Kenias Ansatz in der Covid-19-Krise
Smart Lockdown, Stärke zeigen und die Wirtschaft am Leben erhalten
- Maßnahmen der Regierung
- Smart Lockdown
- Auswirkungen von Covid-19 auf die wirtschaftliche Entwicklung Kenias
- Landwirtschaft
- Der informelle Sektor
- Das Befinden der Jugend
Bislang scheint die Lage in Kenia noch unter Kontrolle zu sein. Es gibt Gerüchte, die Regierung würde versuchen, das Problem herunterzuspielen, um Unruhen in der Bevölkerung zu verhindern und Zeit zu gewinnen. Die Zahl der Infizierten sei tatsächlich zehnmal höher als die 270 positiv getesteten Fälle und 9 Toten am Morgen des 20. April 2020. Es können nicht genügend Tests durchgeführt werden, weil die Möglichkeiten fehlen. Die Verhältnisse in den offiziellen Quarantäne-Zentren sollen – so ist zu hören - chaotisch sein. 67 Erkrankte hätten sich erholt.
Das lange Osterwochenende hat viele Menschen der kenianischen Mittelschicht in die Wälder Nairobis gezogen, um dort lange Spaziergänge zu machen. Jetzt ist es Pflicht, in den Wäldern, bei denen man Eintritt an den Kenya Wildlife Service zahlen muss, eine Maske zu tragen, am Eingang wird Fieber gemessen. Das gilt auch für die Slums von Nairobi und in Fahrzeugen sowie für alle öffentliche Räume.
Auch Kenia ist von der Corona-Pandemie betroffen. Mit einem Smart Lockdown will die Regierung die Ansteckungsgefahr vor allem in Zentren wie Nairobi eindämmen
© Klaus Liepert
Maßnahmen der Regierung
Die Reaktionen der kenianischen Regierung auf die Corona-Krise waren bislang vorsichtig austariert. Kenias Metropolregion Nairobi sowie die Counties Kilifi, Kwale und Mombasa sind gesperrt.
Seit drei Wochen gilt eine landesweite nächtliche Ausgangssperre von 19.00 bis 05.00 Uhr, alle Restaurants und Bars sind geschlossen. Regierungsberater haben Versammlungen aller Art – öffentlich und religiös – untersagt. Grundlegende Dienstleistungen funktionieren weiterhin und die Wirtschaft läuft weiter, wenn auch stark eingeschränkt. Der Luftraum ist gesperrt, offiziell dürfen nur noch Frachtflugzeuge verkehren. Man ist sich bewusst, dass eine vollständige Sperrung alle wirtschaftlichen Aktivitäten zum Erliegen bringen würde. Das scheint sich Kenia derzeit nicht leisten zu können. Auch ist man vorsichtig, Maßnahmen zu implementieren, die sich im Nachhinein als nicht durchsetzbar herausstellen. Dies würde als Zeichen von Schwäche interpretiert werden, eine Situation, die sich die Regierung nicht leisten kann.
Die Maßnahmen mögen, bei einer vergleichsweise geringen Fallzahl in Kenia, überzogen wirken. Allerdings ist das kenianische Gesundheitssystem nicht ausreichend ausgebaut, weshalb strenge Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus notwendig sind. Während das Gesundheitsministerium noch keine genauen Angaben zu der medizinischen Versorgungslage in Kenia veröffentlicht hat, geht aus einer Studie aus dem Jahr 2015 hervor, dass Kenia zu diesem Zeitpunkt nur 130 Betten auf Intensivstationen hatte. Aktuelle unbestätigte Angaben gehen von 300 bis hin zu 1.000 verfügbaren Plätzen zur Intensivpflege aus. Laut Gesundheitsminister Mutahi Kagwe gibt es rund 1.000 dieser Betten. Sollte dies der Fall sein, so wird das Land mit über 50 Millionen Einwohnern trotzdem einer möglichen exponentiellen Verbreitung von Covid-19 nicht gewachsen sein.
