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50 Jahre Auslandsarbeit der HSS
Zwischen nationalen Interessen, christlicher Verantwortung und neuen globalen Partnerschaften

Autorin/Autor: Dr. Susanne Luther

Wie kann moderne Entwicklungszusammenarbeit deutsche Interessen stärken und zugleich christlich-sozialen Werten treu bleiben? Zum 50-jährigen Jubiläum des Instituts für Internationale Zusammenarbeit (IIZ) der Hanns-Seidel-Stiftung beleuchtet Dr. Susanne Luther, Leiterin des IIZ, die Herausforderungen einer zunehmend von geopolitischen Interessen geprägten Welt. Sie zeigt auf, warum Partnerschaften auf Augenhöhe, Eigenverantwortung und ein klarer Wertekompass heute wichtiger denn je sind.

Die Mitarbeitenden des Instituts für Internationale Zusammenarbeit mit den entsandten Kolleginnen und Kollegen auf Kloster Banz im Juli 2026

Die Mitarbeitenden des Instituts für Internationale Zusammenarbeit mit den entsandten Kolleginnen und Kollegen auf Kloster Banz im Juli 2026

Bild: HSS

In 50 Jahren Internationaler Zusammenarbeit hat die Hanns Seidel Stiftung viel erreicht – weltweit. Und das nicht nur im Ausland, sondern auch bei uns zuhause. Die Bilanz kann sich sehen lassen. Die Marke „Hanns Seidel Stiftung“ steht heute in gut 50 Partnerländern für Zusammenarbeit auf Augenhöhe und auf der Höhe der Zeit.

Dabei sind die Zeiten für Demokratieförderer um einiges rauer geworden. Denn nicht überall, wo wir in Afrika, Asien, Lateinamerika oder dem Nahen Osten tätig sind, wird uns der „rote Teppich“ ausgerollt. Die schwierige Haushaltslage und, damit verbunden, eine an Schärfe zugenommene Relevanzdiskussion tun ihr Übriges.

Moderne Entwicklungszusammenarbeit, oder, nach unserem Verständnis als politische Stiftung treffender formuliert, Internationale Zusammenarbeit, muss heute deutsche Interessen klarer verfolgen, ohne deshalb ihre christlich-soziale Wertebasis aufzugeben. Denn gerade eine langfristig angelegte, werteorientierte Zusammenarbeit kann deutschen Interessen dienen – vorausgesetzt, sie respektiert die Eigeninteressen und die Selbstständigkeit der Partnerländer.

Diese stärkere Fokussierung soll aber keinesfalls bedeuten, dass Entwicklungszusammenarbeit früher ausschließlich altruistischen Motiven gedient hat. Bereits für unsere Pioniere und frühere Generationen im IIZ war Entwicklungszusammenarbeit während des Kalten Krieges ein Instrument der Außenpolitik. Verändert hat sich heute die Offenheit, mit der deutsche Interessen formuliert werden. Und auch der geopolitische Wettbewerb sowie das selbstbewusstere Auftreten vieler Partnerländer haben die Art und Weise, wie wir Entwicklungszusammenarbeit gestalten müssen, neu definiert.

Entwicklungszusammenarbeit in einer veränderten Welt

Geopolitische Rivalitäten, Kriege, Migrationsbewegungen, Klimawandel und wirtschaftliche Unsicherheiten haben die Rahmenbedingungen von Entwicklungszusammenarbeit tiefgreifend verändert. Gleichzeitig sind die öffentlichen Haushalte enorm unter Druck geraten. Nicht nur in Deutschland, sondern in allen westlichen Geberländern ist die Bereitschaft, umfangreiche Finanzmittel bereitzustellen, gesunken. Nach OECD-Angaben sank die öffentliche Entwicklungsfinanzierung der DAC-Geberländer 2025 um 23,3 Prozent; für 2026 wurde im Juni ein weiterer Rückgang um 6,9 Prozent prognostiziert.

