit jedoch nicht vorbei. Von 1949 bis 1961 war er Abgeordneter im Deutschen Bundestag, bekleidete von 1949 bis 1957 das Amt des Bundesministers der Finanzen und fungierte von 1957 bis 1961 als Bundesminister der Justiz.
Er starb am 29. März 1967 in Berchtesgaden.
Das Archiv für Christlich-Soziale Politik verwahrt einen Teilnachlass von Dr. Fritz Schäffer (Mai bis September 1945) der neben Korrespondenz auch persönliche Unterlagen wie Tagebucheinträge, einen politischen Lebenslauf und Lebenserinnerungen an die Jahre 1918 bis 1947 enthält. Der größere Teil des Nachlasses ist im Bundesarchiv überliefert.
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