Selbstschutz stärken – Resilienz sichern
Warum ein wirksamer Zivilschutz auf die Handlungsfähigkeit der Bürger angewiesen ist
Teilnehmer (v. li.:): Cynthia Derra, Thomas Haslböck, Wolfgang Schäuble, Alexandra Rüth, Dr. Benjamin Hahn, Thorsten Freudenberger, MdL, Dr. Josef Widmann, Nathalie Schopp, Markus Liebl, Frank Limbach und Lars Burchert.
© Irmak Kalac, HSS
„Die Gesellschaft ist nur so resilient, wie ihre Mitglieder stark sind“
Die Vizepräsidentin des Bundestages, Andrea Lindholz, betonte, dass sich die Sicherheitslage in den vergangenen Jahren deutlich verschärft hat: „Wir erleben fast tägliche hybride Bedrohungen und sogar mehrtägige Stromausfälle wie die Anschläge auf das Berliner Stromnetz zu Beginn des Jahres.“ Staatliche Vorkehrungen sind wichtig, um diesen Herausforderungen zu begegnen, aber genauso wichtig sind auch die Eigenvorsorge und der Selbstschutz der Bürger. Denn „die Gesellschaft ist nur so resilient, wie ihre Mitglieder stark sind.“
Staatliche Rahmensetzung: Der Staat schafft die Rahmenbedingungen – beispielsweise durch verlässliche Warnstrukturen, den Schutz kritischer Infrastruktur und strategische Vorsorge. Vor Ort in den Kommunen müssen die Bürger gezielt informiert, geschult und dabei unterstützt werden, Vorsorgemaßnahmen zu ergreifen.
Selbstschutzfähigkeit der Bevölkerung: Im Fall von Katastrophen und Krisen müssen die Bürger handlungsfähig sein. Dazu müssen sie wissen, wie die Warnstrukturen funktionieren, wie sie vorsorgen und wie sie sich im Krisenfall verhalten sollen. Die Hilfsorganisationen können dabei einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie diese Kompetenzen systematisch in die Bevölkerung tragen.
Thorsten Freudenberger, MdL, Mitglied im Ausschuss für Kommunale Fragen, Innere Sicherheit und Sport, Bayerischer Landtag
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Die Bedeutung eines funktionierenden Krisenmanagements unterstrich der Landtagsabgeordnete Thorsten Freudenberger. Gerade aus den Erfahrungen der Coronakrise lassen sich drei wichtige Erkenntnisse für eine resiliente Gesellschaft gewinnen:
Krise ist Kommunikation: „Was kann und sollte die Bevölkerung in der konkreten Situation wissen? Wie kommuniziere ich als Behörde mit ihr?“ Das sind zentrale Fragen für eine transparente Kommunikation von staatlicher Seite. Auf ihrer Basis kann sich ein produktiver Dialog mit der Bevölkerung entwickeln, der staatliches Handeln anschlussfähig macht und gesellschaftliche Selbstorganisation stärkt.
Krise braucht klare Strukturen: Es ist deshalb wichtig, die Strukturen ständig zu überprüfen, zu bewerten und je nach Bedarf anzupassen. Bayern hat für den Katastrophenschutz bereits ein entsprechendes Konzept vorgelegt. Die vorgesehenen Maßnahmen kommen im Sinne des „Dual-Use“ auch dem Zivilschutz zugute.
Krise braucht Flexibilität und Kreativität: Krisen entwickeln sich dynamisch und dauern häufig länger als erwartet. Deshalb entziehen sie sich vorgefertigten Lösungen. Es ist deshalb notwendig, mögliche Herausforderungen sorgfältig zu analysieren und darauf aufbauend flexible Strategien zu entwickeln.
Bevölkerung – vom passiven Schutzgut zum handlungsfähigen Akteur?
Professor Harald Karutz von der Medical School Hamburg analysierte die Rolle der Bevölkerung im Krisen- und Katastrophenmanagement und stellte heraus, dass ein wirksamer Bevölkerungsschutz einen Perspektivwechsel erfordert: weg von einem primär steuernden „Top-down“-Ansatz hin zu einer systematischen Einbindung der Bevölkerung als eigenständig handlungsfähigem Akteur.
Die Bevölkerung als Problem?: In Praxis und Öffentlichkeit ist häufig die Vorstellung verbreitet, dass „die Bevölkerung“ sich in Krisenlagen homogen verhält, ein irrationales oder problematisches Verhalten an den Tag legt und deswegen weitgehend hilflos ist. Diese Sichtweisen führen häufig zu „top-down“ organisierten Krisenmanagement-Ansätzen, die versuchen, die Bevölkerung zu steuern.
Die Forschung zeichnet ein anderes Bild: Tatsächlich verhält sich die Mehrheit der Menschen ruhig, rational und hilfsbereit. Phänomene wie Panik oder Plünderungen sind selten. Vielmehr verfügen unterschiedliche Bevölkerungsgruppen über eigene Ressourcen, Kompetenzen und Unterstützungsbereitschaft, die bislang oft unterschätzt werden.
Konsequenzen für die Praxis: Ein zukunftsfähiger Bevölkerungsschutz muss die Bevölkerung nicht nur als Schutzobjekt, sondern als aktiven Partner verstehen. Eine differenzierte Betrachtung von Bedürfnissen, Risiken und Potenzialen ist dabei ebenso zentral wie die systematische Einbindung gesellschaftlicher Ressourcen in das Krisenmanagement.
