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Hitzewellen, Stromausfälle und Wasserknappheit
Tunesien: Wie der Klimawandel das Land zunehmend belastet

Autorin/Autor: Kristof W. Duwaerts

Die Folgen des Klimawandels sind im tunesischen Alltag längst spürbar: Hitzewellen, Stromausfälle und Wasserknappheit setzen nicht nur die Bewohner Tunesiens zunehmend unter Druck, sondern belasten auch die Wirtschaft und die politische Stabilität des nord-afrikanischen Landes.

Demonstration in Tunis, Tunesien, bei der Plakate und Wasserflaschen hochgehalten werden.

Demonstranten versammeln sich in Tunis, Tunesien, um gegen Wasser- und Stromengpässe zu protestieren.

© IMAGO / ZUMA Press Wire

Der Mittelmeerraum ist überproportional von den Folgen des Klimawandels betroffen. Weil sich insbesondere das Oberflächenwasser im geografisch weitgehend umschlossenen Mittelmeer weiter aufheizt, steigt die Gefahr intensiver Stürme und Starkwetterereignissen in der gesamten Region. Auch zahlreiche Arten aus der Tier- und Pflanzenwelt sind unzureichend für diese rasanten Veränderungen gewappnet. Während der Meeresspiegel und damit die Gefahr von Überschwemmungen steigen, schreiten abseits der Küstenregionen vielerorts Wasserknappheit und Bodendegradation rasch voran. Tunesien ist von diesen Entwicklungen besonders betroffen. 

Zahlreiche Todesfälle wegen Hitze

In Tunesien zeigen sich im täglichen Leben die Auswirkungen des Klimawandels bereits deutlich: Seit Juni 2026 erlebte das Land zwei ungewöhnliche Hitzewellen mit Temperaturen von mehr als 45 Grad. Insbesondere ältere und kranke Menschen spürten die Hitzeauswirkungen deutlich. Ärzte gehen davon aus, dass zahlreiche Todesfälle im direkten Zusammenhang zu der anhaltenden Hitze stehen. In der vergangenen Woche wurde die 48-Grad-Marke geknackt. Nicht nur in entlegenen südlichen Wüstengebieten, sondern auch in der küstennahen Hauptstadt Tunis.

Menschen holen an einer natürlichen Quelle in Nordtunesien Wasser in Kanistern und Flaschen. Wasser gilt während den Hitzewellen als Luxusgut.

Menschen holen an einer natürlichen Quelle in Nordtunesien Wasser in Kanistern und Flaschen. Wasser gilt während den Hitzewellen als Luxusgut.

© IMAGO / ZUMA Press Wire

Maximal 18 Liter Wasser pro Person

Wegen der Hitze wurde auch das abgefüllte Trinkwasser knapp. Noch vor 15 Jahren galt Leitungswasser in Tunesien als bedenkenlos trinkbar. Die marode Verteilungsinfrastruktur ist ein Grund, warum ein Großteil der Tunesier schon vor Jahren auf Mineralwasser in Plastikflaschen umgestiegen ist. Aufgrund logistischer Probleme und einer ungewöhnlich hohen Nachfrage hatten Hersteller Mitte August Probleme, ausreichend Mineralwasser zu produzieren. Das tunesische Handelsministerium übernahm daraufhin große Teile der Versorgung im Großraum Tunis und belieferte ausschließlich große Supermarktketten und Großhändler mit dem begehrten Trinkwasser. Die Folge: teils stundenlange Schlangen, um die vorgeschriebene Menge von bis zu maximal 18 Liter Wasser pro Person zu ergattern. Wegen der strikten Rationierung wird der Supermarktbesuch für viele Tunesier zum Familienausflug.

Stromausfälle und überfüllte Strände

Auch das ohnehin überlastete Stromnetz ächzt unter den Folgen der Hitzewelle. Zwar haben viele Menschen eine Klimaanlage in ihren Häusern und Wohnungen installiert, aber gleichzeitig bringt der Betrieb von tausenden Klimaanlagen das Stromnetz an seine Grenzen. Die Folge: der Strom fällt teilweise über Stunden aus, wie auch der staatliche Energiebetreiber „STEG“ bestätigt. Selbst wenn Strom verfügbar ist, sind viele Klimaanlagen nicht auf die Kühlung von Temperaturen von mehr als 45 Grad ausgelegt. Für Bewohner von Wohnungen in mehrstöckigen Häusern bedeutet ein Stromausfall, dass parallel die elektrisch betriebenen Leitungswasserpumpen ausfallen. In Teilen der Gouvernorate Sfax und Mahdia wurde die öffentliche Wasserversorgung durch den Ausfall einer zentralen Pumpstation unterbrochen. In einzelnen Gebieten stand deshalb zeitweise kein Leitungswasser zur Verfügung. 

