Internationale Expertentagung
Wissenskommunikation – eine (sprachliche) Herausforderung für die gesamte Gesellschaft
(v.l.) Prof. Dr. Günther-Ulrich Tolkiehn, PD Dr. Hermann H. Dieter, Prof. Dr. Diane Robers, Joseph Mörtl, Dr. Jan-Martin Wiarda
Thomas M. Klotz; HSS
Wissenschaftler sehen sich selbst in der Verantwortung, ihre Erkenntnisse mit der Öffentlichkeit zu teilen. Zudem fordern Politiker immer wieder eine verständliche Wissenschaftskommunikation ein. Diese gelingt einmal besser, einmal schlechter, wie die großen Herausforderungen unserer Zeit zeigen.
Professor Ralph Mocikat, Vorsitzender des ADAWiS, fragte daher in seinem Grußwort: „Wie soll das funktionieren, wenn die Wissenschaftler sich in eine englischsprachige Blase zurückziehen, wenn landessprachliche Begriffe nicht mehr gebildet werden, wenn Kollegen freimütig zugeben, sie seien gar nicht mehr in der Lage, ihr Gebiet auf Deutsch zu beschreiben, wenn die meisten Forschungsinstitutionen in ihren für die Laienöffentlichkeit bestimmten Internetauftritten keine landessprachlichen Versionen mehr anbieten?“
Damit waren die rahmengebenden Fragen der Tagung gesetzt. Die Vorträge und Diskussionsrunden waren nicht selten von großem Enthusiasmus geprägt und bemerkenswert pointiert. So sprach etwa Professor Winfried Thielmann (TU Chemnitz) in Anbetracht der Anglisierung im wissenschaftlichen Bereich gar von einer „Fortführung britischer Kolonialgeschichte“. Dem Duktus wollten sich nicht alle Teilnehmer anschließen, die Problemanalyse teilten sie indes.
Wolfram Brehm, Hauptgeschäftsführer der IHK für Oberfranken-Bayreuth, verwies auf die Konkurrenz zwischen Universitäten und Hochschulen um Studierende – und zwar international. Gleichzeitig sehe er die Absolventen zu wenig für die Praxis ausgebildet. Die überwältigende Mehrheit würde nach dem Studium nicht im universitären Bereich verbleiben, sondern einer Arbeit in der Wirtschaft vor Ort nachgehen. Und gerade deshalb sei es wichtig, die Verwendung der Landessprache in der Lehre zu fördern.
(v.l.) Prof. Dr. Günther-Ulrich Tolkiehn, Wolfram Brehm, Prof. Dr. Carsten Könneker, Prof. Dr. André Haller
Thomas M. Klotz; HSS
Anglisierung als Problem der Lehre
In dieselbe Kerbe schlug Professor Oliver Locker-Grütjen, Präsident der Hochschule Rhein-Waal. Er konstatierte, dass man in der Wissenschaft eine Vormachtstellung des Englischen tolerieren könne, in der universitären Lehre aber nicht. Neben den Problemen bei wissenschaftlichen Begrifflichkeiten sei die Tatsache, dass in den allermeisten Fällen weder die Dozierenden noch die Studierenden englische Muttersprachler seien, wohl kaum förderlich für die Kommunikation.
Um der zunehmenden Anglisierung des Wissenschaftsbetriebs entgegenzuwirken, schlug Olga Rösch (Technische Hochschule Wildau) vor, Auszeichnungen für in deutscher Sprache verfasster Publikationen zu vergeben. Die Professorin für Interkulturelle Kommunikation bedauerte: „Mir fehlt in Deutschland die Erkenntnis, dass die deutsche Sprache ein Kulturgut ist.“
Der Vorsitzende des RCDS Bayern, Joseph Mörtl, warnte indes davor, sich zu sehr auf Deutsch als Wissenschaftssprache zu versteifen. Die Verständigung auf Englisch bringe auch Vorteile mit sich, etwa einen erleichterten Austausch zwischen Studierenden und Wissenschaftlern weltweit. Und: Auch deutsche Begriffe aus der Wissenschaft seien der deutschen Öffentlichkeit nicht zwingend geläufig und bedürften der Übersetzung.
Professorin Diane Robers, Leiterin der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung, plädierte daher auch für eine Bewusstseinssteigerung und Sensibilisierung bei der Sprachenwahl. Gerade wegen der kommunikatorischen Herausforderungen zwischen den verschiedenen Interessengruppen sei die Übersetzungsleistung von der Wissenschaft in den Alltag, wie es unter anderem auch Ziel der Akademie für Politik und Zeitgeschehen ist, fundamental wichtig.
Dieser Herausforderung stellten sich dann auch fünf Teilnehmer der Veranstaltung bei einem abendlichen Science Slam. Hierbei stellten Promotionsstipendiaten der Hanns-Seidel-Stiftung ihre wissenschaftlichen Vorhaben in nur sieben Minuten vor.
