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Gedanken zum Trauermonat November
Zeit des Abschieds

Autorin/Autor: Susanne Breit-Keßler

Im November, dem Monat des Gedenkens, stehen Leben und Tod, Schmerz und Hoffnung Seite an Seite. In einer Zeit, die Eile zum Ideal erhoben hat, erinnert uns die Trauer daran, dass Loslassen nicht ohne Verweilen gelingt. Wer trauert, arbeitet am Leben selbst – Schritt für Schritt, bis die Stille wieder Raum für Neues lässt.

Portrait von Susanne Breit-Keßler

Regionalbischöfin i.R., Vorsitzende Bayerischer Ethikrat und Stv. Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung

Susanne Breit-Keßler

Der November – Zeit des Erinnerns

Der November ist der Monat der denkwürdigen Tage. Allerheiligen und Allerseelen am 1. und 2. November, die katholischen Feste des Totengedenkens, werden auch von Protestanten wahrgenommen, um der Verstorbenen zu gedenken. Am Ende des Monats Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag, mittendrin Buß- und Bettag. Wochen, in denen sich Tod und Leben, Trauer und Freude gegenüberstehen.

Manche Zeitgenossen nervt das. Heutzutage hetzt man nicht nur durch den Alltag, auch die Trauer ist ruckzuck erledigt. Da wird der Beisetzungstermin der Mutter fix festgelegt, weil der Urlaub naht - entfernt wohnende Verwandte können gar nicht mehr kommen. Oder man fragt schon mal nach, warum es vor der kirchlichen Trauerfeier ein Beerdigungsgespräch braucht.

Wenn Trauer zur Pflichtübung wird

Wozu auch? Keine Zeit. Tot ist tot. Obendrein stören Trauer und Trauernde das Lebensgefühl, sie verderben anderen die Laune. Schließlich soll man möglichst immer gut drauf sein. Menschen geben sich körperlich und seelisch vitaler, als sie sind. Aber der Tod, übrigens auch der von Beziehungen mitten im Leben, verlangt intensive Trauerarbeit. 

Das Trauerjahr – ein verlorenes Ritual der Menschlichkeit

Das früher übliche Trauerjahr war eine Hilfe, um der Trauer eine Form zu geben. Man trug Schwarz und signalisierte nach außen: „Bitte geht behutsam mit mir um.“ Mit dem Trauerjahr nahm man sich gesellschaftlich akzeptierte Zeit, im Tal der Tränen zu wandern. Das Ablegen der dunklen Kleidung war die Botschaft: „Die Trauer bestimmt nicht mehr mein ganzes Leben.“

Eine weise Tradition. „Den Gang der gemessen ablaufenden Zeit beschleunigen zu wollen, ist das kostspieligste Unternehmen.“ Diese Einsicht notierte der Philosoph Schopenhauer. Mit anderen Worten: Wer an Pflanzen zieht, um sie zum schnelleren Wachstum zu bewegen, der macht alles kaputt. Un(-aus-)gelebte Trauer kommt teuer zu stehen. 

Es geht darum, die Realität des Verlustes akzeptieren, den Trauerschmerz zu erfahren. Uns an eine Welt anzupassen, in der die Verstorbenen nicht mehr sind. Die Liebe bleibt, wandelt sich, darf irgendwann Raum lassen für andere Beziehungen. Bevor wir das können, gibt es viel zu tun und zu erfahren.

Zwischen Schock, Wut und Schuld

Zur Bewältigung eines Verlustes gehört Entsetzen über das, was geschieht: „Das kann, das darf nicht wahr sein. . . “ Der Schock schützt davor, vom Zusammenbruch der eigenen Welt völlig überwältigt zu werden. Danach muss so viel erledigt werden – Behördengänge, Kauf von Trauerkleidung, Empfang von Besuch. Da können viele ihrer Trauer gar nicht nachgeben. 

Aber Selbstbeherrschung lässt sich nicht ewig aufrechterhalten. Gefühle toben los: Wut über die Ohnmacht gegenüber dem Tod. Zorn darüber, wie der vertraute Mensch gestorben ist. Zorn, dass wir, ohne es jemals zu wollen, aneinander schuldig geworden sind. Eigene Schuldgefühle und nicht ausgetragene Konflikte mit dem Verstorbenen beuteln einen. Apathie überfällt einen. 

Durchlebt man alle diese chaotischen Untiefen, dann kann, was ein anderer einem bedeutet hat, entdeckt und allmählich in das eigene Leben integriert werden. Der oder die Verstorbene, das Verlorene findet einen Platz im Innern. Man selbst findet neue Entfaltungsmöglichkeiten – auch für sich allein.

Weder Schock noch Erstarrung, weder sture Selbstbeherrschung noch quälendes Gefühlsdurcheinander kann man sich und anderen ersparen. Wer sich über allen Verlusten nicht selbst verlieren möchte, sondern eigenständig und mit anderen weiterleben und das Wagnis neuer Bindungen eingehen möchte, der muss zuerst Abschied nehmen, loslassen. 

Trauerarbeit ist sehr individuell. In ihr wäre es fatal, Schritte auf dem Weg zu neuem Leben auszulassen, Phasen der Trauer zu umgehen, um sich Konfrontation zu ersparen. Und wir müssen, sollen, dürfen wissen: Jeder Tag, den unsere Toten nicht mehr erleben konnten, ist ein Verlust. Denn ein einziger Tag hat unendlichen Wert. 

Der Wert des Vergangenen

Zum bisherigen Leben hinzugefügt kann er durch Gespräche, ein gutes Wort, eines der Vergebung alles ändern, kann Vergangenheit in einem anderen Licht erscheinen lassen und Zukunft neu möglich machen. Wenn dieser Tag fehlt, wissen wir zwar nicht, was er gebracht hätte – aber wir wissen, dass uns etwas versagt bleibt. 

Novembergedenken. Jedes Menschenleben ist einmalig. Jeder junge Mensch ein Versprechen, eine Verheißung. Jeder alte Mensch ein Geschenk – mit seiner, ihrer Geschichte. Er, sie hat etwas zu erzählen, kann zum Lebens- und Erfahrungswissen beitragen – kann lehren, andere Perspektiven einzunehmen, geduldig zu sein. Beides ist kostbar.

Und dann ist Stille. Verlust von Leben. Von menschlichem Leben. Auch von Lebens- und Existenzmöglichkeiten, die auf einmal dahin sind. Man muss sich die Trauer darüber regelrecht gönnen, sie, ja, auskosten. Wer verdrängt, was möglich gewesen wäre, der verdrängt echten Schmerz. Und der kommt wieder, in anderer Form.   

Jeder muss den Weg der Trauer gehen und jede wird spüren, wann er zu Ende gegangen ist. Vorher braucht man die Trauerkleidung, ob sichtbar oder ungesehen um die Seele gehüllt, nicht ausziehen. „Des Menschen Engel ist die Zeit“, schreibt Friedrich Schiller. Diesen Engel darf man nicht an- und vertreiben. Man muss ihn für sich gewinnen, um leben zu können.

Kontakt

Stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung: Susanne Breit-Keßler
Vorstand
Stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung