Seminar zu Niccolò Machiavelli und Thomas Hobbes:
Zwischen Macht und Moral
Niccolò Machiavelli war ein florentinischer Diplomat, Politiker und Berater, der vor allem durch seine pragmatischen Ansichten zur Machtpolitik und Staatsführung bekannt wurde
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Eine Lehre des Bösen? Niccolò Machiavelli und Thomas Hobbes
Das Böse stößt ab, es wird verurteilt und geächtet. Und doch: Das Böse fasziniert. Diese Faszination ist auch untrennbar mit zwei Denkern verbunden, die die politischen Debatten seit Jahrhunderten prägen und zentrale Säulen der Ideengeschichte darstellen. Niccolò Machiavelli (1469–1527) und Thomas Hobbes (1588-1679) eilt der Ruf des Finsteren voraus. Nicht selten sind mit Machiavellismus und dem Leviathan aus dem Werk von Thomas Hobbes Vorstellungen blutiger Herrschaft verbunden. Im Rahmen der Seminarreihe der Hanns-Seidel-Stiftung „Macht der Ideen – Politische Denker in Zeiten der Krise“ des Instituts für Politische Bildung, zeigte Professor Oliver Hidalgo, Lehrstuhlinhaber der Professur für Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Politische Theorie an der Universität Passau, warum Machiavelli und Hobbes aktueller sind denn je.
Wie relevant sind Macchiavelli und Hobbes heute noch?
Die Seminare sensibilisieren für folgende Fragen und stellen diese zur Diskussion: Welche Bedeutung hat politisches Denken überhaupt für unsere heutige Zeit? Wie können wir mit Theorien vergangener Zeit, unsere aktuellen Herausforderungen, Krisen und gesellschaftlichen Probleme lösen? Welche Ideen stärken unsere Demokratie und in welchen Gesellschaftsentwürfen lauern Gefahren für unser demokratischen Miteinander? Das Seminar der HSS zur Faszination des Bösen schloss unmittelbar an diese Fragen an, gelten doch sowohl Machiavelli als auch Hobbes zu den Gründervätern des politischen Realismus. In diesem Zusammenhang kann Machiavelli – einem Diktum von Leo Strauss zufolge – als derjenige gelten, der den „Kontinent entdeckte, auf dem Hobbes“ sein furchterregendes Staatsgebilde – den Leviathan – erbauen konnte.
Professor Oliver Hidalgo stellte zu Beginn des Seminars die beiden Protagonisten Machiavelli und Hobbes vor: Niccolò Machiavelli war ein florentinischer Diplomat, Politiker und Berater, der während der turbulenten italienischen Kriege im Dienste der Republik Florenz stand und insbesondere durch seine pragmatischen und oft als zynisch betrachteten Ansichten zur Machtpolitik und Staatsführung bekannt wurde. Im „Il Principe“, einer bis heute einflussreichen Schrift, die dem Cesare Borgia gewidmet war, werden die wesentlichen Tugenden beschrieben, über die ein Fürst verfügen soll, wenn er erfolgreich regieren will. Dazu zählen Entschlossenheit, Klugheit, Tatkraft und Mut. Die Grausamkeit als Werkzeug des Fürsten darf kein Dauerzustand sein – Herrschaft soll allein durch gezielte strategische Maßnahmen stabilisiert werden. Politischer Erfolg hängt zudem von der Fähigkeit des Fürsten ab, sich an die jeweilige politische Situation anpassen zu können – ein Konzept, das durch die Begriffe virtù und fortuna beschrieben wird. Dieser zeichnete die Trennung von Moral und Religion. Doch, so zeigte Hidalgo, entsagt sich Machiavelli damit keineswegs der Moral als solcher, viel eher eröffnet er damit den Weg für einen „Bürgerhumanismus“, von dem auch noch heutige Demokratien zehren.
In seinem Werk „Leviathan“ führte der Philosoph Thomas Hobbes eine politische Theorie ein, die bis heute die Diskussion prägt, wie weit staatliche Gewalt reichen darf
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Hobbes‘ Theorie als Basis für den modernen Staat
Thomas Hobbes‘ politische Philosophie war stark vom Chaos des englischen Bürgerkriegs beeinflusst. Hobbes bezeichnete den Naturzustand als einen Zustand des Krieges „aller gegen alle“ (bellum omnium contra omnes), in dem das Leben der Menschen „einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz“ sei. Um diesen Naturzustand zu überwinden, sei eine starke, souveräne Staatsmacht notwendig – der Leviathan, legitimiert durch einen Gesellschaftsvertrag. Dieses Bild eines übermächtigen Staates, der Frieden und Sicherheit garantiert, steht im Zentrum von Hobbes 'politischem Denken.
Individuen geben im Naturzustand ihre Freiheit auf und unterwerfen sich dem Souverän, der im Gegenzug für Sicherheit sorgt. Der Souverän besitzt dabei uneingeschränkte Macht. Hidalgo verdeutlichte, dass Hobbes damit eine Grundlage für den modernen Staat schuf, indem er Legitimation durch die Rationalität des Individuums suchte. In seinem Werk „Leviathan“ führte Hobbes eine politische Theorie ein, die bis heute die Diskussion, wie weit staatliche Gewalt reichen darf, Souveranität und individuelle Freiheit prägt.
Während Machiavelli den Konflikt als notwendigen Bestandteil politischer Systeme betonte, sah Hobbes den Staat eher als notwendiges Übel, um den naturgegebenen Konflikt zwischen den Menschen zu bändigen. Ein wesentlicher Unterschied liegt in der Auffassung der Rolle des Einzelnen: Während Machiavelli von einer gewissen Autonomie des Einzelnen innerhalb eines republikanischen Systems ausgeht, betont Hobbes die Notwendigkeit der vollständigen Unterwerfung unter die staatliche Autorität, weiß Hidalgo. Im Rahmen des Seminars wurde kritisch die Auffassung von beiden Denkern diskutiert und in unsere heutige Zeit eingeordnet.
Wie relevant sind diese Fragen für die heutige Zeit? Können daraus sogar Gefahren für die Demokratie entstehen?“ Nach einem Vortrag und Impulsen von Oliver Hidalgo, diskutierten die Seminarteilnehmer lebhaft zu den gestellten theoretischen Entwürfen.
Welche Antworten lassen sich in der heutigen Zeit auf diese Gesellschaftsentwürfe und aus unserem heutigen liberalen Demokratieverständnis finden? Zeigt sich in Zeiten globaler Krisen und Kriege vermehrt die Frage nach Legitimation von Macht, der Notwendigkeit staatlicher Institutionen und der Rolle des Individuums? Können wir Machiavellis Ideen dahingehend interpretieren, dass der positive Wert von Konflikten innerhalb politischer Systeme zur Stärkung demokratischer Strukturen beiträgt? Auch zur politischen Theorie von Thomas Hobbes kamen viele Fragen auf. Dieser zeigte die Begründung eines absolutistischen Herrschaftskonzepts durch Unterwerfung des Individualwillens für Frieden und Sicherheit. Doch ist sein Menschbild, seine Prämisse auf der dieses basiert, überhaupt noch aktuell? Wie muss staatliche Macht durch Rechtsnormen und z.B. Grundgesetze eingeschränkt werden, damit Demokratie und der Bürger nicht wehrlos sind?
Autorinnen und Autoren: Juliane Gröger, Timo Feilen