Smart Lockdown
Vor diesem Hintergrund erscheint die Entscheidung der kenianischen Regierung für einen vorsichtig konfigurierten, regional abgegrenzten Smart Lockdown kombiniert mit Steuererleichterungen und Initiativen zur Nahrungsmittelsicherung durchaus angemessen.
Auch der Smart Lockdown tut den Kenianern weh. Es gab brutale Zwischenfälle, bei denen die kenianische Polizei unverhältnismäßig hart durchgriff. So kam es zu einem Aufstand, als Slumbewohner bei einer privaten Nahrungsmittelhilfe anstanden. Die Kenianer in den Metropolregionen erkennen weitgehend die Notwendigkeit an, vorsichtig zu sein.
Die Hauptlast trägt der informelle Sektor. Hier gibt es kein stabiles Einkommen und keine formellen Sicherheitsnetze wie Renten oder Lohnschutz. 100 Millionen US-Dollar sollen für Geldtransfers an gefährdete Gruppen im ganzen Land ausbezahlt werden. Familien sollen unterstützt werden. Die Regierung hat außerdem eine Steuerbefreiung für Niedrigverdiener angekündigt. Diese Maßnahmen zielen nicht nur darauf ab, die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen anzukurbeln, sondern haben auch einen erheblichen Einfluss auf die Stimmung im Land.
Darüber hinaus soll es zu einer Senkung des Körperschaftsteuersatzes von 30% auf 25% kommen. Die von der Regierung angekündigten Maßnahmen werden Kenia voraussichtlich rund 700 Millionen US-Dollar an Steuereinnahmen kosten und zweifellos das bereits hohe Haushaltsdefizit von 5,6% vergrößern. Es liegt in der Verantwortung der Regierung, diese Menschen durch eine sinnvolle Kombination von Sofortmaßnahmen für „Social Distancing“ und mit zusätzlichen Steuererleichterungen zu unterstützen, um ein Gefühl von größerer Sicherheit herzustellen.
Nach dem Ausbruch von Covid-19 kamen Tourismus und Gastronomie zum Erliegen, Blumen und Gartenprodukte können nicht mehr exportiert werden. Damit fehlen wichtige Einnahmequellen
© Klaus Liepert
Auswirkungen von Covid-19 auf die wirtschaftliche Entwicklung Kenias
Es wird erwartet, dass die wirtschaftliche Entwicklung Kenias durch die weltweit und lokal von Covid-19 verursachten Beeinträchtigungen ernsthaft beeinflusst wird.
Das BIP-Wachstum Kenias wird voraussichtlich erheblich schrumpfen. Die kenianische Zentralbank revidierte ihre Schätzung für 2020 bereits von ursprünglich 6,2% auf 3,4%, aber wir glauben, dass dies immer noch eine optimistische Annahme ist. Wir rechnen mit einem Wachstum von unter 3% in diesem Jahr, da McKinsey & Company in einem kürzlich veröffentlichten Bericht, in dem die Auswirkungen des Virus auf Afrika analysiert wurden, ein Wachstum von 1,9% für Kenia erwartet.
Der Banken- und Finanzsektor wird voraussichtlich einen deutlichen Umsatzrückgang verzeichnen, da kleine und mittlere Unternehmen besonders anfällig für die Krise sind und keine Kredite bedienen oder Transaktionen durchführen können. Es ist wahrscheinlich, dass die notleidenden Kredite und Moratorien (möglicherweise sogar für staatliche Kredite) erheblich zunehmen werden. Der Aktienmarkt ist stetig rückläufig, da externe Portfolioinvestoren nach der Ausbreitung des Virus in Kenia bereits ihr Geld abgezogen haben.