(v.l.) Johannes Singhammer, Prof. Dr. Werner Müller-Pelzer, Dr. Melanie Moll, Dr. Stephan Oetzinger, MdL, Dr. Jan-Martin Wiarda
Thomas M. Klotz; HSS
Umgang mit der Anglisierung im europäischen Ausland
In den Diskussionsforen zu der Situation der Landessprachen im europäischen Ausland zeigte sich ebenfalls die Sorge, dass Englisch die jeweiligen Sprachen verdrängen könnte. Gleichzeitig wurde festgestellt, dass man beispielsweise in Frankreich und Italien schon seit geraumer Zeit der umgreifenden Anglisierung entgegenwirkt.
So berichtete etwa Professor Giancarmine Bongo von der Universität Neapel darüber, dass es von politischer Seite Initiativen zur Förderung der italienischen Sprache gebe, allerdings keine expliziten Maßnahmen zur Vertiefung des Italienischen als Wissenschaftssprache. Jedoch: Der italienische Verfassungsgerichtshof habe festgestellt, so erklärte Professor Bongo, dass es zwar auf Englisch gehaltene Studiengänge geben dürfe – aber nur dann, wenn es dasselbe Studienangebot auch auf Italienisch angeboten wird.
In Frankreich hingegen unterstützt die Politik Französisch als Wissenschaftssprache weitreichender. Hier sollen sämtliche Studienfächer in der Landessprache angeboten werden, jedoch sind Ausnahmen bei „internationalem Charakter“ der Materie erlaubt, wie Professor Pierre Frath von der Universität Reims Champagne-Ardenne erläuterte. Einige Universitäten und Hochschulen versuchten jedoch diese Vorgabe zu umgehen, wogegen die politischen Institutionen bislang wenig bis gar nicht einschritten. Daher habe er unlängst zusammen mit einigen Mitstreitern gegen eine französische Hochschule mit umfassenden Studienangebot auf Englisch geklagt.
Besorgt zeigte sich auch Professor Ad Verbrugge von der Freien Universität Amsterdam. Er konstatierte: „Wir erleben eine allgemeine Sprachverwahrlosung an den Universitäten.“ Über Jahre hinweg habe man versucht, möglichst viele Studierende aus dem Ausland zu gewinnen mit einer Anglisierung der Lehre. Die Folgen seien eine immense Preissteigerung für Studentenwohnungen und eine deutliche Niveau-Absenkung. Inzwischen beschreite man in den Niederlanden jedoch einen anderen Weg: Es werden vermehrt Seminare und Vorlesungen auf Holländisch angeboten. Der amtierende Wissenschaftsminister Robbert Dijkgraaf fordere gar, dass zwei Drittel der universitären Veranstaltungen auf Holländisch stattfinden sollen, berichtete Professor Verbrugge.
Eine Folge der zunehmenden Anglisierung der Wissenschaft zeigte Professor Bernhard Sabel von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg auf: Fake-Publikationen. Gerade bei Fachartikeln in englischer (und chinesischer) Sprache fielen immer mehr Plagiate auf, die von einer Künstlichen Intelligenz verfasst wurden, zum Teil unterfüttert mit erfundenen Statistiken. Dies habe gerade im medizinischen Bereich weitreichende Konsequenzen. Professor Sabel stieß als Herausgeber einer biomedizinischen Zeitschrift auf diese unredliche Methode der Aufbesserung der wissenschaftlichen Vita, die jährlich wohl mehrere Milliarden Euro generierte.
Politische Dimensionen der Wissenschaftssprache
Zum Abschluss der Tagung wurden mögliche politische Implikationen für eine koheränte Sprachenpolitik in der Europäischen Union diskutiert. Johannes Singhammer, ehemaliger Bundestagsvizepräsident, sprach sich deutlich gegen eine Anglisierung des Wissenschaftsbetriebs aus und betonte: „Diversität ist das Gebot der Stunde.“ Aktuell würde man dabei zusehen, wie die Sprache an den Universitäten „vereinfacht und verzwergt“ würde.
Dr. Melanie Moll, geschäftsführende Direktorin des Vereins „Deutschkurse bei der Universität München“, kritisierte in diesem Zusammenhang auch das neue bayerische Hochschulinnovationsgesetz (HIG), worin es heißt, dass ausländische Studierende „hinreichende Kenntnisse in der deutschen Sprache“ erwerben sollten, aber niemand wisse, was das nun bedeuten solle.
Dr. Stephan Oetzinger, Mitglied im Ausschuss für Wissenschaft und Kunst des Bayerischen Landtags, wollte die pauschale Kritik am HIG nicht gelten lassen. Es sei politischen Umständen geschuldet gewesen, dass man hierbei keine klarere Formulierung verwenden konnte. Er betonte zugleich, dass das HIG den Hochschulen auch die Möglichkeit gebe, in der jeweils eigenen Studienordnung höhere Ziele zu benennen.