Damit wächst die Erwartung, dass Entwicklungszusammenarbeit messbare Ergebnisse erzielt und erkennbar zur Wahrung nationaler Interessen beiträgt – auch in Deutschland: Der Reformplan des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) vom Februar 2026 fordert eine strategischere, fokussiertere und partnerschaftlichere Entwicklungspolitik. 

Für die HSS als Akteurin der Entwicklungszusammenarbeit stellt sich damit eine Grundsatzfrage: Wie können wir diesem berechtigten, zunehmenden Pragmatismus mit unserem christlich-sozialen Anspruch, den Menschen unabhängig von Herkunft, Religion oder wirtschaftlicher Bedeutung zu unterstützen, gerecht werden?

Von “Entwicklungshilfe” zu "Strategischer Partnerschaft"

In den vergangenen 50 Jahren haben sich die Ziele der Geber ebenso wie die Interessen der Partnerländer enorm verändert (siehe Tabelle). Der längst überholte, mittlerweile historische Begriff „Entwicklungshilfe“ bezeichnete die asymmetrische Beziehung zwischen Geber und Empfänger. Der Begriff der „Entwicklungszusammenarbeit“, der gemeinsame Verantwortung und politische Eigenständigkeit betont, im Sinne einer „Zusammenarbeit auf Augenhöhe“, hat ein Umdenken eingeleitet. 

ZeitraumCharakter der ZusammenarbeitInteressen vieler Partnerländer
1960er–1970erDekolonisierung, Infrastruktur, technische Hilfe und SystemkonkurrenzStaatliche Souveränität, Nationenbildung, Industrialisierung, wirtschaftliche Unabhängigkeit
1980erSchuldenkrisen, Strukturanpassung, MarktliberalisierungFinanzielle Stabilisierung, Kreditzugang, Sicherung staatlicher Handlungsfähigkeit
1990erGute Regierungsführung, Demokratie, RechtsstaatlichkeitWirtschaftliche Öffnung, Investitionen, institutioneller Wiederaufbau
2000erMillennium-Entwicklungsziele, Armutsbekämpfung, SchuldenerlasseBildung, Gesundheit, Infrastruktur, stärkere Mitsprache bei Entwicklungsprogrammen
2010erNachhaltigkeitsziele, Klima, wirtschaftliche PartnerschaftenWertschöpfung, Beschäftigung, regionale Integration, Technologietransfer
2020erGeopolitischer Wettbewerb, strategische Rohstoffe, Energie und MigrationPartnerschaften auf Augenhöhe, souveräne Entscheidungen, Investitionen statt dauerhafter Abhängigkeit

Allerdings waren die Interessen der Partnerländer bereits von Anbeginn nicht homogen: Gerade postkoloniale Staaten verlangten schon sehr früh wirtschaftliche Selbstbestimmung und eine gerechtere internationale Wirtschaftsordnung. Heute bieten Akteure wie China, die Golfstaaten, Indien, Russland oder die Türkei zu unkomplizierteren Bedingungen vermeintlich attraktivere außenpolitische und wirtschaftliche Optionen. Dies hat zur Folge, dass Deutschland nicht mehr automatisch bevorzugter Partner ist, sondern durch Angebote, Verlässlichkeit und glaubwürdige Zusammenarbeit überzeugen muss.

Dr. Susanne Luther

Dr. Susanne Luther leitet derzeit das Institut für Internationale Zusammenarbeit der Hanns-Seidel-Stiftung.

