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Russische Invasion in der Ukraine
Zwei Jahre Krieg

Autorin/Autor: Andreas von Delhaes-Guenther

Als am 24. Februar 2022 in der Ukraine die Sirenen heulten und die ersten Raketen einschlugen, begann der erste großflächige Angriffs- und Eroberungskrieg in Europa seit 1945 – abgesehen von den Jugoslawien-Kriegen Anfang der 90er Jahre. Zwei Jahre später ist kein Ende in Sicht.

„Aufwachen, der Krieg hat begonnen“, schrieb Bild-Reporter Paul Ronzheimer aus der Ukraine seiner Redaktion. Explosionen in der Hauptstadt Kyjiw, in Charkiw, Odessa, Lwiw und anderen Städten läuteten den Krieg ein, der vom russischen Diktator Wladimir Putin beschönigend „Spezialoperation“ zur angeblichen „Befreiung“ und „Entnazifizierung der Ukraine“ genannt wurde. Von Norden, Osten und Süden stießen russische Truppen in das Nachbarland vor – auch aus dem verbündeten Belarus. Man habe damit einer schriftlichen Bitte der Chefs der „Volksrepubliken“ Luhansk und Donezk um Beistand entsprochen, „um Angriffe von der ukrainischen Armee abzuwehren“, so die Kreml-Propaganda.

Nach heftigen Kämpfen konnten die russischen Invasoren in der Ortschaft Butscha, nur wenige Kilometer von der Hauptstadt Kyjiw, zurückgeschlagen werden. Dieses Bild wurde am sechsten April 2022 aufgenommen.

Millionen Ukrainer flohen gen Westen. "Ein trauriger Jahrestag, der uns vor Augen führt, dass die Situation leider noch immer unverändert und ungelöst ist. Die Ukraine bräuchte weitere Unterstützung, gleichzeitig sollten politische und diplomatische Lösungen forciert werden", betont Markus Ferber, MdEP, und Vorsitzender der HSS.

Kampf um Kyjiw

Die Einkesselung von Kyjiw und die schnelle Kapitulation der Ukraine, mit der so viele rechneten, scheiterte jedoch und geriet zu einem Desaster für Russland. Der Flughafen Hostomel nordwestlich von Kyjiw, der von der russischen Armee als Ausgangspunkt für die Landung weiterer Bodentruppen auserkoren worden war, konnte nicht dauerhaft erobert werden – von vielen Experten als entscheidende Schlacht für die folgenden Wochen eingeordnet. Gleichzeitig stießen russische Truppen von Norden über Tschernobyl und von Nordosten über Tschernihiw vor. Durch geplante Überflutungen, gesprengte Brücken sowie riesige Wald- und Sumpfgebiete blieben den Russen aber nur zwei Hauptverkehrsachsen und wenige Nebenstraßen dafür.

Die langen Fahrzeugkolonnen wurden an vielen Stellen von ukrainischen Trupps und Drohnen attackiert, auch weil die Ukrainer von Anwohnern und NATO-Satelliten über feindliche Bewegungen stetig informiert wurden. Zwar erreichten die russischen Angreifer binnen 48 Stunden auf zwei Seiten die Vororte von Kyjiw, doch erbittert kämpfende ukrainische Soldaten unter ihrem Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj, ihre Artillerie, Javelin-Panzerabwehr und Bayraktar-Drohnen machten den Vorstoß zu einer tödlichen Falle. Saboteure zerstörten zudem Eisenbahnbrücken in Belarus und behinderten so den russischen Nachschub.

Die Schlacht um die Stadt Bachmut im ukrainischen Oblast Donezk zog sich vom August 2022 bis in den Mai 2023 und forderte schreckliche Verluste auch auf ukrainischer Seite. Die ursprünglich 75.000 Einwohner zählende Stadt ist in weiten Teilen zerstört.

So blieb den Angreifern Ende März nur der schmachvolle Rückzug aus dem Norden. Zugleich hatte die Ukraine aber in die Schlacht um Kyjiw viele Truppen aus dem Süden geworfen, was den Russen dort große Landgewinne ermöglichte. Was folgte, waren erbitterte Kämpfe um Mariupol im Süden, Bachmut und Awdijiwka im Osten, ein Beinahe-Putsch der Wagner-Söldner bei Moskau, ukrainische Offensiven im Raum Charkiw, Angriffe auf die Krim-Brücke und schließlich sogar die Befreiung des Gebietes um Cherson bis zum Dnipro.

Doch keinesfalls nur militärische Ziele wurden von Russland attackiert. Von Anfang an wurde klar, dass auch die Zivilbevölkerung im Fadenkreuz des Feindes war. Zahlreiche Wohnhäuser wurden von Raketen und Granaten getroffen, auch Schulen, Kindergärten, Kirchen und schon in den ersten Wochen rund 300 Krankenhäuser. Sogar das Theater in Mariupol, in das Hunderte Zivilisten geflüchtet waren und das sich mit dem riesigen Schriftzug „Kinder“ vor einer Bombardierung schützen wollte, wurde im März 2022 zerstört – mit vielen Toten.

