Nato-Gipfel in Brüssel: Eine Bewertung
Trumps Schatten über der NATO
Trumps ambivalentes Verhältnis zur NATO
Trumps Verhältnis zum Atlantischen Bündnis gilt, gelinde gesagt, als ambivalent. Hatte er die Allianz noch vor seinem Amtsantritt als obsolet bezeichnet und moniert, sie sei nicht in der Lage, den eminenten internationalen Sicherheitsrisiken wie Terrorismus erfolgreich begegnen zu können, würdigte er sie in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg im April 2017 sogar als „Bollwerk des Friedens und der internationalen Sicherheit“.
Ein ähnliches Wechselbad der Gefühle erlebten die Staats- und Regierungschefs der NATO-Mitgliedsstaaten auf ihrem jüngsten Gipfel, der vom 11. bis 12. Juli 2018 in Brüssel stattfand. Am ersten Konferenztag geißelte Trump in einer langen und im Ton scharfen, die ursprüngliche Tagesordnung sprengenden Rede die europäischen Partner, allen voran Deutschland, wegen deren seiner Meinung nach viel zu niedrigen Verteidigungsausgaben und drohte weitgehend unverhohlen mit einem US-amerikanischen Alleingang. Tags darauf wechselte er nicht nur die Tonlage, sondern lobte plötzlich die NATO als eine „gut geölte Maschine“ und die Partner als faire Mitstreiter: „Es gab einen tollen Gemeinschaftsgeist.“
Strittig: Anteil des jeweiligen Verteidigungsetats der Länder
Hintergrund der Kontroverse ist das auf dem NATO-Gipfel in Wales im September 2014 vereinbarte Ziel, dass alle Mitgliedsstaaten innerhalb von zehn Jahren einen Anteil des Verteidigungsetats von zwei Prozent ihres jeweiligen Bruttoinlandsprodukts erreichen sollten. Dieses Ziel wurde in der auch von Donald Trump unterzeichneten Gipfel-Erklärung am 11. Juli erneut bekräftigt. Die meisten NATO-Länder sind davon allerdings noch weit entfernt, Deutschland rangiert mit rund 1,3 Prozent im unteren Bereich. Zwar wiederholte Trump in Brüssel auch seinen bereits zuvor geäußerten Vorwurf, aufgrund der russischen Gaspipeline „North Stream 2“ mache sich Deutschland „zum Gefangenen“ russischer Energielieferungen, schwenkte dann aber wieder um und zollte „Deutschland großen Respekt“.
Ambivalent in seinen Aussagen: Donald Trump
Michael Vadon; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Donald_Trump_Laconia_Rally,_Laconia,_NH_4_by_Michael_Vadon_July_16_2015_03.jpg
Trump: "Ich glaube an die NATO"
Vermutlich hängt Trumps Wechsel von Tonlage und Wortwahl mit seiner Wahrnehmung zusammen, es sei ihm durch seine harsche Kritik und Drohung mit Alleingängen am ersten Konferenztag gelungen, die Bündnispartner zu einem Kurswechsel zu bewegen. Wörtlich konstatierte er „enorme Fortschritte“, zumal ihm nach seinen verbalen Attacken (einige Teilnehmer sprachen von „Wutanfall“) etliche Bündnispartner versichert hätten, dass sie ihre Wehretats erheblich aufstocken und „so viel wie nie zuvor zahlen“ würden. Deshalb sei ein prinzipiell möglicher Ausstieg der USA aus der NATO für ihn nun vom Tisch: „Ich glaube an die NATO“.
Mehr zur NATO-Thematik im Buch "Die NATO im Funktions- und Bedeutungswandel - Veränderungen und Perspektiven transatlantischer Sicherheitspolitik" des Autors Professor Reinhard Meier-Walser
©SpringerVS
Glaubt Trump an die NATO?
Ob dieses Credo Bestand haben wird, darf angesichts der bisherigen Erfahrungen mit Trumps Attitüden gegenüber dem Bündnis getrost in Zweifel gezogen werden. Fest steht jedenfalls, dass der massive Streit am jüngsten Gipfel zwar nicht mit einem Eklat endete wie der jüngste G-7-Gipfel Anfang Juni 2018 in Kanada, dass er aber gleichzeitig die Akteure zumindest partiell lähmte, grundlegende Entscheidungen mit Blick auf die vielfältigen Herausforderungen des Bündnisses zu treffen: Dazu gehört eine Kompass-Justierung der NATO mit Blick auf ihr Profil, ihre Rolle und ihre Funktion; dazu zählt die Herausforderung, das Spannungsfeld innerhalb der NATO zwischen Ost-Flanke und Mittelmeerorientierung zu lösen; es gehören auch die Beziehungen zu Russland dazu, die mittlerweile fast ausschließlich von Konfrontation und Konflikt geprägt sind; und schließlich muss ungeachtet der amerikanisch-europäischen Friktionen bezüglich der finanziellen Lastenteilung die Frage der Koordination transatlantischer (NATO) und europäischer (EU) Sicherheitspolitik geklärt werden – Dies alles ist auch im Lichte des 70-jährigen Bestehens des Bündnisses im April 2019 zu sehen, zumal das Jubiläum auch mit einem neuen Strategischen Konzept gekrönt werden sollte. Das gültige Strategische Konzept aus der Feder des damaligen NATO-Generalsekretärs Anders Fogh Rasmussen datiert aus dem Jahre 2010 und ist daher über weite Strecken überholt.
Autor: Professor Reinhard Meier-Walser
Prof. Dr. Diane Robers