Nathalie Schopp, Leiterin der Abteilung K – Bevölkerungsresilienz und Kommunikation, Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe
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Resilienz stärken – Kommunikation und Selbstschutz in Krisenzeiten
Nathalie Schopp vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) präsentierte den von ihrer Abteilung entwickelten neuen Vorsorge-Ratgeber, der Vorbereitungs- und Handlungsempfehlungen für verschiedene Notsituationen gibt. Leitend war dabei die Annahme, dass die Bürger Risiken nicht nur kennen, sondern auch als relevant für ihre eigene Lebenswelt begreifen müssen.
Neuer kommunikativer Ansatz: Im Gegensatz zu dem einseitigen Sender-Empfänger-Modell, das im Bevölkerungsschutz lange Zeit weit verbreitet war, setzt man heute an den Lebensrealitäten der Menschen an und bezieht deren Perspektiven systematisch mit ein. Der Vorsorge-Ratgeber basiert dementsprechend auf ausgiebigen Befragungen und Tests der Adressaten.
Diskrepanz zwischen Sicherheitslage und Betroffenheit: Während viele Bürger eine Verschlechterung der allgemeinen Sicherheitslage erwarten, sehen sich nur wenige selbst konkret durch Gefahrensituationen wie Stromausfälle betroffen. Diese Diskrepanz erschwert die Aktivierung von Eigenvorsorge erheblich und mindert die Wirksamkeit klassischer Informationskampagnen.
Stärkung der Selbstwirksamkeit: Gerade im Kontext sicherheitspolitischer Bedrohungen – etwa im Falle eines Krieges – dominiert häufig das Gefühl, ohnehin keinen Einfluss auf die eigene Situation zu haben. Ziel moderner Risikokommunikation muss es daher sein, konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen und diese alltagsnah zu vermitteln, ohne dabei zusätzliche Ängste zu schüren.
Wolfgang Schäuble, Leiter des Krisenstabs & Leiter der Branddirektion, München
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Aufbau und Förderung des Selbstschutzes als kommunale Aufgabe
Wolfgang Schäuble, Leiter des Krisenstabs und der Branddirektion München, stellte heraus, dass Resilienz auf kommunaler Ebene nur gelingt, wenn Verwaltung und Bevölkerung gleichermaßen krisenfest aufgestellt sind. Für die Stadt München zeigte er geplante und bereits durchgeführte Maßnahmen zur Stärkung der kommunalen Resilienz auf.
Behördenselbstschutz: München arbeitet derzeit intensiv daran, die Aufrechterhaltung von zentralen Verwaltungsprozessen auch in Krisen sicherzustellen. Dazu sind unter anderem die Einrichtung von sicheren Kommunikationsstrukturen und die Vorbereitung auf Personal- und Materialausfälle notwendig. Zudem kommt dem Schutz kritischer Infrastrukturen und der Funktionsfähigkeit von Krisenstäben zentrale Bedeutung zu. Diese Maßnahmen können teilweise bereits niedrigschwellig umgesetzt werden, etwa durch Intranet-Berichte bei Probe-Warntagen, Informationsveranstaltungen sowie Aus- und Fortbildungsangebote für die Beschäftigten.
Einbindung der Bevölkerung: Parallel setzt die Stadt auf breite Informationsangebote und Kooperationen, um Eigenvorsorge zu stärken. So wurden bereits Informationstafeln, Artikel in sozialen Netzwerken und Roundtables zur Resilienzstärkung initiiert. Allerdings kann Resilienz in einer Großstadt nur über Multiplikatoren, Netzwerke und eine gezielte Ansprache unterschiedlicher Zielgruppen erreicht werden. Hierbei rücken deshalb beispielsweise Fortbildungsangebote an Volkshochschulen, Fachartikel in den Medien sowie der Aufbau von Resilienz-Zentren in den Blick.
Blaulichtorganisationen im Wandel: Vom Helfer zum Befähiger
Alexandra Rüth, Teamleiterin Sicherheitsforschung & Innovationstransfer beim Deutschen Roten Kreuz (DRK), stellte heraus, dass ein resilienter Bevölkerungsschutz nur durch die systematische Stärkung von Fähigkeiten zur Selbsthilfe erreicht werden kann. Den Hilfsorganisationen kommt hierbei eine zentrale Rolle zu, um die Bevölkerung zum Selbstschutz zu befähigen.
- Begrenzte Reichweite professioneller Hilfe: Gerade in der Anfangsphase großflächiger Krisenlagen sind Einsatzkräfte nicht sofort flächendeckend verfügbar. Die erste Reaktionsfähigkeit liegt daher bei den Betroffenen selbst, ihrem nachbarschaftlichen Umfeld und Spontanhelfern. Diese Gruppen müssen die Fähigkeiten besitzen, die Zeit bis zum Eintreffen von professioneller Hilfe zu überbrücken.
- Bestehende Selbstschutzangebote: Zur Stärkung der Selbstschutzfähigkeit bieten die Hilfsorganisationen bereits eine breite Palette von Schulungsinhalten an: Neben Kompetenzen in Erster Hilfe wird auch das richtige Verhalten in Gefahrensituationen vermittelt. In einigen Bundesländern ist zudem die Herz-Lungen-Wiederbelebung bereits ab der 7. Klasse im Unterricht verankert. Entscheidend ist dabei, solche Selbstschutzprogramme alltagsnah und zielgruppengerecht zu gestalten, um unterschiedliche Bevölkerungsgruppen erreichen zu können.
- Mentalitätswandel der Hilfsorganisationen: Die Hilfsorganisationen sehen sich bislang vor allem als Helfende, jedoch noch nicht ausreichend als „Befähiger“ der Bevölkerung. Dieser Mentalitätswandel braucht Zeit und verlangt auch nach neuen Kommunikationsstrategien, angepassten Bildungsangeboten und nach einer vertieften Kooperation mit staatlichen Stellen, um Selbstschutz systematisch in die Strukturen des Bevölkerungsschutzes zu integrieren.
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