Interview mit Generalleutnant Andreas Marlow
Sicherheit ist nicht umsonst
Ukrainische Soldaten mit Maschinengewehr, Sturmgewehren und Panzerfaust in ihrer Sturmausgangsstellung bei der Ausbildung „Kampf in schwierigem Gelände“.
Lea Bacherle; ©HSS; Bundeswehr
HSS: Zu Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine hat Bundeskanzler Olaf Scholz eine „Zeitenwende“ versprochen, die mit einem 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen auch die Bundeswehr unterstützen sollte. Was hat sich seit 2022 in Ihrem Bereich getan?
Generalleutnant Andreas Marlow: Auslöser für die Zeitenwende war die völkerrechtswidrige Aggression Russlands gegen die Ukraine. Deutschland hat seit 2022 Unterstützung für die Ukraine beispielsweise mit der Panzerhaubitze 2000 und Ausbildung für ukrainische Truppen geliefert. Mit unserem Beitrag zu EUMAM UA – der Mission European Military Assistance Mission in Support of Ukraine – beweisen wir als Bundeswehr in einer Ausbildungsinitiative unsere Fähigkeit zur engen koordinierten Kooperation mit Verbündeten. Ohne qualifiziertes Personal ist die beste Ausrüstung wertlos. Deshalb geben wir Knowhow und Wissen an die ukrainischen Verteidiger weiter. Die Ukraine hat um diese Hilfe gebeten. Im Rahmen dieser EU-Mission führen wir auf deutschem Boden zusammen mit Ausbildungsteams aus 14 Nationen Ausbildung in den verschiedensten Handlungsfeldern durch. Wieder einmal zeigt sich: Je deutlicher und greifbarer die Bedrohung, desto enger und solidarischer agieren die verbündeten Staaten in EU und NATO.
Training durch die Bundeswehr: Ein ukrainischer Scharfschütze visiert eine Zielscheibe in 400 Metern Entfernung an. Ein kleines Kissen am Lauf stabilisiert das Spezialgewehr.
Victoria Gramatke; ©HSS; Bundeswehr
Trotz manchen strukturellen und materiellen Defiziten aus mehr als drei Jahrzehnten „Downsizing“ beweisen wir gemeinsam mit unseren Verbündeten mit der Solidarität und Unterstützung für die Ukraine die Verteidigungsbereitschaft und den Verteidigungswillen unserer Wertegemeinschaft. Auch die eFP-Battle Group (Anm. d. Red.: enhanced Forward Presence – verstärkte Vorneverteidigung) unter Führung der Bundeswehr sowie die in der Aufstellung befindliche Kampfbrigade in Litauen stehen für diese Solidarität. Die „Zeitenwende“ markiert den Wendepunkt, unsere Verteidigungsbereitschaft auch mit moderner Ausrüstung zu unterfüttern. Für die persönliche Ausstattung unserer Soldatinnen und Soldaten sind 2,4 Milliarden Euro investiert worden. Diese Ausrüstung läuft derzeit der Truppe zu. Neue Verträge mit der Industrie verbessern unsere Versorgung mit Munition. Neue Panzer und Geschütze sind ebenso bestellt, wie wir im Heer auf neue Fähigkeiten schauen, die wir nun rasch aufbauen müssen. Ich habe großes Vertrauen, dass sich die Investitionen in unsere Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit auch für die Zukunft verstetigen werden. Meines Erachtens gibt es ein breites öffentliches Bewusstsein, dass Sicherheit nicht umsonst zu haben ist. Verteidigungsbereitschaft geht alle Bürgerinnen und Bürgern an.
In meinem Zuständigkeitsbereich werten wir die Erkenntnisse aus dem Krieg in der Ukraine aus und setzen diese in der Ausbildung um. Zudem überlegen wir, wie wir Ausbildung im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung organisieren müssen. Im Rahmen der Weiterentwicklung des Heeres werden wir innovative Konzepte und Technik in unsere Strukturen integrieren.
Ausbildung ukrainischer Soldaten an einer Richtmine. Fährt ein Fahrzeug an der Mine vorbei, löst dies den Abschuss des Panzerfaust-ähnlichen Gefechtskopfes aus.
Bundeswehr; ©HSS
HSS: Was fehlt Ihnen noch konkret an Ausrüstung und Personal? Auch aufgrund der personellen Belastung durch die Ausbildung der ukrainischen Soldatinnen und Soldaten?
Marlow: Für die einzelne Soldatin und den einzelnen Soldaten zählt die persönliche Ausrüstung zu den wichtigsten Dingen. Dazu zählen Gefechtskleidung, Schutzwesten, moderne Helme und Rucksäcke ebenso wie Nachtsichtgeräte und Sturmgewehre. All das ist bereits beschafft. Die Truppe erwartet zu Recht, dass die Ausrüstung zügig bei den Einzelnen ankommt. Die Beschaffung von Großgeräten wie Fahrzeugen dauert naturgemäß länger, ein Panzer ist nicht in drei Tagen gebaut. Auch dieses Gerät wird dringend gebraucht, damit die Bundeswehr ihren Auftrag erfüllen kann. Wichtig ist dabei, dass wir die derzeitigen Defizite so rasch wie möglich beseitigen und parallel neue Fähigkeiten aufbauen, zum Beispiel Flug- und Drohnenabwehr. Nur mit einer Kombination kurz- und langfristiger Planungen können wir den Bedrohungen der Zukunft begegnen.
Ausbildung in Unterfranken: Ein ukrainischer Scharfschütze auf dem Truppenübungsplatz Wildflecken.
