Pflegenotstand: 120.000 Stellen fehlen
Roboter als (Er-)Lösung?
Am Anfang der Pandemie standen noch die Menschen auf ihren Balkonen und klatschen für die Ärzte und Pflegeleistenden laut hörbar Applaus. Das Personal des Dachauer Klinikums freute sich über all die Brotzeiten, über Torten mit der Aufschrift „Danke“, über die 700 Pizzen für alle Beschäftigten und über die Süßigkeiten, die an den Pforten des Krankenhauses abgegeben wurden. Lieb gemeint ist diese verzehrbare Wertschätzung zweifellos – auf dem Scheitelpunkt der zweiten Welle stehen aktuell aber wieder massenhafte Überstunden an. Die Arbeitsbedingungen haben sich nicht gebessert: Die immer drohende Gefahr sich selbst mit Covid-19 anzustecken belastet nicht nur das individuelle Gemüt, sondern das ganze Gesundheitssystem, ist doch die Personaldecke genauso dünn in der Krankenpflege wie in der Altenpflege.
Schon vor der Pandemie war die körperliche und psychische Belastung im Pflegebereich extrem hoch.
©HSS; Barma
Die Wertschätzung scheint heute erstmal aufgebraucht. Die 700 Pizzen sind in Dachau längstens gegessen und der (ohnehin nur in Bayern und Schleswig-Holstein gezahlte) Bonus für Pflegekräfte in Höhe von 500€ steuerfrei ist schon fast wieder vergessen. Der Pflegenotstand lässt sich damit nicht strukturell beheben, drohte doch bereits vor der Pandemie stets die Überlastung des Systems. Die Corona-Pandemie hat eines gezeigt: Klatschen allein genügt nicht! Unser gesamtes Gesundheitssystem hängt von der Pflege ab. Wir brauchen starke Pflegerinnen und Pfleger und die brauchen nicht nur akustische gesellschaftliche Anerkennung, sondern auch eine ordentliche Bezahlung. Wir müssen heute mehr Geld in die Hand nehmen für die, von denen wir in Alter und Bedürftigkeit einmal an der Hand genommen werden wollen. Das gilt nicht nur für die sogenannte professionelle Pflege – das gilt vor allem auch für pflegende Angehörige.
Doch nicht nur Geld, sondern auch Technik soll die Antwort auf die „Schicksalsfrage unserer Generation sein“, wie der Staatssekretär im Bayerischen Gesundheitsministerium, Klaus Holetschek, MdL, die Pflege nennt. Der aktuell herausfordernde Alltag der Pflegerinnen und Pfleger darf aber nicht dauerhaft ethische Fragen aus dem Diskurs verdrängen: Sind vernetzte Systeme, digitalisierte Sensorik und Robotik ein Segen für Pflegebedürftige, Alte und Kranke? Können Sie helfen, menschliche „Defizite“ auszugleichen?
Die Hanns-Seidel-Stiftung hat diese Thema mit ihrer „Pflegeplattform Bayern“ den vergangen zwei Jahren intensiv diskutiert. Mit Perspektiven aus der Technologieentwicklung, der Pflegepraxis, der Wissenschaft, der Technikphilosophie, der Ethik und nicht zuletzt der Theologie haben wir versucht zu klären, ob der Blick auf Kosteneffizienz kompatibel ist mit einem Berufsbild das auf menschliche Nähe, Mitgefühl und hohe Sozialkompetenz gründet. Die Hanns-Seidel-Stiftung hat hierzu in diesem Jahr einen Sammelband im Bonifatius-Verlag herausgegeben mit dem Titel „Roboter als Erlösung? Orientierung der Pflege von morgen am christlichen Menschenbild“.
Die Hoffnungen dieses Expertengremiums, die sich mit den technologischen Entwicklungen verbinden, stehen gegenüber folgender Befürchtungen:
Die „HSS-Pflegeplattform Bayern“ hat die messianischen Heilsversprechen der Tech-Konzerne geprüft, den Ist-Stand wissenschaftlich aufgearbeitet und die technologische Entwicklung und deren Einsatz im Pflegealltag analysiert. Am wichtigsten dabei: Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen. Daraus ergeben sich konkrete Forderungen an die politisch Verantwortlichen, aber auch an die Technologieentwickler, an die (Pflege-)Wissenschaft und nicht zuletzt an die Gesellschaft.
Die Digitalisierung und alle technischen Entwicklungen, die damit einhergehen, dürfen nicht vor den OPs und vor den Pflege- und Altenheimen haltmachen. Deshalb fordern wir „[…] eine innovative UND menschliche Pflege!“
Forderungen
• Durch Robotik größere Autonomie in Bewegung und häuslichem Leben schaffen
• Selbstbestimmtheit bei individueller Differenzierung ermöglichen
• Einsatzmöglichkeiten und Bedarf erforschen und Ziele definieren
• Differenzierte öffentliche Diskurse befördern, um allen das Spannungsfeld
„Pflege-Sorge-Effizienz“ zu eröffnen
• Erforschen, wie Anwender und Pflegebedürftige die Technik erleben
• Technische Möglichkeiten systematisch entwickeln, Kosten-Nutzen-Analyse
• Sicherheit gewährleisten, Haftungs-, Kosten- und Datenschutzfragen beantworten
• Sicherheits-Auditing und Transparenz von Algorithmen herstellen
• Politischer Wille: Digitalisierung in der Pflege mit allen Akteuren diskutieren
Aktuell produziert die HSS mit dem Bund Katholischer Unternehmer und der Domberg-Akademie mit Unterstützung durch das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum einen Dokumentarfilm zu diesem Thema. Hieraus bereits ein Ausschnitt mit Staatssekretär Klaus Holetschek, MdL.
