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80 Jahre CSU
Staatspolitische Leitgedanken

Autorin/Autor: Dr. Christian Petrzik

– aus einer Rede von Adam Stegerwald vor Interessenten der in Bildung begriffenen neuen Partei „Christlich Soziale Union“ am 15. September 1945 in Würzburg (ACSP, NL Müller Josef, C1)

Am 15. September 1945 sprach ein gewisser Adam Stegerwald (1874-1945) vor einem interessierten Publikum in Würzburg über staatspolitische Leitgedanken, die dem staatlichen Wiederaufbau Deutschlands zugrunde liegen sollten. Dabei äußerte er sich zunächst über das Verhältnis zwischen Kirche und Staat, Protestanten und Katholiken, wobei er formulierte:

„Der Streit, wem die politische Führung zufallen sollte, dem Protestantismus oder dem Katholizismus, muss aus den politischen Auseinandersetzungen und aus dem unausgesprochenen Mitschwingen dieser Gedanken in der Zukunft verschwinden. Das soll erreicht werden durch die in ganz Deutschland in Bildung begriffene Partei „Christlich Soziale Union“, die die politische Brücke zwischen Katholiken und Protestanten und zwischen Stadt und Land bilden soll, die nicht die radikale Trennung zwischen Staat und Kirche, sondern aus den vorher genannten Gründen eine starke Auflockerung des beiderseitigen Verhältnisses herbeigeführt wissen will.“

Mit den Möglichkeiten des Zusammenwirkens von Protestanten und Katholiken war Stegerwald als ehemaliger Vorsitzender des Gesamtverbands christlicher Gewerkschaften (1920-1929) durchaus vertraut. Von 1920 bis 1933 war er für die Deutsche Zentrumspartei Mitglied des Reichstags, kurzzeitig Preußischer Ministerpräsident (April-November 1921) und bekleidete das Amt des Reichsverkehrsministers (1929-1930) sowie des Reichsarbeitsministers (1930-1932). Von der US-amerikanischen Besatzungsbehörde als Regierungspräsident in Würzburg berufen, traf Stegerwald unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs den Münchner CSU-Gründer Dr. Josef Müller in Rothenburg o. d. Tauber. Wie Müller in München, trieb Stegerwald die CSU-Gründung in Würzburg voran und hielt am 21. August 1945 im Stadthaus Würzburg erstmals einen Vortrag mit dem Titel „Wo stehen wir?“, in dem er die Grundzüge einer „Christlich Sozialen Union“ skizzierte.  Bei der Benennung dieser Partei wurde das Wort „Volkspartei“ bewusst vermieden, denn, so Stegerwald:

„Nach 1918 haben sich die ehemaligen Konservativen „Deutschnationale Volkspartei“, die ehemaligen Liberalen „Deutsche Volkspartei“ und auch das ehemalige Zentrum in Bayern „Bayerische Volkspartei“ genannt mit dem Ergebnis, das alle diese Volksparteien so abgewirtschaftet haben, dass heute in Deutschland kein politischer Mensch mehr sich mit dem Titel „Volkspartei“ hervorwagt.“

ACSP, Ph P : Stegerwald Adam

Von entscheidender Bedeutung für die Gestaltung Deutschlands hielt Stegerwald den Sitz der künftigen Regierung und die Form des demokratischen Wahlrechts. Die Stadt Bonn, die am 29. November 1949 zum Regierungssitz der neuen Bundesrepublik Deutschland gewählt wurde, erwähnte Stegerwald 1945 nicht. Er favorisierte Bamberg.

„und zwar sowohl in geographischer, geistiger, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht. Bamberg liegt ziemlich in der Mitte von Deutschland Oberfranken weist in konfessioneller Hinsicht eine stark gemischte Bevölkerung auf; das nördlich an Oberfranken angrenzende Thüringen ist weit überwiegend protestantisch. Bamberg ist umgeben von einer blühenden Landwirtschaft. Als nächste Industriestädte kommen Nürnberg und Schweinfurt sowie Plätze in Thüringen in Frage.  Die fränkische und thüringische Bevölkerung zählt zu den aufgeschlossensten und brauchbarsten deutschen Volkstypen. Dieser Volkstyp ist auch für eine gute soziale Grundhaltung in kurzer Zeit zu gewinnen.“

Als „beste Erziehungsschule für das deutsche Volk“ sah Stegerwald ein Wahlsystem nach englischem Vorbild, bei dem die relative Mehrheit entscheidend ist und begründete dies folgendermaßen: „Bei einem Wahlsystem, in dem die relative Mehrheit entscheidet, werden die nichtsozialistischen und nicht kommunistischen Elemente des deutschen Volkes von vornherein gezwungen, sich auf breiter Front zu einigen, weil sonst in den meisten Bezirken die Mandate den Sozialisten und Kommunisten zufallen würden. So würde dem deutschen Volk in kurzer Zeit von selbst das Zwei- oder Dreiparteien-System aufgezwungen werden, so dass von sonstigen geistigen oder politischen Druckmitteln abgesehen werden könnte.“

Wenn es um den staatlichen Wiederaufbau Deutschlands ging, war Stegerwald ein gefragter Gesprächspartner der Militärregierung, sowohl in Frankfurt a. Main (29. August 1945) als auch in München (30. August bis 3. September 1945). Am 13. Oktober 1945 gründete er die CSU in Würzburg. Bereits einen Tag zuvor war unter der Führung von Josef Müller die Münchner CSU gegründet worden. Stegerwald übernahm jedoch nicht den CSU-Vorsitz in Würzburg, sondern sah seine Aufgabe vielmehr darin, eine Fusion der örtlichen und regionalen Gruppierungen in ganz Deutschland zu schaffen. Einen bayerischen Sonderweg wollte er vermeiden. Daher knüpfte er Kontakte zu Gründerkreisen der Union in Deutschland, wobei er in besonders intensivem Austausch mit dem Kölner Gründerkreis stand, den er vom 20. bis 22. Oktober 1945 besuchte. Am 23. Oktober 1945 organisierte er ein überregionales Treffen mit Vertretern verschiedener Gründerzirkel der Union in Mingolsheim bei Heidelberg, am 27./28. November in Würzburg. Das erste „Reichstreffen“ der entstehenden CDU vom 14. bis 16. Dezember 1945 in Bad Godesberg bei Bonn erlebte Stegerwald nicht mehr, ebenso wenig wie die konstituierende Sitzung der CSU als Landesorganisation in München am 8. Januar 1946. Adam Stegerwald, einer der Gründerväter der CSU, war am 3. Dezember 1945 an einer Lungenentzündung verstorben. 

Kontakt

Leiter: Dr. Christian Petrzik
Archiv für Christlich-Soziale Politik (ACSP), Politisch-historische Fachbibliothek
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