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Die langen Schatten des Imperiums: Die USA und das Alte Rom
Das Kapitol in Washington D.C., Sitz des US-Kongress, ist architektonisch dem Klassizismus zuzuordnen. Die USA nehmen nicht nur in architektonischer Hinsicht immer wieder Bezug zum Alten Rom: Aufschlussreich für ein Verständnis der USA und ihres politischen Selbstverständnisses ist die Tatsache, dass Amerika seit seiner Gründung immer wieder im Vergleich zum Römischen Reich über sich selbst spricht. Der Vergleich erzählt vor allem etwas über Amerikas Vorstellung von Republik, Macht und Imperium.
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Historisches Déjà-vu: Imperium gegen Iran?
Ein Multimillionär hat das höchste politische Amt einer Republik errungen. Er lebt in einem Staat, in dem regelmäßig gewählt wird, in dem Geld und Einfluss für das Erreichen politischer Ziele aber eine entscheidende Rolle spielen. Bereits einige Jahre zuvor war er zum mächtigsten Mann dieses Staates gewählt worden – gegen den erbitterten Widerstand seiner politischen Gegner und in einem extrem polarisierten Klima. Nach mehreren Jahren ohne Amt steht er wieder an der Spitze der Republik. Doch sein innenpolitischer Einfluss schwindet, andere sind beliebter. Ein außenpolitischer, möglichst militärischer Erfolg muss her, am besten gegen die alten Erzfeinde: die Herrscher des Landes, das sich Iran nennt. Der Multimillionär versammelt die scheinbar überlegenen Streitkräfte der Republik, stößt tief in das Herrschaftsgebiet des Gegners vor – und erleidet eine vernichtende Niederlage. Er hat die strategische und taktische Stärke des Feindes aus dem Nahen Osten unterschätzt. Ergebnisse sind Gesichtsverlust und hohe Reparationszahlungen. Die Geschichte klingt bemerkenswert aktuell. Sie ereignete sich allerdings nicht 2026, sondern vor mehr als 2000 Jahren. Ihr Protagonist heißt nicht Donald Trump, sondern Marcus Licinius Crassus.
(Un)historische Analogien zwischen Rom und den USA
Die scheinbare Parallele ist nicht verborgen geblieben. Kurz nach dem Waffenstillstand zwischen Washington und Teheran im Juni 2026 erschien bereits der erste Leitartikel, der die Schwierigkeiten der Weltmacht Amerika, die Regionalmacht Iran zu bezwingen, mit den Problemen der Römer im Kampf gegen ihre persisch-parthischen Erzfeinde vom iranischen Hochland verglich. Immerhin eine Seite der Analogie bleibt dabei geografisch an Ort und Stelle.
Solche Anspielungen sind keineswegs neu. Schon vor der Wiederwahl Donald Trumps schrieb Elon Musk auf X einen Satz, über den Althistoriker zugleich lachen und erschrecken konnten: „Perhaps we just need a modern day Sulla.“ Vielleicht brauchen wir einfach einen modernen Sulla. Das ist eine aufschlussreiche Empfehlung. Lucius Cornelius Sulla marschierte als erster römischer Feldherr mit seinem Heer gegen die eigene Hauptstadt. Er ließ politische Gegner auf Todeslisten setzen, konfiszierte ihr Vermögen und nannte das anschließend die Rettung der Republik. Auf Listen empfehlenswerter Staatsmänner begegnet man ihm üblicherweise nicht.
Das Kuriose an solchen Vergleichen ist nicht, dass sie meistens hinken. Historische Analogien hinken fast immer. Das Kuriose ist, wie zuverlässig sie wiederkehren. Sobald die amerikanische Politik in unruhiges Fahrwasser gerät, bevölkern antike Perser, Julius Caesar, Kaiser Augustus oder eben Sulla die Leitartikel, Podcasts und Kommentarspalten.