Am Buch haben mitgewirkt
Reinhard Kardinal Marx
Erzbischof von München und Freising
Melanie Huml, MdL
Bayerische Staatsministerin für Gesundheit und Pflege
Georg Falterbaum
Diözesan-Caritasdirektor, Erzdiözese München und Freising
Dr. Stephan Mokry
Referent für Theologische Erwachsenenbildung an der Domberg Akademie des Erzbistums München und Freising
Dr. des. Maximilian Th. L. Rückert, M.A.
Referatsleiter für Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Politik, Medien der Akademie für Politik und Zeitgeschehen, HSS
Dr. Susanne Schmid
Referentin für Gesellschaftliche Entwicklung, Migration, Integration der Akademie für Politik und Zeitgeschehen, HSS
Brigitte Bührlen
Vorsitzende von WIR! Stiftung pflegender Angehöriger, München
Prof. Dr.-Ing. Alin Albu-Schäffer
Institutsdirektor DLR-Institut fi.ir Robotik und Mechatronik, Lehrstuhlinhaber des Lehrstuhls für Sensorbasierte Robotersysteme und Intelligente Assistenzsysteme der Fakultät für Informatik der Technischen Universität München
Dr.-Ing. Alexander Dietrich
DLR, Projektleiter Pflegeassistenzrobotikprojekt SMiLE
Lioba Suchenwirth
DLR, Institutsbeauftragte für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Jörn Vogel
DLR, Projektleiter Pflegeassistenzrobotikprojekt SMiLE
Prof. Dr. Stefan Bauberger SJ
Professor für Naturphilosophie, Grenzfragen der Naturwissenschaften und Wissenschaftstheorie, Leiter des Instituts für naturwissenschaftliche Grenzfragen zur Philosophie und Theologie (ING), München
Prof. Dr. Arne Manzeschke
Professor für Anthropologie und Ethik für Gesundheitsberufe an der Evangelischen Hochschule Nürnberg
Prof. Sami Haddadin
Direktor der Munich School ofRobotics and Machine Intelligence an der Technischen Universität München und Inhaber des Lehrstuhls für Robotik und Systemintelligenz
Dennis Knobbe
Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Lehrstuhl für Robotik und Systemintelligenz, TUM
Anton Reindl
Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Forschungszentrum Geriatronik, Garmisch-Partenkirchen
Dr. Stephan Thiel
Wissenschaftlicher Koordinator im Forschungszentrum Geriatronik in Garmisch-Partenkirchen der Munich School of Robotics an Machine Intelligence
Dr. phil. habil. Tobias Müller
Dozent für Natur- und Religionsphilosophie an der Hochschule für Philosophie München
Prof. Dr. André Habisch
Wirtschaftswissenschaftliche und Theologische Fakultät, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Wiss. Berater des Bundes Katholischer Unternehmer
Bernhard Seidenath, MdL
seit Oktober 2008 Mitglied des Bayerischen Landtags als Stimmkreisabgeordneter für den Stimmkreis Dachau, Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheit und Pflege im Bayerischen Landtag und Landesvorsitzender des Gesundheits- und Pflegepolitischen Arbeitskreises (GPA) der CSU
Prof. Dr. Constanze Giese
Professorin für Ethik und Anthropologie in der Pflege an der Katholischen Stiftungshochschule München
Georg Sigl-Lehner
Präsident der Vereinigung der Pflegenden in Bayern KöR, Geschäftsbereichsleiter Senioreneinrichtungen, Jacob Friedrich Bussereau Stiftung, Alten- und Pflegeheim St. Klara, Altötting
Silvia Erhard und Tina Knoch
Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Kompetenzzentrum „Zukunft Alter", Katholische Stiftungshochschule München
Dr. Christoph Ellßel LL. M.
Geschäftsführender Koordinator Kompetenzzentrum „Zukunft Alter" an der Katholischen Stiftungshochschule München
PD Dr. Karl Friedrich Braun
Oberarzt in der Unfallchirurgie, Charité Berlin
PD Dr. Dominik Pförringer
Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, München
Dr. Dr. Ferdinand Vogt
Oberarzt der Herzchirurgie, Klinikum Nürnberg
Thomas Kammerer
Pfarrer, Leiter der Seelsorge (rk), Klinikum rechts der Isar der TU München
Prof. Dr. Jürgen Zerth
Wilhelm Löhe Hochschule für angewandte Wissenschaften in Fürth
Alexander Huhn
Projektleiter LongLeif-Projekte und Caritas&Senioren-Assistenzsysteme, Caritasverband München
PD Dr. Patrick Becker
Professurvertreter für Systematische Theologie an der
RWTH Aachen University
Gesamtkoordination und Herausgeber:
Dr. Maximilian Rückert und Dr. Stefan Mokry
Dr. Maximilian Rückert