Victoria Gramatke; ©HSS; Bundeswehr
Aus dem Krieg in der Ukraine haben wir bereits gelernt, wie wichtig Drohnen auf dem Gefechtsfeld der Gegenwart sind. Und auch in Deutschland und Europa sind wir neuen Bedrohungen ausgesetzt – Stichwort „Cyber War“. Der Begriff beschreibt die hybride Bedrohung aus dem und im Internet. Dabei geht es nicht nur um Hackerangriffe, sondern auch um Desinformation und Propaganda. Damit sollen Gesellschaften und Staaten destabilisiert werden. Genau aus diesem Grund hat die Bundeswehr kürzlich ihre vierte Teilstreitkraft „Cyber- und Informationsraum“ erhalten. Zudem erlebe ich, dass die Leistungen unserer Soldatinnen und Soldaten von breitem öffentlichem Bewusstsein flankiert und getragen werden. Solche Anerkennung fängt viele Belastungen durch den Dienst auf. Dabei stellt die Ausbildung ukrainischer Soldaten eine zusätzliche Aufgabe und Herausforderung für die Bundeswehr dar. Aber unsere Verbündeten aus EU und NATO tragen diese Belastung mit uns. Ausbilderinnen und Ausbilder aus Belgien, Dänemark, Großbritannien, Irland, Litauen, Luxemburg, den Niederlanden, Norwegen, Portugal, Schweden, Slowenien, Spanien, den USA und Zypern arbeiten auf Übungsplätzen in Deutschland mit unseren Kräften zusammen. Die gemeinsame Motivation ist äußerst hoch, den ukrainischen Soldatinnen und Soldaten die bestmögliche Ausbildung zukommen zu lassen.
HSS: Mit THeMIS testet die Infanterie bereits unbemannte Kettenfahrzeuge, auch in der Ukraine sind solche Fahrzeuge im Einsatz. Könnte der Infanterist der Zukunft ein Roboter sein?
Marlow: Wir experimentieren mit unbemannten Systemen zu Land und in der Luft und identifizieren deren Einsatzmöglichkeiten. Viel lehrt uns dabei der Krieg in der Ukraine. Entscheidend ist und bleibt jedoch der Faktor Mensch. Keine Technik wird den rational denkenden Menschen ersetzen. Technik kann immer nur ergänzen. Wir erkunden auch die Möglichkeiten und Grenzen unbemannter Systeme, bei denen künstliche Intelligenz eine Rolle spielt. Soweit, dass der Infanterist der Zukunft ein Roboter wird, sind wir aber noch nicht.
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HSS: Kürzlich hieß es, die Infanterie sei die einzige Truppengattung mit Zulauf. Wie ist die Personalsituation?
Marlow: In der Bundeswehr spiegelt sich die allgemeine gesellschaftliche Situation: Personal – zumal gutes Personal – ist knapp. Ich bin überzeugt, dass die Bundeswehr jungen Menschen attraktive Angebote macht. Und wenn wir diese Angebote in Zukunft noch etwas schneller machen, also Verwaltungswege verkürzen und Bürokratie verschlanken, werden wir auch die Frauen und Männer erreichen, die wir brauchen. Das Verteidigungsministerium hat entsprechende Maßnahmen auf den Weg gebracht. Generell gibt es für die Tätigkeit im Heer viel Interesse, jedoch nicht für alle Fachlichkeiten gleichmäßig. Tätigkeiten als Fallschirmjäger oder Gebirgsjäger sind besonders gefragt. Fachleute für IT oder Logistik sind bei uns knapp, obwohl sie sehr wichtig sind.
HSS: Könnte eine allgemeine Dienstpflicht aus Ihrer Sicht als Soldat helfen? Immerhin konnte vor 2011 ein Großteil der Zeit- und Berufssoldaten aus den Wehrpflichtigen rekrutiert werden. Erst der Kontakt zur Bundeswehr hat sie also für so manchen Wehrpflichtigen attraktiv gemacht.
Marlow: Das ist eine gesellschaftliche und politische Entscheidung. Derzeit haben wir – im Frieden – eine Freiwilligenarmee. Da ich inzwischen nahezu 42 Dienstjahre selbst erlebt habe, habe ich die Masse meiner aktiven Zeit jedoch in einer Wehrpflichtarmee verbracht. Dabei habe ich vor allem positive Erfahrungen gemacht und die Wehrpflichtigen oft als erfrischendes und belebendes Element in der Truppe erlebt. Der eine oder andere heutige General hat noch als Wehrpflichtiger angefangen!
Unterstützung für die Ukraine: Generalleutnant Andreas Marlow.
Bundeswehr; ©HSS
ZUR PERSON:
Generalleutnant Andreas Marlow ist Stellvertreter des Inspekteurs des Heeres und Kommandeur Militärische Grundorganisation sowie Leiter des „Special Training Command“ (ST-C) der Mission EUMAM Ukraine (European Union Military Assistance Mission), Standort in Strausberg bei Berlin. Diese Mission dient der Ausbildung ukrainischer Soldatinnen und Soldaten an westlichen Waffen und mit westlichen Kampftechniken. Der 61-jährige Offizier war im Kosovo sowie zwei Mal in Afghanistan im Auslandseinsatz. Er kommandierte seit seinem Eintritt in die Bundeswehr 1982 verschiedene Einheiten, darunter das Panzerbataillon 403, die Panzergrenadierbrigade 41, die Division Schnelle Kräfte und das I. Deutsch-Niederländische Corps.
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