Es war aber nur der Anfang einer Kette beispielloser russischer Kriegsverbrechen, die mit dem Erschießen ukrainischer Zivilisten auf offener Straße und teils gefesselt wie etwa in den Orten Butscha, Borodjanka, Isjum oder Irpin, mit entführten und deportierten Kindern, mit massenhaft vergewaltigten Frauen, mit dem gesprengten Kachowka-Staudamm, mit Raketen auf den überfüllten Bahnhof und eine Pizzeria in Kramatorsk und ein Einkaufszentrum in Krementschuk sowie mit immensen Zerstörungen, Plünderungen und den überall versteckten Minen weiter ging und geht. All dies lässt nur einen Schluss zu: Die Ukraine und ihre Bevölkerung sollen nach Putins Willen ausgelöscht werden – ein Völkermord. Zugleich erhöht diese schreckliche Aussicht aber den Widerstandswillen der Ukraine.

Zu Beginn des Krieges wurden die auf der sogenannten "Schlangeninsel" stationierten ukrainischen Soldaten vom russischen Flaggschiff Moskwa aufgefordert, sich zu ergeben. Ihre Reaktion wurde in dieser Sonderprägung verewigt.

Steinach; HSS; Imago

Krieg um die Wahrheit

Es ist auch ein Krieg der Bilder und Worte. „Die Wahrheit ist immer das erste Opfer eines Krieges“, so lautet ein altes Sprichwort. Vieles beruht nur auf Angaben der kriegführenden Parteien und ist deshalb schwer abzusichern. „Russian Warship, go fuck yourself“, soll die Besatzung der Schlangeninsel im Schwarzen Meer der Kapitulationsaufforderung der russischen Marine entgegnet haben. „Ich brauche Munition und keine Mitfahrgelegenheit“, soll der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf das amerikanische Evakuierungsangebot kurz nach Kriegsausbruch gesagt haben – er postete zudem zu Kriegsbeginn Videos seiner Regierung aus der Hauptstadt.

Legenden rankten sich schnell um die ukrainischen Kampfpiloten „Geist von Kiew“ und „Blauer Helm“. Gesichert sind dagegen die letzten Worte „Slava Ukraini“ (Ruhm der Ukraine) des ukrainischen Soldaten Oleksandr Matsievskyy, der Anfang 2023, nachdem er sich ergeben hatte, von russischen Soldaten erschossen wurde – was diese auch noch im Internet posteten.

Seleskyj blickt finster aber entschlossen in die Kamera.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj spielt für sein Land nicht nur als Führungsfigur eine große Rolle. Seine mediale Präsenz ist auch für die internationale Unterstützung der Ukraine wichtig.

Zuma Wire; HSS; Imago

Tote Russen werden in der Ukraine gerne als „zu Kobzon“ gegangene „Orks“ betitelt – Kobzon ist ein 2018 gestorbener russischer Propagandasänger. Berühmt ist mittlerweile auch das Foto des verletzten Ukrainers im eingeschlossenen Asowstal-Komplex in Mariupol, der mit geschientem Arm das Victory-Zeichen machte. Der Soldat wurde gefangen genommen und später ausgetauscht, völlig ausgemergelt wie fast alle ukrainischen Kriegsgefangenen. Viele weitere Fotos wie das der sterbenden Schwangeren, die aus der zerstörten Mariupoler Geburtsklinik getragen wird, oder von beinahe vollständig ausradierten Dörfern wie Marinka und Bachmut zeugen vom Schrecken dieses Krieges. Bekannt sind auch die zahlreichen Videos von Drohnenangriffen auf beiden Seiten, die eine neue Nähe zum Krieg bringen. Fast heiter dagegen die zahlreichen Memes über die von ukrainischen Bauern mit Traktoren abgeschleppten russischen Panzer oder die versenkten russischen Schiffe.

Es begann 2014

Seit 2014 führt Russland eigentlich schon diesen Krieg, nicht nur mit dem Einmarsch auf der Krim und in der Ostukraine, sondern auch mit Desinformationskampagnen und Einflussversuchen im Westen. Der hat darüber hinweggesehen. Auch den Aufsatz von Putin im Juli 2021, in dem er die Existenz der Ukraine als unabhängige Nation bestritt, hatte offenbar niemand gelesen. Und auf den folgenden Aufmarsch Russlands an der Grenze zur Ukraine wurde zu spät reagiert. Sanktionen folgten, die immer wieder nachgeschärft werden mussten. In Deutschland wurde der damalige ukrainische Botschafter Andrij Melnyk zur Plage des stets zögernden Bundeskanzlers Olaf Scholz, Verteidigungsministerin Christine Lambrecht blamierte sich mit der Lieferung von „5000 Helmen“, Linkspartei und AfD offenbarten sich als Zarenknechte. Die von Scholz angesprochene „Zeitenwende“ schreitet nur quälend langsam voran (mehr Infos dazu hier). Russland hat seine Kriegsziele verfehlt: Die NATO hat sich um Finnland und bald Schweden erweitert, die Ukraine erhielt zudem den Status eines EU-Beitrittskandidaten. Bis heute hat Russland nur ein Fünftel der Ukraine erobert, wovon ein Großteil schon 2014 fiel. Immerhin Faschisten wurden entdeckt – allerdings allesamt in Russland.

Am Ende ist es aber wie immer ein Krieg der Toten, der physisch und psychisch Verletzten, der ungeheuren Zerstörung. Aktuell befindet sich die Ukraine in der Defensive. Doch sie muss diesen Krieg gewinnen, sonst triumphiert das Unrecht.

Ruinen großer Silos und Fabrikbauten. Alles rostet.

Die Überreste der Asowstahl-Fabrik in Mariupol. Nach heftigem Widerstand ukrainischer Einheiten im April und Mai 2022 wurde das weitgehend zerstörte Fabrikgelände von russischen Truppen besetzt.

Zoonar; HSS; Imago

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