Bild: HSS

Was Partnerländer heute wollen: Mehr Selbstbestimmung, weniger Abhängigkeit

Viele Staaten wollen sich nicht länger auf die Rolle von reinen Rohstoffexporteuren beschränken, sondern Bodenschätze selbst verarbeiten, indem sie eigene industrielle Kapazitäten aufbauen und hochwertige Arbeitsplätze schaffen. Hierfür brauchen sie ausländische Investitionen und Marktzugang im Ausland, also Kapital, Handelsmöglichkeiten, Infrastruktur und den Zugang zu europäischen Märkten. Ebenso an Bedeutung gewinnen Technologie und Wissen in Form von Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz, beruflicher Bildung und eigenständigen Forschungs­kapazitäten. Die Folgen des Klimawandels treffen Partnerländer weitaus extremer. Gerade deshalb benötigen sie zuverlässige und bezahlbare Energie und Unterstützung bei der Anpassung an Klimafolgen. 

All das erfordert finanzielle Souveränität, denn Verschuldung und in der Folge hohe Zinsen und wirtschaftliche Abhängigkeiten schränken die politischen Handlungsmöglichkeiten ein. Laut UNCTAD erreichte die Auslandsverschuldung der Entwicklungsländer 2025 rund 12,3 Billionen US-Dollar. Daraus wird klar: Allein mit zeitlich begrenzten Hilfsprogrammen ist diesen Notwendigkeiten schon lange nicht mehr beizukommen.

Dr. Rainer Gepperth

Dr. Rainer Gepperth leitete das IIZ, vormals Institut für Internationale Begegnung und Zusammenarbeit, von 1976 bis 08/2008.

Bild: HSS

Deutsche Interessen: Entwicklungszusammenarbeit ist keine interessenfreie Politik

Eine Positionsbestimmung unserer aktuellen Internationalen Zusammenarbeit muss aber, wenn sie realistisch und glaubwürdig erfolgen soll, nicht nur auf die Partnerländer, sondern auch auf die legitime nationale Interessenlage fokussieren. Deutschland trägt an erster Stelle Verantwortung für Sicherheit, Wohlstand und Stabilität seiner eigenen Bevölkerung, in Zeiten schwieriger Haushaltslagen umso mehr. Doch darf es hier nicht um ein „entweder – oder“, sondern um die Suche nach gemeinsamen Vorteilen gehen:

Entwicklungszusammenarbeit kann, wenn richtig gesteuert, zur außenpolitischen Handlungsfähigkeit Deutschlands beitragen. Sie hilft, internationale Partnerschaften zu pflegen und einseitige Abhängigkeiten zu reduzieren. Wirtschaftliche Zusammenarbeit erschließt neue Absatzmärkte, diversifiziert Lieferketten und sichert den Zugang zu strategisch wichtigen Rohstoffen. Gute Regierungsführung und Rechtsstaatlichkeit stärken die Voraussetzungen für politische Stabilität und damit ein Klima für langfristige ausländische Investitionen.

Christian Hegmer

Christian Hegmer, Leiter des IIZ von 09/2008 bis 11/2013

Bild: HSS

Das Argument der Bekämpfung von Fluchtursachen ist nicht neu, erfuhr aber spätestens seit dem Jahr 2015 in Deutschland breitere Aufmerksamkeit. Investitionen in Bildung, Beschäftigung und funktionsfähige Institutionen in Herkunftsländern können langfristig Perspektiven vor Ort verbessern und Ursachen unfreiwilliger Migration mindern. Und auch die Zusammenarbeit bei Klimaschutz, Pandemievorsorge und Ernährungssicherheit dient dem deutschen und dem globalen Interesse.

Bei alldem sollten wir aber realistisch und ehrlich bleiben. Entwicklungspolitik ist kein Ersatz für Sicherheits-, Handels- oder Migrationspolitik. Aber sie ist und bleibt eine wichtige Säule und darf deshalb nicht in eine Nische verdrängt werden. Ebenso muss es aber in der Entwicklungszusammenarbeit auch künftig Raum für Hilfsprojekte geben dürfen, wo dies in besonders armen, geopolitisch wenig bedeutenden Region moralisch dringend geboten ist, auch dann, wenn dies Deutschland keinen unmittelbar messbaren Vorteil verschafft. Dass Deutschland sich dazu bekennt, mit seiner Entwicklungszusammenarbeit eigene Interessen zu verfolgen, ist richtig und war überfällig. Problematisch wird es, wenn diese Interessen zum alleinigen Maßstab des Handelns werden und die Bedürfnisse der Menschen in den Partnerländern in den Hintergrund treten oder gar keine Beachtung mehr finden.