Demonstranten ziehen unter dem Ruf „No Kings“ durch amerikanische Städte. Kommentatoren erklären, die Vereinigten Staaten befänden sich dort, wo Rom kurz vor dem Untergang der Republik gestanden habe – oder wahlweise gleich vor dem Untergang des gesamten Römischen Reiches. Wer solche Vergleiche zum ersten Mal hört, ist meist beeindruckt. Wer sie zum zwanzigsten Mal liest, entwickelt eine gewisse Sympathie für die chronische Gereiztheit von Historikern. Der Untergang der Republik und der Untergang des römischen Reiches sind schließlich zwei komplett verschiedene Ereignisse – je nach Sichtweise liegen 1500 Jahre dazwischen, also das Sechsfache der bisherigen Existenz der Vereinigten Staaten. Das interessiert im Tagesgeschäft jedoch wenig, Rom ist in den USA politische Umgangssprache, historische Genauigkeit hin oder her – eine Konstante seit der Gründung der Vereinigten Staaten vor 250 Jahren.
Sind die USA das neue Römische Reich?
Die Frage, ob die Vereinigten Staaten das neue Rom seien, ist dabei die langweiligste. Sie ist zu groß, zu glatt und zu eitel. Natürlich lassen sich Ähnlichkeiten finden: Weltmacht, militärische Präsenz, Sendungsbewusstsein und klassische Säulen prägen Rom und Washington. Wer lange genug sucht, findet allerdings immer historische Parallelen, selbst zwischen dem antiken Athen und dem Silicon Valley oder zwischen Dschingis Khan und einem beliebigen modernen Regierungschef.
Die Unterschiede zwischen Rom und den Vereinigten Staaten sind enorm. Rom war eine vormoderne Agrargesellschaft. Sein politisches System kam ohne moderne Parteien, Massenmedien, Industrialisierung, Nationalstaaten oder internationales Recht aus. Die Vereinigten Staaten sind eine moderne Verfassungsordnung, deren Macht sich über Finanzmärkte, Technologie, Bündnisse, Medien und globale Institutionen entfaltet. Man sollte deshalb nicht so tun, als habe die Geschichte ein Drehbuch geschrieben und lediglich die Kostüme gewechselt.
Aber Amerika spricht mit Rom – und zwar seit seiner Gründung: Was hält eine Republik zusammen? Woran erkennt man den Moment, in dem ihre Institutionen noch dieselben Namen tragen, ihr Geist aber längst ein anderer geworden ist? Ab wann gerät die persönliche Freiheit in den Schatten des Imperiums? Diese Fragen prägen die amerikanische Auseinandersetzung mit der römischen Geschichte bis heute.
Die römische Republik: Vorbild der amerikanischen Gründerväter
Diese Fragen stellten sich die amerikanischen Revolutionäre und Gründerväter des 18. Jahrhunderts mit bemerkenswerter Intensität. Die Antike war für sie kein Bildungsschmuck, sondern ein Reservoir politischer Erfahrung. Thomas Jefferson, John Adams, James Madison und Alexander Hamilton lasen Cicero, Sallust oder Livius nicht nur, weil es ihre Lateinlehrer von ihnen verlangten. Sie suchten nach Beispielen, Warnungen und politischen Modellen. Und sie fanden sie: Die Unabhängigkeitserklärung von 1776 und besonders die Verfassung von 1787 entstanden in einer Welt, in der die Antike mit am Tisch saß. Stabilität entstehe, so die Analyse antiker Autoren, aus der Verbindung monarchischer, aristokratischer und demokratischer Elemente; keine Gewalt dürfe allein herrschen, jede müsse die andere begrenzen, so wie in der römischen Republik, bevor sie von den Kaisern übernommen wurde. Das Prinzip der gegenseitigen Begrenzung politischer Macht wurde damit zu einem zentralen Bezugspunkt der amerikanischen Verfassungsdebatte. Über Machiavelli und Montesquieu wanderte dieser Gedanke in die Debatten des 18. Jahrhunderts.
James Madison übernahm keine römische Verfassung. Er dachte aber in einem Horizont, den Rom mitgeprägt hatte. Die Gründergeneration blickte dabei nicht bewundernd auf das spätere Rom der Kaiser, Paläste und Arenen. Ihr Rom war die Republik: der Senat, die Volksversammlungen, die Wahlen, das Bürgerrecht und der beinahe obsessive Hass auf Könige. Das Kaiserreich stand am Ende dieser Geschichte. Es war kein Vorbild, sondern eine Warnung.