Die Hersteller von essentiellen Gütern verzeichneten im März einen Umsatzanstieg. Der größte Arzneimittelhersteller des Landes erzielte im März den höchsten Gewinn aller Zeiten, da Regierung, Haushalte und Unternehmen in der Wertschöpfungskette sowohl zur Vorsicht als auch als Reaktion einkaufen. Die Lebensmittel- und Getränkehersteller werden weiterhin hohe Einnahmen erzielen, bis der Konsum der privaten Haushalte mit dem geringer werdenden Einkommen nachlassen wird. Die tatsächlichen Auswirkungen von Covid-19 auf die Wirtschaftsleistung des verarbeitenden Gewerbes werden zu Beginn des nächsten Quartals sichtbar werden, wenn die Ausgaben für Haushalte und Unternehmen voraussichtlich um etwa 50% sinken werden. Das und die geringere Menge an Geld im Umlauf werden die Nachfrage senken und sich auf das verarbeitende Gewerbe auswirken.
Landwirtschaft
Zusätzlich gibt es in Kenia dieses Jahr eine Heuschreckenplage, die sich voraussichtlich auf die landwirtschaftliche Produktion und Ernte auswirken wird. Aktuell wird der schwelende Konflikt zwischen Maisbauern und der Regierung bedeuten, dass Kenia wahrscheinlich größere Mengen Mais importieren wird, um die Versorgung von Waren wie Maismehl aufrechtzuerhalten und die Ernährungssicherheit zu gewährleisten.
Die landwirtschaftliche Produktion im Inland ist eine Schlüsselvariable für das geringe Wachstum, aber diese scheint mehr von der Heuschreckenplage als von Covid-19 betroffen zu sein, abgesehen etwa von der Lieferung von Düngemitteln. Was allerdings direkt und unmittelbar in diesem Sektor von Covid-19 beeinflusst wird, ist der Export von Produkten aus Gartenbau und Blumenzucht. Besonders die Tee-, Kaffee- und Schnittblumenbranche leidet unter dem eingeschränkten Flugverkehr und einer schwachen Nachfrage auf den wichtigsten Märkten Europas und Asiens. Die Blumenindustrie ist besonders stark betroffen, da große landwirtschaftliche Betriebe Arbeitnehmer entlassen und Schwierigkeiten haben, ihre Kredite zu bedienen, obwohl sie sich in der Nebensaison befinden und nur 30% bis 40% ihrer Kapazität nutzen. Die Kaffee- und Teeexporte sind aufgrund der schwachen Nachfrage und der niedrigen Rohstoffpreise auf den Märkten ebenfalls rückläufig. Die Gemüseexporte hingegen verzeichnen eine starke Nachfrage, weil Ernten in den wichtigsten europäischen, nahöstlichen und asiatischen Märkten beeinträchtigt sind. Die Herausforderung besteht nun in der Transportlogistik, da die limitierten Luftfrachtdienste die Einnahmen aus diesem Sektor drücken.
Die Exporte von Produkten aus Gartenbau und Blumenzucht spielen eine Schlüsselrolle bei der Erzielung von Devisen. Zusammen mit dem vollständigen Rückgang des Tourismus und des Gastgewerbes werden die kenianischen Devisenreserven voraussichtlich schnell aufgebraucht, was den kenianischen Schilling unter Druck setzen wird. Vermutlich werden auch die sog. Diaspora-Überweisungen im Laufe des Jahres zurückgehen. Gegenwärtig nehmen diese Überweisungen weiter zu, da Kenianer im Ausland noch versuchen, ihre Verwandten vor einer Krise zu schützen. Die andere wesentliche Verzögerung, die Kenia bei der Abwertung des Schillings haben könnte, sind die niedrigen Ölpreise, die in diesem Jahr voraussichtlich auch nicht wesentlich steigen werden.
