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Gewalt gegen Frauen steigt
Ein Mord in Kenia

Autorin/Autor: Daniel Seiberling

Die ugandische Marathonläuferin Rebecca Cheptegei, Olympiateilnehmerin 2024, wurde in Kenia von ihrem ehemaligen Partner mit Benzin übergossen und in Brand gesteckt. Der Täter ist ebenfalls Kenianer und wie sein Opfer wenig später den dabei erlittenen Verbrennungen erlegen. Laut kenianischen Zeitungsberichten eskalierte ein Streit über Ansprüche auf ein Grundstück der Sportlerin.

HSF Masterclass in Kenia

HSF Masterclass in Kenia

HSS

Dieser besonders brutale Angriff war aber nur einer unter vielen. In Kenia ist die Zahl der Frauenmorde im Laufe der Jahre gestiegen. Die genauen Zahlen sind aufgrund geringer Berichterstattung und unzureichender Datenerfassung nur schwer zu ermitteln. Nach Angaben des Nationalen Statistikbüros sind aber mindestens 34 Prozent der kenianischen Frauen im Laufe ihres Lebens physischer Gewalt ausgesetzt und in 98 Prozent der erfassten Fälle von sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt (SGBV) sind die Opfer Frauen.

Ursachen für die Gewalt gegen Frauen

Die Hauptursachen für Gewalt gegen Frauen bis hin zum Femizid (Tötung von Frauen oder Mädchen wegen ihres Geschlechts) sind tradierte Gesellschaftsmodelle und aktuelle sozio-ökonomische und gesellschaftspolitische Herausforderungen:

  • Patriarchalische Kultur in Kenia: Traditionelle Geschlechternormen und patriarchalische Einstellungen werten Frauen oft ab und normalisieren Gewalt gegen sie. Dies betrifft vor allem das allgemeine Persönlichkeitsrecht im weiteren Sinne, sei es bei Ausbildung, Eheschließung, dem tradierten Erbrecht oder generell Besitz- und Eigentumsfragen.
     
  • Wirtschaftliche Abhängigkeit: Die wirtschaftliche Abhängigkeit von Frauen ist sowohl tradierten Gesellschaftsformen und Geschlechternormen als auch der schwachen Wirtschaftsleistung des Landes geschuldet. Wirtschaftliche Unabhängigkeit als wichtiger Schritt zur persönlichen und gesellschaftlichen Emanzipation von Frauen liegt für viele Kenianerinnen noch in weiter Ferne.
     
  • Schwache Sicherheitsbehörden und Strafverfolgung: Prävention von sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt  und Strafverfolgung sind nur schwach entwickelt, so dass viele Fälle nicht untersucht werden oder die Täter nur milde Strafen erhalten.
     
  • Soziale Stigmatisierung: Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt sehen sich häufig mit Stigmatisierung und Schuldzuweisungen konfrontiert, was sie davon abhält, dies zu melden und Hilfe zu suchen. Geschlechtsspezifische Gewalt findet unabhängig von wirtschaftlicher, sozialer oder gesellschaftlicher Stellung statt und muss daher als gesamtgesellschaftliches Phänomen angegangen werden.
Gachui Kariuki at HSF Masterclass in Kenia

Gachui Kariuki at HSF Masterclass in Kenia

HSS

Maßnahmen gegen die Gewalt

Politik und Gesellschaft in Kenia sind sich dessen bewusst, dass in vielen Gesellschaftsbereichen der Übergang von tradierten Gesellschaftsmodellen in eine moderne, rechtsstaatliche Demokratie bewältigt werden muss. Ein wichtiger Schritt dabei war die Annahme der Verfassung von 2010, die auch weitreichende Vorgaben zum Schutz der Menschenrechte und zur Würde der Person beinhaltet.  

Basierend auf der Verfassung hat Kenia zahlreiche Gesetze gegen häusliche Gewalt, Sexualdelikte und geschlechtsspezifische Gewalt erlassen, deren Durchsetzung jedoch oft inkonsistent ist.

Dass Sicherheitsbehörden bei der Ermittlung von Straftaten oft wenig energisch vorgehen, ist der systemischen Dimension des Problems geschuldet. Aber selbst ein hocheffizienter Sicherheitsapparat würde, ohne eine soziokulturelle Änderung der Einstellung gegenüber der Rolle von Frauen in der Gesellschaft, nur wenig ausrichten. Die Polizei kann dem einzelnen, kriminellen Straftäter, den es in jeder Gesellschaft gibt, gegenübertreten, aber nicht der vermeintlichen Normalität der Gewalt gegen Frauen, wie sie in Kenia noch viel zu häufig anzutreffen ist.

Njeri Migwi  at HSF Masterclass in Kenia

Njeri Migwi at HSF Masterclass in Kenia

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Die Rolle der Zivilgesellschaft

Zivilgesellschaftlichen Initiativen zu einem kulturellen Wandel, der über bloße Symptombehandlung hinausgeht, kommt hier eine besondere Bedeutung zu. Täter wie Opfer kommen aus der Bevölkerung, so dass grundlegende Regeln und Normen des Zusammenlebens hinterfragt und neu definiert werden müssen. Gesetze können zwar einen Rechtsrahmen vorgeben, der bestraft und dadurch abschreckt, eine positive Kultur des gleichberechtigten Miteinanders kann aber nur aus der Gesellschaft selbst entstehen.

Das Büro Kenia der Hanns-Seidel-Stiftung unterstützt diese Entwicklung durch einen gesellschaftspolitischen Dialog, zuletzt im April 2024 mit einem Factsheet zu den Gesetzen und Institutionen, die sich mit dem Problem Femizid beschäftigen und einem Masterclass-Workshop über die Möglichkeiten von kenianischen Landtagsabgeordneten, in diesem Themenkomplex aktiv zu werden.

Gedenken an Rebecca Cheptegei

Aufsehenerregende Fälle wir der von Rebecca Cheptegei tragen dazu bei, die Unmenschlichkeit der Gewalt gegen Frauen zu thematisieren und ein öffentliches Problembewusstsein zu schaffen. Wenn, wie angekündigt, eine Sportstätte in Paris nach Cheptegei benannt wird, dient das dem Andenken an den sinnlosen Tod der Sportlerin und zur Motivation der vielen Aktiven, in Kenia und weltweit, im Kampf gegen weitere Opfer.

Kontakt

Leiter: Daniel Seiberling
Südosteuropa
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