George Washington als moderner Cincinnatus
Der Römer, mit dem George Washington verglichen werden wollte, hieß deshalb nicht Julius Caesar. Sein Name war Lucius Quinctius Cincinnatus. Nach der Überlieferung des Livius wurde im 5. Jh. v. Chr. Lucius Quinctius Cincinnatus, als er gerade sein Feld pflügte, zum temporären Oberbefehlshaber berufen, rettete Rom vor anstürmenden Barbaren und legte seine außerordentliche Gewalt anschließend sofort freiwillig wieder nieder und ging zurück auf seine Felder – beinahe, ohne zwischendurch die Tunika zu wechseln. Dass sich diese Geschichte wahrscheinlich so nie ereignet hat, ist fast nebensächlich. Sie erzählt eine Geschichte, die alle Republiken brauchen: Der gute Bürger übernimmt Macht, wenn die Not es verlangt, und gibt sie zurück, sobald die Gefahr vorüber ist.
Washingtons Rücktritt vom militärischen Oberbefehl nach dem Unabhängigkeitskrieg wurde bewusst in diesem Licht gelesen. Dasselbe galt später für seinen Verzicht auf eine dritte Amtszeit als Präsident. Die 1783 gegründete Society of the Cincinnati machte aus dem Vergleich mit dem römischen Staatsmann sogar ihren Namen. Die amerikanische Stadt Cincinnati trägt ihn bis heute. Es war ein eigentümlich römisches Kompliment: Washington war groß, weil er nicht blieb. In einer politischen Kultur, die aus dem Misstrauen gegenüber monarchischer Herrschaft hervorgegangen war, galt freiwillige Selbstbegrenzung nicht als private Tugend. Sie war ein öffentliches Ereignis. Die Legitimität des republikanischen Staatsmannes zeigte sich gerade darin, dass er Macht ausübte, ohne sie zu seinem persönlichen Eigentum zu machen.
Die Arme von Abraham Lincoln, 16. Präsident der Vereinigten Staaten, im Lincoln Memorial, ruhen auf den Fasces, den Rutenbündeln, Machtsymbole der römischen Republik.
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Der Untergang der Republik: Die Warnung der Geschichte
Doch die römische Republik bot nicht nur positive Beispiele. Vor allem bot sie eine große Katastrophe. Ihre späte Geschichte ließ sich als Drama lesen, in dem persönliche Ambition und institutionelle Erschöpfung ein Gemeinwesen von innen heraus veränderten. Im ersten Jahrhundert vor Christus geriet die Republik in eine Krise, an deren Ende keine Republik mehr stand, sondern ein Kaiserreich.
Es wirkt beinahe wie eine politische Erzählform: Erst kommen die Ausnahmemänner. Dann die Ausnahmezustände. Dann die Gewalt. Schließlich erscheint ein Mann, der Ordnung verspricht. Am Ende bleibt die Republik als Wort erhalten, während ihre Wirklichkeit sich verflüchtigt und ein Kaiser regiert. Rom macht politische Theorie anschaulich. Darin liegt seine Stärke. Zugleich verführt die römische Geschichte dazu, politische Konflikte als antike Tragödien zu inszenieren. Nicht jede institutionelle Krise ist der Beginn eines neuen Bürgerkriegs, nicht jeder populäre Politiker ein Caesar und nicht jeder starke Präsident ein Augustus.
Lange blieb die amerikanische Berufung auf Rom dennoch überwiegend republikanisch. Die junge Republik verstand sich nicht als neue Weltmacht, sondern als Gegenentwurf zu imperialer Überdehnung. Das Imperium wurde durch das britische Empire verkörpert, gegen das man gerade erfolgreich rebelliert hatte. Dass sich ausgerechnet diese Republik später selbst in der Rolle einer globalen Ordnungsmacht wiederfinden würde, gehört zu den großen Ironien der Geschichte.
Vom republikanischen Amerika zur Pax Americana
Im 20. Jahrhundert verschob sich der Blick. Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg standen die Vereinigten Staaten im Zentrum eines weltpolitischen Systems. Militärstützpunkte, Bündnisse, Handelsordnungen, der Dollar, Hollywood, Universitäten und Technologie bildeten eine Form von Macht, die nach historischen Namen verlangte.
Seit dem Ende des Kalten Krieges wurde Rom endgültig zur bevorzugten Chiffre amerikanischer Hegemonie. Man sprach von der „Pax Americana“, von der „imperial republic“ und vom „neuen Rom“. Der Vergleich war praktisch. Er verlieh der Gegenwart historische Tiefe und der Analyse einen gewissen Marmorglanz. Für Journalisten ist das beinahe unwiderstehlich. Für Historiker ist es allzu einfach.