Podiumsdiskussion mit Dr. Susanne Luther, Staatsminister Florian Hahn, MdB, und Thomas Erndl, MdB (v.li.)

Podiumsdiskussion mit Dr. Susanne Luther, Staatsminister Florian Hahn, MdB, und Thomas Erndl, MdB (v.li.)

Bild: HSS

Christlich-soziale Werte als Orientierung und Grenze der Interessenpolitik

Die Grundprinzipien Christlicher Sozialethik, die uns Orientierung für unsere Arbeit im In- und Ausland sind, haben einen unmittelbaren Bezug zu unserer „Modernen Entwicklungszusammenarbeit“. Für diese gilt:

Jeder Mensch besitzt einen unveräußerlichen Wert. Entwicklungszusammenarbeit darf Menschen deshalb nicht auf ihre wirtschaftliche Nützlichkeit, ihre Rolle als Arbeitskräfte oder ihre migrationspolitische Bedeutung reduzieren (Menschenwürde).

Wohlhabende Gesellschaften tragen Mitverantwortung für Menschen in existenzieller Not. Diese Verpflichtung besteht auch dann, wenn keine unmittelbare Gegenleistung zu erwarten ist (Solidarität).

Hilfe oder Unterstützung soll Menschen, Gemeinden und Institutionen befähigen, ihre Angelegenheiten eigenständig zu gestalten. Lokale Verantwortung hat Vorrang vor dauerhafter Fremdsteuerung (Subsidiarität und Eigenverantwortung).

Wirtschaftlicher Fortschritt darf nicht nur staatliche Eliten und internationale Investoren begünstigen. Entscheidend sind Chancen, Teilhabe und konkrete Verbesserungen der Lebensbedingungen (Gemeinwohl und soziale Gerechtigkeit).

Entwicklung und Fortschritt dürfen nicht auf Kosten künftiger Generationen erfolgen. Ökologische Verantwortung muss dabei mit Armutsbekämpfung und wirtschaftlichem Fortschritt verbunden bleiben (Bewahrung der Schöpfung und Generationengerechtigkeit).

„Im Dienst von Demokratie, Frieden und Entwicklung“ – mit diesem Motto überschreibt die Hanns-Seidel-Stiftung ihre Arbeit und ihren Auftrag. Dies gilt sowohl für ihr Engagement im Inland – hier insbesondere natürlich im Freistaat Bayern – wie auch im Ausland. Unser Selbstverständnis setzt auf Eigenverantwortung, Solidarität und freiheitliche Ordnung und setzt damit genau am oben skizzierten Wertekanon an, der unsere Internationale Zusammenarbeit insbesondere auf den Feldern politische Bildung, gute Regierungsführung, Rechtsstaatlichkeit, Nachhaltigkeit und Dezentralisierung prägt.

Als politische Stiftung leisten wir weitaus mehr als nur reine und unmittelbare Projektfinanzierung: Wir knüpfen Netzwerke mit Gleichgesinnten und pflegen diese. Wir analysieren Politik, Wirtschaft und Gesellschaft unserer Partnerländer und dienen als eine Art „Frühwarnsystem“ für unsere politischen Stakeholder in Bayern und Deutschland.  

Wir arbeiten weltweit „näher am Menschen“ und unterstützen unsere Partner vor Ort auf ihrem oft beschwerlichen Weg zu demokratischen Reformen. Und wir stärken eine couragierte Zivilgesellschaft ebenso wie fortschrittliche Kräfte aus Politik, Gesellschaft und Wissenschaft. Denn die großen Herausforderungen dieser Zeit können wir nur gemeinsam bewältigen.