Menschen, die das Glück haben, in Küstennähe zu wohnen, suchen sich, insbesondere nach Sonnenuntergang, die ersehnte Abkühlung am Strand. Die tunesischen Strände sind nachts so überfüllt, dass man in der Dunkelheit Gefahr läuft, über die eng gedrängten Badegäste zu stolpern.

Verkürzte Arbeitszeiten im Sommer

Vereinzelt kam es in betroffenen tunesischen Regionen zu Demonstrationen gegen die akute Versorgungsknappheit. Präsident Kais Saied erklärte, hinter einzelnen Ausfällen könnten gezielte Sabotageakte stehen. Zugleich vertrat er die Auffassung, die Versorgungssicherheit des Landes sei grundsätzlich gewährleistet. In einzelnen Gouvernoraten des Landes kamen Nationalgarde und Armee zum Einsatz, um betroffene Gebiete mit Trinkwasser aus Tankwagen zu versorgen. Auch gesamtwirtschaftlich haben die Extremtemperaturen empfindliche Auswirkungen. Im öffentlichen Sektor gibt es während der Sommermonate bereits seit Langem die sogenannte „Séance unique“. Das sind verkürzte Arbeitszeiten in den heißen Sommermonaten Juli und August. In der Privatwirtschaft greifen diese Regeln zwar nicht, allerdings führen die Versorgungsengpässe dort teilweise zu erheblichen Produktivitätsverlusten. Das wirtschaftlich ohnehin geschwächte Land hat damit stark zu kämpfen. 

Nach der Hitze drohen Starkregen und Überflutungen

Langfristig nehmen Trockenheit und Wasserknappheit in vielen Teilen des Mittelmeerraums zu. Gleichzeitig kann eine wärmere Atmosphäre mehr Feuchtigkeit aufnehmen, sodass einzelne Starkregenereignisse intensiver ausfallen können. Bereits Anfang 2026 wurden in Tunesien lokal innerhalb von 24 Stunden Niederschlagsmengen von weit über 200 Millimetern gemessen. In einzelnen Landesteilen handelte es sich um die höchsten Januarwerte seit mehr als 70 Jahren. Tunesische Meteorologen und internationale Klimaforscher gehen davon aus, dass extreme Wetterereignisse dieser Art im Zuge des Klimawandels an Intensität gewinnen können.

Klimawandel, Wirtschaft und Stabilität gehören zusammen

Klimawandel, wirtschaftliche und politische Stabilität bilden ein eng miteinander verbundenes Zieldreieck. Am Beispiel Tunesiens wird dies besonders deutlich. Maßnahmen zur Stabilisierung des Landes müssen daher alle drei Faktoren berücksichtigen. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Ausland. Tunesien ist ein bedeutender Partner Deutschlands. Dies betonte auch Bundesaußenminister Johann Wadephul bei seinem Besuch in Tunis am 31. August 2026. Insbesondere die Zusammenarbeit im Energiesektor – sei es bei der Erzeugung, dem Transport oder der Speicherung von Energie – bietet großes Entwicklungspotenzial. Der weitere Ausbau ist eine regionale Aufgabe. In enger Zusammenarbeit mit Tunesien und Algerien bieten sich für deutsche Unternehmen zahlreiche Möglichkeiten, langfristig und sinnvoll zu investieren.

Wenn es gelingt, die wirtschaftliche Entwicklung durch nationale und regionale Initiativen nachhaltig zu stärken und zugleich die Infrastruktur an die Folgen des Klimawandels anzupassen, kommt dies nicht nur der tunesischen Bevölkerung zugute. Es trägt auch dazu bei, den Mittelmeerraum als wirtschaftlich stabile und lebenswerte Region zu erhalten – für seine Bewohner ebenso wie für seine Besucher. 

Die Hanns Seidel Stiftung ist in Tunesien seit 1989 mit einem Regionalbüro in Tunis vertreten. Aktuell werden landesweit und in der Region gemeinsam mit tunesischen und algerischen Partnerorganisationen Maßnahmen zur wirtschaftlichen Entwicklung und Innovation, zum Klimawandel sowie zum sozialen Zusammenhalt durchgeführt.

Kontakt

Projektleiter Tunesien und Algerien: Kristof W. Duwaerts
Projektleiter Tunesien und Algerien:  Kristof W. Duwaerts
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