Denn das Römische Reich selbst war komplizierter, als es die gängigen Bilder vermuten lassen. Römische Herrschaft beruhte auf Gewalt, aber ebenso auf Verhandlung, Integration, Status, Privilegien und lokalen Eliten. Diese Eliten sahen in der römischen Ordnung häufig mehr Chancen als Zumutungen. Die amerikanische Weltmacht lässt sich deshalb nur sehr begrenzt in römische Kategorien übersetzen. Die Ähnlichkeit liegt eher im politischen Gefühl als in der historischen Struktur: In der Erfahrung einer Ordnung, die von einem mächtigen Zentrum geprägt wird, ohne überall unmittelbar zu herrschen. Für einen Essay kann diese Analogie anregend sein. Für eine genaue historische Analyse wird sie schnell dünn.
Donald Trump zwischen Sulla, Caesar und „No Kings“
Paradoxerweise hat diese Einsicht die Attraktivität des Rom-Vergleichs nicht vermindert. In den vergangenen Jahren hat er vielmehr eine neue politische Aktualität gewonnen. Rom dient dabei nicht als Modell, sondern als Fundus. Caesar überschreitet den Rubikon und erringt die Alleinherrschaft. Cincinnatus kehrt auf seinen Acker zurück. Sulla rettet die Republik, indem er ihr mörderische Gewalt antut. Crassus will innenpolitische Anerkennung gewinnen, beginnt einen unprovozierten Krieg gegen das Reich der Parther im heutigen Iran und verliert krachend. Das sind in der politischen Erinnerung keine historischen Personen mehr. Es sind Rollen, die jederzeit neu besetzt werden können.
Ein Mann wie Elon Musk empfiehlt keinen römischen Diktator wie Sulla, weil er sich brennend für die Feinheiten der republikanischen Verfassung interessiert. Der Reiz liegt im Bild: ein entschlossener Mann räumt auf, setzt eine korrupte Ordnung instand. Dass zwischen Aufräumen und alle politischen Gegner Ermorden ein Unterschied besteht, der zumindest den Betroffenen nicht nebensächlich erschienen wäre, stört die Pointe. Politische Erinnerung nimmt, was brauchbar ist, und lässt den Rest in der Leichenhalle der Details.
Gerade darin liegt allerdings die eigentliche historische Warnung. Sulla verkörpert das Versprechen, eine beschädigte Republik könne durch einen starken Mann gerettet werden, der ihre Regeln vorübergehend außer Kraft setzt. Zuerst soll die Ordnung wiederhergestellt werden, dann die Normalität zurückkehren. Die römische Geschichte zeigt, wie gefährlich diese Hoffnung ist. Wer Institutionen retten will, indem er sie suspendiert, verändert sie dauerhaft. Außerordentliche Gewalt schafft Präzedenzfälle. Der Ausnahmezustand verschwindet nicht einfach, wenn der Ausnahmemann abtritt.
Die „No Kings“-Rhetorik der Proteste gegen Donald Trump führt noch weiter zurück, zu einer der ältesten Erzählungen römischer Freiheit. Die Vertreibung der Könige ganz zu Beginn der Republik war für die Römer Gründungsmythos und politisches Trauma zugleich. Der König blieb das Schreckbild persönlicher Willkür, lange nachdem es in Rom keine Könige mehr gab. Nicht umsonst wurde Caesar ermordet, weil man fürchtete, er würde sich zum König aufschwingen. In Amerika, das selbst aus einer Revolution gegen monarchische Herrschaft hervorging, findet diese Sprache sofort Resonanz. Der Ruf „No Kings“ ist daher zugleich modern und sehr alt. Freiheit wird dort definiert, wo persönliche Alleinherrschaft zurückgewiesen wird. Aber: Die römische Republik operierte unter Voraussetzungen, die mit modernen Demokratien nur begrenzt vergleichbar sind. Massenmedien, Parteien, unabhängige Gerichte, föderale Institutionen oder verfassungsgerichtliche Kontrolle besitzen keine antiken Entsprechungen. Wer unmittelbar von Trump zu Sulla oder Caesar übergeht, ersetzt historische Analyse durch symbolische Politik.