Der informelle Sektor
Alle oben genannten Aussagen beziehen sich auf den formellen Sektor, das eigentliche Problem wird der informelle Sektor sein, der fast 80% der kenianischen Beschäftigung ausmacht. Die Menschen in diesem Sektor leben von der Hand in den Mund und bieten in erster Linie Low-End-Dienste an. Sie sind sowohl durch die Reaktion der Regierung zur Bewältigung der Krise als auch durch die Schocks weiter oben in der Lieferkette betroffen. Auch haben sie einen erheblichen Anteil an der Nachfrage nach Gütern des täglichen Bedarfs der unteren Preisklasse. Es ist wahrscheinlich, dass diese Nachfrage abnehmen wird, wenn sich das Einkommen reduzieren wird, da die mageren Einnahmen für den Kauf von Grundbedarf verwendet werden - Lebensmittel, Wasser und Medikamente.
Sollte der informelle Sektor mit seinen Gegebenheiten bei der Bewältigung der Krise nicht berücksichtigt werden, könnte es zu Unruhen und Gewaltausbrüchen kommen. Dies würde dann zu einer weiteren Störung der Wirtschaft und einer weiteren Herabstufung der Wachstumsprognosen führen.
Über die Dichotomie zwischen formellem und informellem Sektor hinaus gibt es auch Unterschiede bei den Auswirkungen auf die ländlichen und städtischen Gebiete. Der größte Teil der Beeinträchtigungen ist in städtischen Zentren wie Nairobi, Mombasa, Eldoret und Nakuru sichtbar. In den ländlichen Gebieten sind die Auswirkungen weniger direkt und daher wird es in den meisten Counties ein gewisses Maß an Normalität geben. Die Auswirkungen werden indirekt sein und sich aus der Unterbrechung der Lieferkette und schwankenden wirtschaftlichen Abläufen in Mombasa und Nairobi ergeben.
Sie werden zweifelsohne signifikant sein. Es wird Hunderte von Unternehmen geben - hauptsächlich kleine und mittlere - die aufgrund dieser Krise schließen müssen und nicht mehr öffnen werden. Es wird Zeit und viel mehr staatliche fiskalische Interventionen benötigen, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln.
Die Regierung konzentriert sich darauf, eine humanitäre Krise zu vermeiden. Währenddessen müssen auch konzertierte Anstrengungen unternommen werden, um eventuell eine innovative Wirtschaftspolitik einzuführen, die dabei hilft, die Wirtschaft nach der Krise zügig wiederzubeleben.
Nach der Ausbreitung von Covid-19 in Kenia und dem wirtschaftlichen Schock bildete der Präsident einen Wirtschaftsrat mit Mitgliedern des Kabinetts und Vertretern aller Wirtschaftsmitgliedsorganisationen – Kenya Association of Manufacturers (KAM), Kenya National Chamber of Commerce and Industry (KNCCI) und Kenya Private Sector Alliance (KEPSA). Der von der Hanns-Seidel-Stiftung mitbegründete Wirtschafts-Think-Tank Kenya Business Guide wurde von KAM gebeten, durch Recherchen, Analysen, Diskussionen und Debatten sowie durch das Verfassen von Beiträgen an den Rat technisch zu unterstützen.
Die jugendliche Bevölkerung in Kenia leidet besonders
Der Partner der Hanns-Seidel-Stiftung “Shujaaz Inc.” (vormals Well Told Story) hat bereits vor zwei Wochen die Kampagne #LindaFam (Sheng-Swahili für schütze deine Familie) gestartet. Deren Ground Truth-Briefings bieten wöchentlich Einblicke darüber, wie sich Covid-19 und die Quarantänemaßnahmen auf das Leben junger Menschen auswirken. Beiträge aus dem Netzwerk zeigen, dass die Auswirkungen von Maßnahmen zur teilweisen Sperrung bereits spürbar sind, da junge Menschen von einer raschen Verschlechterung der Nahrungsmittelsituation sowie ihres körperlichen und geistigen Wohlbefindens berichten.
Autoren:
Uta Staschewski, Projektleiterin, Nairobi
Robertson Kabucho, Programmmitarbeiter, Nairobi
Sahil S.R. Shah, Wirtschaftsportfolio, Nairobi
Lara Zehm, Praktikantin im Projekt Nairobi
Klaus Liepert
Leiter
Daniel Seiberling
Leiter