 

Der eigentliche Zielkonflikt: Was geschieht, wenn Interessen und Werte auseinanderfallen?

Leider leben wir nicht in einer idealen Welt, in der Interessen und Werte immer in Wohlklang und Harmonie stehen. Spannungen entstehen beispielsweise dann, wenn Rohstoffsicherung und Menschenrechte in Widerstreit geraten: Wie soll Deutschland, etwa in Zeiten knapper Energieträger, mit einem rohstoffreichen Staat kooperieren, dessen Regierung demokratische Freiheiten massiv einschränkt? Oder wenn Entwicklungsgelder zur Verhandlungsmasse für Migrationssteuerung werden: In welchem Maß dürfen Entwicklungsgelder von der Bereitschaft eines Partnerstaates zur Rücknahme abgelehnter Asylbewerber abhängig gemacht werden?

Ob eine Infrastrukturmaßnahme der regionalen oder lokalen Wirtschaft nutzt oder doch vor allem den investierenden ausländischen Unternehmen, ist ebenso schwierig zu beantworten wie die Frage, was wichtiger ist: eine Konzentration der Mittel auf ausgewählte sogenannte „Best-Performer“ oder eine universelle Solidarität, bei der die ärmsten Staaten nicht deshalb das Nachsehen haben, weil sie strategisch weniger relevant erscheinen.

Und auch die „Mutter aller Fragen“ – Geopolitische Stabilität versus Demokratie – bleibt herausfordernd: Soll Deutschland mit autoritären Regierungen zusammenarbeiten, wenn andernfalls rivalisierende Mächte an Einfluss gewinnen?

Die internationale Zusammenarbeit der HSS setzt sich kontinuierlich mit diesen Fragen auseinander. Einen einfachen Ausweg aus den geschilderten Dilemmata gibt es nicht, wohl aber ein kontinuierliches eigenes Hinterfragen, orientiert an christlich-sozialen Leitlinien. Diese legen nahe, Interessen durchaus deutlicher und klarer als in der Vergangenheit zu benennen, dabei aber die Achtung der Menschenrechte und die Menschenwürde nicht zur beliebigen Verhandlungsmasse werden zu lassen. Ebenso gilt es, die Internationale Zusammenarbeit weiter zu differenzieren: Ein konstruktiv-kritischer Dialog mit Regierungen kann notwendig sein, jedoch darf dies keinen Raum für Fehlinterpretationen geben. Ein kritischer Dialog bedeutet keine automatische Legitimation des jeweiligen Regierungshandelns.

In Zeiten knapper Haushalte und damit notwendiger Rechtfertigung müssen wir unsere Kooperationen stets daran messen, ob sie langfristig eigenständige Entwicklung ermöglicht. Der traditionelle Slogan der „Hilfe zur Selbsthilfe“, der unsere Internationale Zusammenarbeit seit 50 Jahren prägt, ist damit aktueller denn je. Besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen verdienen aber, unabhängig von aller aktuellen geopolitischen und wirtschaftlichen Zweckmäßigkeit, weiterhin unsere Solidarität. Eine glaubwürdige christlich-soziale Außenpolitik muss alle diese Zielkonflikte diskutieren, Widersprüche aushalten und transparent abwägen können.

v.li.: Dr. Susanne Luther, Florian Hahn, MdB und Staatsminister im Auswärtigen Amt, Thomas Erndl, MDB, Dr. Stefan Mair, Direktor Stiftung Wissenschaft und Politik

v.li.: Dr. Susanne Luther, Florian Hahn, MdB und Staatsminister im Auswärtigen Amt, Thomas Erndl, MdB, Dr. Stefan Mair, Direktor Stiftung Wissenschaft und Politik

Bild: HSS

Was moderne Entwicklungszusammenarbeit künftig leisten sollte

Als Ergebnis eines solchen Abwägungsprozesses könnten folgende Ziele für künftiges Handeln stehen. Vieles davon ist nicht wirklich revolutionär neu, sondern baut auf den Erfahrungen der vergangenen 50 Jahre auf. Somit schreiben wir die Grundsatzarbeit der vorherigen Generationen in neuen Rahmenbedingungen fort:

 

  • Arbeit auf Augenhöhe: Entwicklungsziele werden partnerschaftlich mit lokalen Akteuren definiert.

  • Wirtschaft und Soziales zusammendenken, indem Soziale Marktwirtschaft, berufliche Bildung, kleine und mittlere Unternehmen sowie verantwortliche private Investitionen gefördert werden.
  • Subsidiarität praktisch umsetzen, indem Kommunalverwaltungen, lokale Parlamente, unabhängige Medien und zivilgesellschaftliche Organisationen gestärkt werden.
  • Werteorientierung glaubwürdig leben, indem Rechtsstaatlichkeit und Good Governance auch in Kontexten gefördert werden, wo dies kurzfristigen außenpolitischen Interessen entgegensteht.

  • Mut zur Differenzierung: Ärmste Staaten werden auch künftig Zuschüsse und grundlegende öffentliche Dienstleistungen benötigen, während wirtschaftlich stärkere Länder zunehmend auf Kredite, Investitionen und Technologiepartnerschaften setzen können.

  • Wirkung statt nur Mittelabfluss: Unsere Ergebnisse werden weiterhin selbstkritisch und gründlich unter Einbeziehung unsere lokalen Partner evaluiert, um die richtigen inhaltlich-strategischen Akzente einer künftigen Ausrichtung zu setzen.

  • Langfristigkeit bewahren: Netzwerke mit Partnern, gegenseitiges Vertrauen und demokratische Kultur entstehen nicht innerhalb einer Haushaltsperiode.

 

Fazit: Interessen und Werte müssen keine Gegensätze sein

In einer multipolaren Welt muss Entwicklungszusammenarbeit notwendigerweise politischer und strategischer werden. Die sinkenden Budgets, sowohl im Bundeshaushalt als auch bei Drittmittelgebern, verlangen Priorisierungen, Verschlankungen, Transparenz und Wirksamkeitsnachweise eines verantwortungsvollen Umgangs mit Steuergeldern. Diese Prozesse gilt es ernst zu nehmen und die Chancen eines kritischen Hinterfragens von Wirkungen proaktiv zu nutzen.

Unsere bürgerlich-konservative Perspektive wird hierbei weiterhin realpolitische Interessen anerkennen, ohne deswegen den Anspruch christlicher Solidarität preiszugeben. Denn Subsidiarität, Eigenverantwortung und partnerschaftliche Zusammenarbeit bieten in Zukunft, vielleicht mehr denn je, einen möglichen wertegeleiteten Mittelweg zwischen der ehemaligen paternalistischen Entwicklungshilfe und einer reinen Interessenpolitik.

Unsere moderne Entwicklungszusammenarbeit oder Internationale Zusammenarbeit braucht deshalb jetzt und in Zukunft beides: den realistischen Blick auf Deutschlands Interessen und einen festen Wertekompass. Christliche Verantwortung bedeutet nicht, eigene Interessen zu verleugnen, sondern sie so zu verfolgen, dass auch andere eine Zukunft in Freiheit, Würde und Selbstbestimmung gestalten können.

Damit bleibt der Maßstab für unsere erfolgreiche Zusammenarbeit letztlich jener, den frühere Generationen entwickelt und fortgeschrieben haben: ob Menschen und Gesellschaften befähigt werden, ihre Zukunft selbstbestimmt zu gestalten. Wenn dies unter den neuen, herausfordernden Bedingungen gelingt, dann bleiben wir auf dem richtigen Weg!

Kontakt

: Dr. Susanne Luther
Director
Institute for International Cooperation
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