Die Parole erzählt dennoch etwas Wesentliches über das amerikanische Selbstverständnis. Das Präsidentenamt soll Macht verleihen, ohne monarchisch zu werden. Der Präsident soll führen, ohne über dem Gesetz zu stehen. In dem Moment, in dem das Amt als persönlicher Besitz erscheint, kehrt die alte republikanische Angst vor dem König zurück. Die Debatte berührt damit zentrale Fragen nach Präsidialmacht, Verfassung und demokratischer Kontrolle in den USA.
Rom und die Verletzlichkeit der amerikanischen Republik
Es ist nützlich, die Mechanik dieser Aneignung zu verstehen. Rom wird in Amerika nicht deshalb angerufen, weil es so ähnlich wäre. Es wird angerufen, weil es verfügbar ist. Die römische Geschichte bietet einen Vorrat an Konflikten, der verblüffend anschlussfähig bleibt: Republik gegen Alleinherrschaft, Tugend gegen Korruption, Institution gegen Person, Freiheit gegen Ordnung, Expansion gegen Selbstzerstörung. Diese Gegensätze sind grob, manchmal irreführend, aber sie strukturieren politische Vorstellungskraft. Sie machen aus abstrakten Problemen erzählbare Szenen. Politische Erinnerung ist selektiv, und gerade die Auswahl ist verräterisch. Sie zeigt, welche Geschichten eine Gesellschaft über sich selbst erzählen möchte.
Das römische Personal, das im amerikanischen Diskurs immer wieder erscheint, gruppiert sich um eine einzige Sorge: die Verletzlichkeit der Republik. Cincinnatus, Sulla, Caesar, Crassus — sie alle verkörpern Varianten desselben Problems, nämlich das Verhältnis von persönlicher Macht und institutioneller Ordnung. Selbst dort, wo vom amerikanischen Imperium die Rede ist, klingt im Hintergrund die alte republikanische Angst mit: Was macht Weltmacht aus einer Republik? Diese Frage hat die Gründergeneration gestellt, und sie ist nie ganz verschwunden. Sie wurde im 19. Jahrhundert durch Expansion und Bürgerkrieg verändert, im 20. Jahrhundert durch globale Hegemonie neu formuliert, und sie kehrt heute in den Debatten über Polarisierung, Präsidialmacht und Verfassungsbruch wieder. Die Römer liefern dafür keine Antwort. Aber sie stellen die Frage in einer Form, die man versteht.
Vielleicht erklärt das den langen Schatten Roms besser als jede strukturelle Parallele. Geschichte wiederholt sich nicht; sie wird wiederverwendet. Jede Generation nimmt aus der Vergangenheit, was sie braucht, und nennt es Erinnerung. Rom ist in dieser Hinsicht besonders erfolgreich, weil es beides zugleich bietet: genügend historische Fremdheit, um Autorität zu besitzen, und genügend erzählerische Klarheit, um verwendbar zu bleiben.
Die römische Geschichte - hier das Forum Romanum, der Mittelpunkt des Römischen Reichs - beeinflusst das amerikanische Selbstverständnis und veranschaulicht, wie Amerika über Macht, Freiheit, Republik und politische Krisen spricht.
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Rom als politische Sprache Amerikas
Am Ende bleibt daher eine eher nüchterne Pointe. Amerika ist nicht Rom. Es war nie Rom, weder als Republik noch als Imperium. Die Vereinigten Staaten besitzen ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Krisen, ihre eigenen Formen der Macht. Rom erklärt sie nicht.
Aber Rom erklärt, wie Amerika über sich spricht. Seit 250 Jahren dient die römische Geschichte als Spiegelkabinett amerikanischer Selbstdeutung. Die Bilder wechseln, der Raum bleibt. Die langen Schatten des Imperiums reichen deshalb nicht bis in unsere Gegenwart, weil Rom das Schicksal Amerikas vorweggenommen hätte. Wer heute über Republik, Freiheit, Macht und Verfall spricht, benutzt aber eine Sprache, deren Grammatik in der römischen Antike entstand. Das macht die USA nicht römisch. Es macht Rom nicht modern. Aber es erklärt, warum die Römer immer wieder auftauchen, wenn Amerika unsicher wird, was es ist – oder was es werden könnte.
Literatur
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