Globale Ernährungssicherheit
Wirkt nachhaltige intensive Landwirtschaft gegen Hunger?
Agrarökonom Alois Heißenhuber mit den Geographen Florian Zabel und Julia Schneider suchen nach neuen Wegen für die Ernährungssicherheit.
HSS
„Kein Hunger! Den Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern“ lautet Ziel Nummer zwei der globalen Nachhaltigkeitsziele.
Zu den Hungertreibern zählen politische Instabilität, Unruhen und Kriege, Naturkatastrophen und der Klimawandel. Die Corona-Pandemie hat die Nahrungsversorgung vor weitere Herausforderungen gestellt und dann folgte der russische Angriff auf die Ukraine. Dazu muss man wissen: Ukraine und Russland gelten als "Kornkammern" der Welt, sie produzieren zusammen 15 Prozent des weltweiten Weizens. Das hat die Situation dramatisch verschärft. Nicht nur die landwirtschaftliche Produktion in der Ukraine wurde beeinträchtigt, sondern auch die Lieferketten - und der Agrarhandel insgesamt: Die Preise für Energie, Transport, Dünger und Nahrungsmittel sind weltweit gestiegen. Ein regelrechter Dominoeffekt.
Wie kann hier Abhilfe geschaffen werden? In einer Hybridveranstaltung der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung erörterten Münchner Wissenschaftler wie die Landwirtschaft nachhaltig intensiviert werden könnte. Unter ihnen befanden sich die Geographen PD Dr. Florian Zabel und Julia Schneider. Sie arbeiten als Wissenschaftler an der LMU München im Bereich der globalen Landwirtschaft und der nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs).
Insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent sind viele Regionen von Getreideimporten abhängig. In Afrika leiden etwa 300 Millionen Menschen an chronischem Hunger. Der Welthunger-Index von 2021 zeigt, dass die Situation in Ländern wie Somalia, Tschad, Demokratische Republik Kongo, Südsudan, Burundi oder Zentralafrika besonders ernst ist. Zu den genannten Krisen kommen verstärkt auftretende Dürren und damit verbundene Ertragsminderungen, sowohl in Europa als auch auf anderen Kontinenten (siehe jeweils aktuelle Karten der NASA).
Die Kornkammern der Welt
Die bedeutsamsten Agrarprodukte für uns Menschen sind Weizen, Mais, Soja und Reis. Die wichtigsten Anbauregionen für diese Nutzpflanzen sind global sehr unterschiedlich verteilt.
Während Weizen überwiegend in den gemäßigten Breiten angebaut wird, wird Reis v.a. in den Tropen und Subtropen in Asien kultiviert. Die Mais-Anbaugebiete finden sich überwiegend in den USA und China, während Soja große Flächen in Südamerika in Anspruch nimmt.
Für Zabel hat die globale Verteilung den Vorteil, dass eventuelle Ertragsausfälle in einer Region durch globalen Handel kompensiert werden können. Bislang sei es allerdings noch nie passiert, dass alle Kornkammern gleichzeitig ausfallen. Was dem Wissenschaftler allerdings auffällt:
„Es gibt für die vier wichtigsten Anbauprodukte kein bedeutsames Anbaugebiet in Afrika“.
Hier sind viele Länder auf Importe angewiesen, da die eigene landwirtschaftliche Versorgung den eigenen Bedarf nicht abdecken kann. Hinzu kommt: Lieferschwierigkeiten oder Preissteigerungen wirken sich dort deutlich stärker aus, erläutert Zabel, da die Kaufkraft in diesen Ländern oft gering ist und der Anteil der Konsumausgaben für Nahrungsmittel bereits oft über 70 Prozent beträgt.
Vor allem in Subsahara-Afrika könnten durch eine Modernisierung der Landwirtschaft potentiell höhere Erträge erzielt werden.
Dr. Florian Zabel
Auswege aus der Ernährungskrise
Eines vorweg: Wir Konsumenten haben einen Einfluss auf die globale Ernährungssituation, erklärt Agrarökonom Prof. Dr. Dr. h.c. Alois Heißenhuber, ehemaliger Ordinarius an der TU München-Weihenstephan. Nach wie vor landen zu viele Nahrungmittel in der Abfalltonne. Wir können helfen, diese Verschwendung zu verringern - und auch unsere Ernährung umstellen, v.a. weniger tierische Erzeugnisse konsumieren. Denn: Allein in Deutschland gehen 60 Prozent der Getreideernte als Futtermittel in die Fleischproduktion, rechnet Heißenhuber vor.
Um mehr Nahrungsmittel zu erzeugen, gibt es zum einen die Möglichkeit, landwirtschaftliche Flächen zu vergrößern, also weitere Flächen für die Landwirtschaft in Nutzung zu nehmen (Expansion). Zum anderen kann die landwirtschaftliche Produktion intensiviert werden, sodass auf der gleichen Fläche höhere Erträge erzielt werden können. Seit den sechziger Jahren wurde die globale landwirtschaftliche Produktionssteigerung zum Großteil (85 Prozent) durch eine Intensivierung der Landwirtschaft erreicht, während 15 Prozent der Produktionssteigerungen durch Expansion umgesetzt wurde. Diese fand überwiegend in den Tropen statt und führte zur Abholzung tropischer Wälder. Modellrechnungen zeigen, dass sich dies fortsetzen könnte und damit das Risiko, dass Ökosysteme und Biodiversität zerstört werden. Zudem wirkt es sich negativ auf den Klimawandel aus, so Julia Schneider.
Intensivierung bedeutet zumeist: größere Schlagflächen und höherer Einsatz von Maschinen, Dünge- und Pflanzenschutzmitteln. Dadurch sinken die Produktionskosten. Doch Heißenhuber verweist hier auf die – zumindest auf lange Sicht - steigenden versteckten „externen“ Kosten. Gemeint sind damit Risiken, wie Bodenabtragung, Übernutzung der Grundwasservorkommen, Emissionen, negative Einflüsse auf die Biodiversität.
Die drei Wissenschaftler schlagen daher der eine „nachhaltige Intensivierung der Landwirtschaft“ vor.
Durch nachhaltige Intensivierung der Landwirtschaft könnte auf der gleichen Fläche ein höherer Ertrag erzielt werden.
Dr. Florian Zabel
Nachhaltige Intensivierung der Landwirtschaft
Bei der „nachhaltigen Intensivierung der Landwirtschaft“ handelt sich um ein Konzept („Sustainable Intensification“, Royal Society London, 2009), das im englischen Sprachraum entwickelte wurde, wie Heißenhuber erklärt:
„Eine Form der landwirtschaftlichen Produktion, mit der Ertragssteigerungen erreicht werden können, ohne negative Effekte für die Umwelt zu verursachen und ohne zusätzliche Fläche in Kultur zu nehmen”.
In Europa oder Nordamerika ist der Intensivierungsgrad der Landwirtschaft bereits sehr hoch, teilweise wurden hier die maximal möglichen Erträge bereits erreicht. In anderen Regionen, wie Subsahara-Afrika, liegen hingegen die aktuell erzielten Erträge meist weit unter dem, was aufgrund der Gegebenheiten wie Boden, Klima, Topografie und bei effizienteren Anbaumethoden möglich wäre. Dies gilt u.a. auch für die Anbaufrüchte Sorghum und Hirse, ergänzt Zabel. „Effizient“ heißt in diesem Zusammenhang z.B., dass der Einsatz von Düngemitteln so gut gesteuert wird, dass die Pflanzen zu jeder Zeit so viele Nährstoffe bekommen, wie sie brauchen und aufnehmen können, aber nicht mehr.
Auch die Bodenbeschaffenheit spielt eine zentrale Rolle. Wie gut es um den Boden bestellt ist, lässt sich z.B. an der Anzahl und der Aktivität der Regenwürmer ablesen. Sie erfüllen wichtige Funktionen, denn sie sorgen für eine bessere Durchlüftung und Wasseraufnahmefähigkeit. Außerdem verdauen sie Laub und anderen organischen Substanzen. Die feinen Humuspartikel, die die Regenwürmer dann ausscheiden, sorgen für eine bessere und stabilere Bodenstruktur und sind mit Nährstoffen angereichert.
Welche Form der „nachhaltigen Intensivierung“ am besten geeignet ist und am effizientesten mit der Fläche umgeht, hängt von den vor Ort gegebenen Möglichkeiten ab. In Ländern mit bereits fortgeschrittener Intensivierung kann die Antwort in der Digitalisierung liegen – Stichwort „Precision Farming“ – oder im „Indoor Vertical Farming“, das heißt der Nahrungsmittelproduktion auf mehreren Stockwerken in einem Gebäude, oder in der "Agroforstwirtschaft", in der Nahrungsmittel- und Holzproduktion kombiniert werden.
Tatsächlich begleitet auch die Hanns-Seidel-Stiftung in verschiedenen Regionen Projekte der nachhaltigen Landwirtschaft, um mit den Akteuren und den Betroffenen vor Ort Lösungen zu entwickeln, die Konflikte beim Klima- und Umweltschutz sowie in der Energie- und Nahrungsmittelproduktion zu lösen. (vgl. hierzu unsere Projektmaßnahmen in der DR Kongo).
Ausblick
Die aktuelle Lage führt vor Augen, wie fragil Lieferketten und die politische Stabilität sein können - und angesichts der Hitze- und Dürreperiode, wie sehr der Klimawandel die Ernährungssicherung bedrohen kann.
Die Diskussion im Rahmen der Veranstaltung mit den Wissenschaftlern führte auch auf die Herausforderungen der Landwirtschaft in Deutschland. Sie muss sich an neue Klimabedingungen anpassen und in Regionen mit Siedlungsdruck ebenfalls um ihre Flächen kämpfen. Die Frage „Tank oder Teller“ keimt wieder auf: Angesichts der Energiekrise erneuerbare Energien anbauen oder angesichts der Ernährungskrise Nahrungsmittel anbauen?
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